Die spanischen Roma: Äußere Unterdrückung, innere Freiheit

Das Album Persecución (Verfolgung) von Félix Grande und „El Lebrijano“

Eine Reise in die Welt des Flamencos/6

Das Album Persecución (Verfolgung) von Félix Grande und „El Lebrijano“ kreist um das Schicksal der spanischen Roma (Calé). Es thematisiert sowohl die Geschichte ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung als auch die innere Freiheit, die sie sich allen Widerständen zum Trotz bewahrt haben.

Podcast:

Karawane

Frei sind wir,
frei wie der Wind,
frei wie die Sterne
am Firmament,
frei wie unsere Väter,
unsere Großväter
und alle unsere Toten.
Frei sind wir,
frei wie der Wind.

In der Blüte des Morgens
hebt sich über den Horizont
die Karawane der Gitanos.

In den Rädern ihrer Wagen
singen die Jahrhunderte,
die ganze weite Welt
knistert unter ihren Planen.

Patriarch, weise uns den Weg
durch die Felder, durch die Berge,
auf dass neuer Wein entspringe
aus dem Salz der Erde!

Frei sind wir …

Dein glühendes Gewand, Liebste,
eine Zunge aus purem Feuer,
trocknet die Tränen des Taus.

Dein Ohrring fängt die Sonnenperlen,
und deine Augen trinken
den Zauberglanz der Ringe
an deinen Feenhänden.

Gehüllt in den Mantel deiner Liebe,
werde ich das Kleid der Freiheit
für mich und dich bewahren.

Frei sind wir …

Mit seinen tanzenden Armen
hüllt die Glut des Lagerfeuers
die Gesichter in die Farbe der Liebe.

Der knisternde Gesang der Flammen
verschmilzt mit Liedern junger Liebe
vor dem Spiegelsaal des Schlafes.

Geheimnisvolle Kartenbilder
erwachen in vergilbten Händen,
Zukunft mischt sich mit Vergangenheit,
Erinnerung mit Vorahnung.

Leise flüstern krause Lippen:
„Heilige Muttergottes,
erbarme dich meiner Enkel
und der Enkel meiner Enkel!
Erbarme dich all dessen,
was geschieht und noch geschehen wird!
Lass aus meiner greisen Hand
das Erbarmen deiner Hände sprechen!“

Félix Grande: Caravana Text Nr. 2 aus dem 1976 erschienenen Album Persecución (Verfolgung) von Juan Peña Fernández („El Lebrijano“)

Albumfassung (Lied beginnt bei 2:27):

Ein Idealbild des Gitano-Lebens

Der Dichter Félix Grande Lara (1937 – 2014), der obiges Gedicht verfasst hat, stammt selbst nicht aus einer Roma-Familie. Das Bindeglied für seine Beschäftigung mit der Kultur der Calé ist der Flamenco, für den er sich von früher Jugend an begeistert hat. Dies bezog sich zum einen auf das Gitarrenspiel, zum anderen auf die theoretische Auseinandersetzung mit dem Flamenco [1].

Das Gedicht Caravana findet sich am Anfang des Albums Persecución, wird am Schluss aber noch einmal als Chorgesang aufgegriffen. Es feiert die Freiheit und Ungebundenheit eines nomadisierenden Lebens, die mystische Stimmung der Lagerfeuerabende und die Weisheit der Alten, die aus dem Erfahrungsschatz vergangener Generationen wichtiges Orientierungswissen ableiten können.

Angedeutet werden ferner typische Strukturen von Roma-Gemeinschaften. Dies gilt etwa für die „wegweisende“ Rolle des Oberhaupts bzw. „Patriarchen“, die soziale Funktion der Gemeinschaftsabende am Lagerfeuer oder die Verbindung von Religion und Wahrsagekunst. Der dabei benutzte Begriff „egipciana“ verweist auf die irrtümliche Ableitung der Herkunft von Roma-Gemeinschaften aus Ägypten (woraus sich auch die Bezeichnung „gipsy“ herleitet).

Der Text im Rahmen des Albums Persecución (Verfolgung)

Isoliert betrachtet, erscheint das Gedicht als romantisierende Sicht des Gitano-Lebens. Die positiven Seiten werden hervorgehoben, negative Aspekte wie die nicht immer einfache Suche nach einem geeigneten Lagerplatz, die schwierige Bestreitung des Lebensunterhalts und die Diskriminierung durch Außenstehende werden ausgespart.

Trotzdem wäre es nicht gerechtfertigt, das Gedicht als einseitig oder klischeehaft zu kritisieren. Denn es handelt sich bei ihm eben nicht um ein isoliertes Werk, sondern um einen Teil eines Textzyklus und eines darauf basierenden Musikalbums. Dieses macht schon durch seinen Titel – Persecución (Verfolgung) – deutlich, dass der Schwerpunkt keineswegs auf einer romantisierenden Sicht des Lebens der Roma liegt. Im Vordergrund steht vielmehr die Geschichte ihrer Verfolgung in Spanien.

Der persönliche Bezug des Dichters hierzu ergibt sich aus seiner eigenen Lebensgeschichte. So hat sein Vater auf Seiten der Republikaner gegen die Truppen Francos gekämpft, unter dessen Herrschaft später auch die Kultur und Sprache der Roma massiv unterdrückt wurde. Seine Jugend hat er auf dem Land verbracht, wo sein Großvater als Ziegenhirte arbeitete und er selbst als Tagelöhner zum Familieneinkommen beitragen musste.

Thematisierung der Unterdrückungsgeschichte der spanischen Roma

Die Texte von Félix Grande dienten als Grundlage für ein Konzeptalbum von Juan Peña Fernández alias „El Lebrijano“, das neben von diesem gesungenen Liedern auch von Musik untermalte Rezitationen des Dichters enthält. Die Verfolgung, der die Roma über die Jahrhunderte hinweg in Spanien ausgesetzt waren, wird dabei etwa in den Liedern No le temblaron los manos (Ihre Hände zitterten nicht) und Mi condena (Meine Strafe) thematisiert [2].

In dem Song No le temblaron los manos geht es um die Verfolgungswelle, denen nicht der katholischen Mehrheitskultur angehörende Menschen nach der vollständigen Verdrängung der arabischen Herrscher von der iberischen Halbinsel durch das „katholische Königspaar“ (die „Reyes Católicos“) Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón ausgesetzt waren [3]. Die Verfolgungen waren das unmittelbare Resultat einer kompromisslosen Assimilierungspolitik, die Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens zur Konversion zum katholischen Glauben zwang. Tausende verließen daraufhin das Land, um sich ihren Glauben zu bewahren.

In diesem Kontext wurden auch die Roma zur Anpassung an die Mehrheitskultur gedrängt. Dabei wurde ihnen nicht nur das Recht auf eine eigene Kultur abgesprochen. Die Assimilierungspraxis umfasste vielmehr auch gewaltsame Vorgehensweisen, wie etwa Formen von Zwangsarbeit [4].

Hiervon erzählt der Song Mi condena (Meine Strafe): Er prangert die Verschleppung von Angehörigen der Roma zur Arbeit auf den spanischen Galeeren an. Die Zwangsarbeit erscheint dabei als Strafe, die Angehörigen der Roma bzw. Calé vom spanischen Staat allein aufgrund ihrer von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden Kultur und Identität auferlegt wurde [5].

Kulturelle Reconquista

Dieser kritische Blick auf den Umgang des spanischen Staates mit der Roma-Minderheit im Land passte natürlich schlecht zu der romantisierenden Darstellung der „Gitanos“ in den populären Flamenco-Stücken aus den Jahren der Franco-Diktatur, die auch in den Jahren danach noch die Unterhaltungsindustrie beeinflussten. Der Gegenwind, der El Lebrijano aus rechtsnationalen Kreisen für seine im vorigen Kapitel thematisierten interkulturellen Flamenco-Projekte entgegenschlug, erhielt dadurch zusätzliche Nahrung.

Indem das Album Persecución der spanischen Gesellschaft einen Spiegel ihres inhumanen Umgangs mit den Roma vorhielt, zerstörte es den Mythos der unbeschwerten Gitanos, die sich freudig zu einem Objekt des amüsierhungrigen Bürgertums machen. Damit erscheint das Album auch als ein Akt der Wiederaneignung der eigenen Kultur, also gewissermaßen als eine kulturelle Reconquista.

In diesem Kontext ist auch das eingangs wiedergegebene Lied Caravana zu sehen. Indem es am Ende des Albums noch einmal aufgegriffen wird, schließt es auch den Kreis zu einem Gedicht vom Anfang der Textsammlung und des Albums, das um die Ankunft der Roma in Spanien kreist.

Darin verspricht der „Patriarch“ seinem Clan, dass man seine „patria profunda“, also die „tiefe“, in der Clan-Seele verwurzelte Heimat, auch an den neuen Ort mitnehmen werde – die Heimat mit dem Namen „libertad“ (Freiheit). Damit wird hier also die innere, unantastbare, der äußeren, durch staatliche Übergriffe beschädigten Freiheit gegenübergestellt [6].

Erst vor diesem Hintergrund entfaltet sich auch der ganze Bedeutungshorizont des Gedichts Caravana: Es stellt die innere Freiheit heraus, die allen Verfolgungen zum Trotz überlebt hat – und die deshalb auch den Ausgangspunkt für ein neues, freieres Leben in einem weniger von Diskriminierung geprägten Umfeld darstellen kann.

Nachweise und Anmerkungen

[1]    Als Flamencologe hat Félix Grande ein umfangreiches Standardwerk zum Flamenco verfasst: Memoria del Flamenco. Es ist zuerst 1979 in zwei Bänden erschienen. Eine Taschenbuchausgabe in einem Band ist 1995 von der Galaxia Gutenberg in Barcelona herausgebracht worden und hat 518 Seiten.

[2]    Die auf dem Album enthaltenen Lieder sind nachzulesen und nachzuhören auf nuestroflamenco.blogspot.com: Juan Peña „El Lebrijano“: CD „Persecución“. Un relato del poeta Félix Grande.

[3]    Es handelt sich um das vierte Stück des Albums. Der Verweis auf das fehlende Zittern der Hände verweist auf die Kaltblütigkeit, mit der das katholische Königspaar die Dekrete unterzeichnete, aus denen Assimilierungszwang und die Verfolgung Andersgläubiger resultierten.

[4]    Vgl. hierzu Sánchez Ortega, Maria Helena: Los gitanos condenados como galeotes en la España de los Austrias (PDF). In: Espacio, Tiempo y Forma, Serie IV, Historia Moderna 18/19 (2005-2006), S. 87 – 104; allgemein zur Verfolgung der spanischen Roma (Calé): Alfaro, Antonio Gómez: La presencia histórica de los gitanos en España (PDF).

[5]    Mi condena ist der fünfte Titel auf dem Album Persecución (s. Anm. 2).

[6] Das auf dem Album von Félix Grande rezitierte Gedicht trägt den Titel Canto anónimo – was die mündliche Überlieferungspraxis und dadurch bedingte Verwischung der Urheberschaft traditioneller Flamencolieder aufgreift (vgl. ebd.).

Bild: Bild: Christen Dalsgaard (1824 – 1907): Angehörige eines fahrenden Volks bei der Heimkehr über die Heide mit ihrem Kind auf dem Rücken (1850); Wikimedia commons

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..