Die Wurzeln des Flamencos in der Kultur der spanischen Roma (Calé)
Eine Reise in die Welt des Flamencos/4
Camarón de la Islas Song Soy gitano (Ich bin ein Gitano) – ein Meilenstein des „Nuevo Flamenco“ – verweist auf die Wurzeln des Flamencos in der Kultur der spanischen Roma. Zugleich thematisiert er die Brüche, denen deren Identität in der modernen spanischen Gesellschaft ausgesetzt ist.
Ich bin ein Gitano
Ich ertrage es nicht länger,
nein, so kann ich nicht mehr leben,
ich kann es nicht und will es nicht,
selbst wenn Gott es für mich wollte.
Nein, so kann ich nicht mehr leben,
weil ich ohne sie nicht leben kann.
Als Gitano komme ich zu deiner Hochzeit,
und dort werde ich mein Hemd zerreißen.
Ich habe nur dies eine Hemd,
nur dies Hemd, das sie entstellten,
und auf deiner Hochzeit werde ich
dieses Hemd in Stücke reißen.
Ay, Espartogras, Adiós!1
Ay, Olivenbaum, Adiós!
Weinstock, Ay, Adiós!
So sehr es mich auch schmerzt –
ich werde euch verlassen!
Als Gitano komme ich zu deiner Hochzeit,
und dort werde ich mein Hemd zerreißen
aus tiefer Trauer über all die Liebe,
all die vergebliche Liebe zu dir.
Und doch liebe ich noch immer
den minzgetränkten Wiesenatem,
den Gesang der dunkelhellen Stimmen
mit ihrem bittersüßen Soléa-Klang2
zum Zirpen der Gitarre und dem Tanz
der flackernden Kerze in deinen Augen.
Jetzt aber komme ich zu deiner Hochzeit,
und dort werde ich mein Hemd zerreißen.
Ja, ich werde es in Stücke reißen,
dieses Hemd, das sie entstellten,
das sie in ihren Farben färbten,
dieses Hemd, das einzige,
das mir geblieben ist.
Erläuterungen :
- Espartogras: im südlichen Mittelmeerraum anzutreffende Gräserart, deren Blattfasern u.a. für die Herstellung von Schuhen (Espadrilles), Seilen, Matten, Körben und einer bestimmten Art von Papier (Alfapapier) verwendet werden. Die Verarbeitung des Materials war für Gitano-Gemeinschaften ein wichtiges Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts und damit auch zum kulturellen Überleben. Es steht damit für Unabhängigkeit, gleichzeitig aber auch für ein Leben im Rhythmus der Natur und die enge Verbundenheit mit der andalusischen Heimat der spanischen Roma, wo die sonnigen, trockenen Standorte der Steppengebiete ideale Bedingungen für das Espartogras bieten.
- Soleá: Der Cante por Soleá ist eine Variante des Flamenco-Liedes, die sich durch einen getragenen Gesang auszeichnet. Dies ist – entsprechend der semantischen Nähe von „soleá“ und „soledad“ (Einsamkeit) – oft mit einer melancholischen Stimmung verbunden. Deren Verknüpfung mit einer ebenso gebrochen klingenden wie heiteren Stimme („una voz quebrá‘ y serena“) betont jedoch zugleich das Halt gebende, „tragende“ Element des getragenen Gesangs.
Camarón de la Isla / José Fernández Torres (Tomatito) / Vicente Amigo:
Soy gitano (aus dem gleichnamigen, 1989 erschienenen Album)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 1990:
Der „Nuevo Flamenco“: Musikalische als Spiegelbild politischer Offenheit
Der Song Soy gitano – dargeboten in der Flamenco-Variante (Palo) der „Tangos“ – ist ein Meilenstein des Nuevo Flamenco. Dabei handelt es sich um eine musikalische Reformbewegung, die dem Flamenco seit Mitte der 1970er Jahre neue Impulse zuführte. Dies betraf etwa eine Öffnung für weitere, moderne Instrumente – wie beispielsweise Keyboard oder E-Gitarre – und eine größere Offenheit für Crossover-Projekte unter Einbeziehung anderer Musikstile.
Motiviert wurde dieser Innovationsprozess nicht zuletzt durch die Instrumentalisierung des Flamencos während der Franco-Diktatur, als dieser von dem Regime für die nationalistische Selbstinszenierung missbraucht worden war. In Abgrenzung dazu sollte die Öffnung des Flamenco-Ghettos für neue musikalische Elemente nun mit der kulturellen auch die neue politische Offenheit in der sich entwickelnden Demokratie widerspiegeln.
Auch als „Nuevo Flamenco“ blieb der Flamenco freilich seinen Ursprüngen treu. Es ging nicht darum, diese zu verleugnen, sondern sich auf andere, modernere Weise darauf zu beziehen. Auch dafür ist der Song Soy gitano ein Beleg, indem er die Wurzeln des Flamencos in der Gitano-Kultur herausstellt.
Wie der Begriff „Flamenco“ auf die Kultur der Roma verweist
Die enge Beziehung zwischen dem Flamenco und den iberischen Roma – die sich selbst als Calé bezeichnen – tritt bereits bei einem Blick auf die Begriffsgeschichte vor Augen. Dabei verweisen gleich mehrere Fährten auf einen Ursprung des Flamencos in der Kultur der spanischen Roma.
Einer Theorie zufolge geht der Begriff auf die Gaunersprache „Germanía“ zurück – was nichts mit Deutschland zu tun hat, sondern von dem valencianischen Dialektwort für Bruder („germà“) abgeleitet ist. In dieser Sprachvarietät ist aus dem Wort für „Flamme“ („flama“) der Ausdruck „flamancia“ für eine Person mit einem besonders „feurigen“ Temperament abgeleitet worden – was dann auf die entsprechenden Tänze der Roma bzw. auf diese selbst übertragen worden ist.
Eine andere Theorie zur Begriffsgeschichte verweist auf eine Region, die man nicht unbedingt mit dem Flamenco in Verbindung bringen würde: auf Flandern. Eine „persona flamenca“ bezeichnet im Spanischen nämlich nicht jemanden, der Flamenco tanzt, sondern schlicht eine „flämische Person“.
Dies bedeutet nun allerdings nicht, dass der Flamenco seine Wurzeln in Flandern hätte. Die Beziehung zwischen dem Flämischen und der Musikkultur des Flamencos ergibt sich vielmehr über mehrere Umwege. Sie wurzelt letztlich in dem Achtzigjährigen Krieg (1568 – 1648), in dem die protestantischen nördlichen Niederlande ihre Unabhängigkeit vom katholischen Spanien erkämpft haben.
Durch den jahrzehntelangen Widerstand gegen die spanische Krone wurde „flamenco“ in Spanien zum Synonym für Aufsässigkeit und mangelnde Bereitschaft zur Unterordnung unter staatliche Autorität. So bezeichnet der Ausdruck „ponerse flamenco“ im Spanischen auch heute noch ein rebellisches, aufmüpfiges Verhalten.
Im Lauf der Jahre wurde der Begriff in dieser Bedeutung auch auf andere Personengruppen übertragen – in besonderem Maße auf die Roma, die schließlich allgemein als „flamencos“ bezeichnet wurden. Von hier aus wurde der Begriff dann auf die mit ihnen assoziierte Tanz- und Gesangskultur übertragen.
Dass damit ausgerechnet eine musikalische Praxis, die anfangs ausdrücklich mit einer marginalisierten sozialen Gruppe verknüpft wurde, später in den Rang eines nationalen Kulturguts Spaniens aufgestiegen ist, erscheint reichlich absurd. Dies gilt umso mehr, als damit keinesfalls ein Ende von Diskriminierung und Marginalisierung der spanischen Roma verbunden war.
Bis heute haben die Gitanos bzw. „Calé“ – auch wenn sich ihre soziale Lage im Vergleich zum Ende der Franco-Diktatur deutlich verbessert hat – in Spanien mit schlechteren Chancen an Schulen sowie auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt zu kämpfen [1]. Immerhin hat die Popularität der mit ihnen assoziierten Musikkultur ihnen aber dabei geholfen, das vermeintliche Stigma ihrer Identität – ähnlich wie bei der „Black-is-beautiful“-Bewegung in den USA – in eine Auszeichnung umzudeuten, sich also mit größerem Selbstbewusstsein zu ihrer Kultur zu bekennen [2].
Symbolische Selbstverstümmelung als Ausdruck innerer Zerrisenheit
Der Song Soy gitano von Camarón de la Isla erscheint auf den ersten Blick als typisches Beispiel für eine solche positive Umdeutung. In eben dieser Weise ist der Song seit seinem Erscheinen im Jahr 1989 auch vielfach wahrgenommen worden. Dies liegt nicht nur am selbstbewusst klingenden Titel, sondern auch an der virtuosen musikalischen Praxis, die als lebendiger Nachweis der kreativen Kraft einer Subkultur verstanden werden kann.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass der Bezug auf die eigene Identität hier komplexer ist, als es zunächst erscheint. So beschwört der Songtext gleich zu Beginn eine Atmosphäre von Ausschluss und zerstörter Hoffnung herauf: Ein Mensch, der sich explizit mit seinem „Gitano“-Sein identifiziert, begibt sich zu der Hochzeit einer Frau, die er offensichtlich gerne selber geheiratet hätte, die sich aber für einen anderen entschieden hat. Aus Kummer darüber beschließt er, sich auf der Hochzeit sein Hemd zu zerreißen.
Diese Geste ist aus manchen Trauerritualen bekannt. Das Zerreißen des Hemdes ist darin eine Art von symbolischer Selbstverstümmelung, mit der vor Augen geführt wird, dass mit dem Tod eines geliebten Menschen auch das eigene Leben „in Stücke gerissen“ worden ist.
Als Ausdruck des Schmerzes über eine unerfüllte Liebe erscheint dieses Ritual jedoch etwas übertrieben. In der Tat bezieht es sich in dem Song ja auch nicht allein hierauf. Denn das Ich verabschiedet sich hier ja nicht nur von der geliebten Person, die einen anderen heiratet, sondern in unmittelbarem Zusammenhang damit auch von zentralen Aspekten seines bisherigen Lebens: dem gemeinsamen Gitarrenspiel am Feuer, dem ländlich-naturverbundenen Alltag, den Rohstoffen und Utensilien, die ihm bislang den Lebensunterhalt gesichert haben.
Die von anderen „gefärbte“ Identität
Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss man den Charakter des Hemdes, das auf der Hochzeit zerrissen wird, näher in Augenschein nehmen. Von ihm wird einerseits gesagt, dass es „das einzige Hemd“ des unglücklichen Hochzeitsgastes sei. Andererseits heißt es jedoch, das Hemd sei von anderen „gefärbt“, also in seinem Charakter verändert worden.
Damit lässt sich das Hemd hier als Symbol der Identität des Ichs verstehen. Wenn es von anderen umgestaltet worden ist, so bedeutet dies, dass wir es hier mit einer gebrochenen Identität zu tun haben. Dies lässt sich gut mit der Gitano-Kultur am Ende des 20. Jahrhunderts in Verbindung bringen: Diese ist im (post-)modernen Industriezeitalter eben nicht mehr das, was sie einmal war.
Der Grund dafür ist zunächst schlicht, dass sich das eigene Überleben nicht ohne ein Mindestmaß an Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft – in Bezug auf den Schulbesuch der Kinder, die Erwerbstätigkeit oder die Wohnsituation – sicherstellen ließ. Die eigene Identität hätte sich dabei nur dann vollständig bewahren lassen, wenn das Zugehen auf die Mehrheitsgesellschaft mit einer entsprechenden Anerkennung der eigenen Kultur einhergegangen wäre. Stattdessen haben sich die Marginalisierungs- und Diskriminierungsprozesse dadurch jedoch kaum abgeschwächt.
Das Ergebnis dieses Prozesses fasst der Song in das Bild des „verfärbten Hemdes“ der eigenen Identität. Es zeigt, dass der Gitano in dem Lied sich zwar seiner Wurzeln bewusst ist und sich zu ihnen bekennt, seine Identität jedoch nicht mehr so ausleben kann, wie es notwendig wäre, um sie in ihrer ursprünglichen Form zu bewahren.
Aufbruch ins Ungewisse
Vor diesem Hintergrund erhält auch der symbolische Akt des Hemdzerreißens in dem Song eine neue Bedeutung. Er erscheint nun nicht mehr als Ausdruck der Trauer über eine unerfüllte Liebe, sondern als Abstreifen einer Identität, die – weil sie zu sehr von anderen „gefärbt“, also fremdbestimmt ist – nicht mehr als die eigene erscheint.
Damit kommt auch dem Bild der Braut, die einen anderen heiratet, eine über das konkrete Geschehen hinausreichende Bedeutung zu. Es scheint an die Tradition der Personifizierung von Emotionen im Flamenco-Liedgut anzuknüpfen, wie sie etwa in der Gestalt der „Pena“ („Kummer“) zum Ausdruck kommt [3].
So könnte man in der Braut etwa eine Personifizierung der eigenen Kultur sehen, mit der das Ich sich nicht mehr organisch verbinden kann. Andererseits lässt sich die misslungene Hochzeit bzw. die Abseitsstellung des Ichs auf dieser auch auf die Marginalisierungserfahrungen beziehen, also auf das Scheitern der „Ehe“ von Gitano- und Mehrheitskultur.
Das Zerreißen des Hemdes signalisiert folglich einen Aufbruch ins Ungewisse. Das alte Identitätshemd ist unwiederbringlich verloren, das von fremden Einflüssen „verfärbte“ passt ebenfalls nicht. So braucht es nun einen neuen, an die veränderten Verhältnisse angepassten selbstbestimmten Identitätsentwurf. Der Song dokumentiert den Willen, sich auf den Weg dorthin zu machen, ohne jedoch konkrete Anhaltspunkte für Art und Richtung dieses Weges zu geben.
Tödliche Authentizität: Zum Leben Camarón de la Islas
1989 erschienen, avancierte Soy gitano zu einem der erfolgreichsten Lieder der Flamenco-Kultur. Dies lag natürlich vor allem an der mitreißenden Musik und der leidenschaftlichen Vortragsweise, zu der neben Camarón de la Isla auch seine Mitstreiter, die Gitarristen Raimundo Amador und José Fernández Torres, genannt „Tomatito“, sowie der Komponist und Gitarrist Vicente Amigo beigetragen haben. Daneben war aber wohl auch der Aspekt der Authentizität ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Songs.
Dies beginnt schon mit dem Namen des im Mittelpunkt stehenden Künstlers, der an die Stelle des bürgerlichen „José Monje Cruz“ bewusst eine aus der Kindheit übernommene Kunstform setzt: „Camarón“ bedeutet „Garnele“ und spielt auf die dürre Gestalt des Sängers in seiner Jugend an. „De la Isla“ („von der Insel“) bezieht sich auf die Herkunft des Künstlers: Sein Geburtsort San Fernando liegt auf der Isla de León, einer Halbinsel im Süden Spaniens.
Noch wichtiger war allerdings, dass Camarón (wie er sich in späteren Jahren auch verkürzt nannte) in seinen Songs nicht nur alltägliche Probleme von Gitanos thematisierte, sondern auch sein Leben so führte, wie man es von einem Künstler-Nomaden jenseits der bürgerlichen Ordnung erwarten würde. Er nahm alle Arten von Drogen und lebte sein Leben buchstäblich „im Rausch“.
Was nach außen hin dem Klischee eines Gitano-Lebens entsprach, erwies sich dabei allerdings in der Realität nicht unbedingt als segensreich – weder für den Sänger selbst noch für andere. So fiel in die Zeit seines stärksten Drogenkonsums ein von ihm verursachter Autounfall, bei dem zwei Menschen zu Tode kamen, und er selbst starb bereits 1992 im Alter von 41 Jahren an Lungenkrebs.
Nachweise und Anmerkungen
[1] Zur sozialen Lage der spanischen Roma (Calé) vgl.
Urbaner, Roman: Gitanos (Calé) – Die Leidens- und Erfolgsgeschichte der spanischen Roma. In: Alerta, 29. Juni 2023;
Wandler, Reiner: Bildungschancen von Roma in Spanien: Gitanos kämpfen gegen Segregation; taz, 6. Dezember 2023.
[2] Das selbstbewusste Bekenntnis zur Gitano-Existenz bedingt freilich auch, dass aktiv gegen abwertende Konnotationen des Begriffs vorgegangen wird. So ist es den spanischen Roma etwa gelungen, den Ausdruck „trapacero“ („Betrüger, Schwindler“) im offiziellen Wörterbuch der Real Academia Española, der höchsten spanischen Sprachpflegeinstanz, in seiner Verwendung als Synonym für „gitano“ als diskriminierend kennzeichnen zu lassen (vgl. Fundación Secretariado Gitano: La RAE modifica la acepción de „trapacero“ en la definición de „gitano“ calificándola como uso ofensivo o discriminatorio; gitanos.org, 13. Oktober 2015).
[3] Dass sich die Trauer in vielen Flamencoliedern zu „etwas fast Materiellem verdichtet, also „Fleisch wird“ und als „Pena“ „menschliche Gestalt“ annimmt, hebt auch Federico García Lorca in einem berühmten Vortrag über den „Cante jondo“ hervor. Ihr Charakter als ständige Begleiterin des Menschen tritt so besonders plastisch vor Augen; vgl. Federico García Lorca: El Cante Jondo (Primitivo Canto Andaluz). Vortrag, gehalten am 19. Februar 1922 im Kulturzentrum von Granada.
Die Personifizierung der Trauer durch eine Frau ist wohl zum einen schlicht in dem weiblichen Artikel von „muerte“ (Tod) und „pena“ (Kummer) im Spanischen begründet. Daneben erscheint die Frau hier aber auch als Inbegriff unerfüllter Sehnsucht bzw. des Traums von einer Vereinigung der Gegensätze, der durch den Tod in einem absoluten Sinn unerfüllbar ist.
Bild: Joseph van Lerius (1828 – 1876): Moza la Gitana (Wikimedia commons)