Zwei Flamenco-Lieder im Petenera-Stil
Eine Reise in die Welt des Flamencos/3
Peteneras zählen zu den ernsteren Flamenco-Liedern im Stil des „Cante jondo“. Ihre melancholischen Texte kreisen häufig um die Tragik des menschlichen Daseins.
Ich glaube nicht an meine Mutter
Ich glaube nicht an meine Mutter,
nein, ich kann nicht an sie glauben,
auch wenn die Leute lästernd
ihre Köpfe umdrehen nach mir.
Denn in dieser ganzen Welt
kann ich nichts als eine Lüge sehen,
ja, du Mutter meines Herzens,
auf dieser Welt ist alles eine Lüge.
Nur eine Wahrheit gibt es auf dieser Welt,
keine Wahrheit ist größer als sie,
und diese Wahrheit ist – wer wollte
es bestreiten – niemand and’res als der Tod.
Mit bloßen Füßen und mit nichts
als seiner nackten Existenz
weint das verirrte Kind
auf dem Staub der Straße.
Kind, das du barfuß irrst
und weinend durch dein Leben:
Komm zu mir, Kind meines Herzens,
und weine mit mir!
Denn auch ich, mein Kind,
irre ohne Mutter durch das Leben.
Verloren hat ihre schützenden Arme
schon in der Kindheit mein Herz. [1]
Yo no creo en mi madre); Aufnahme aus dem Jahr 1909 mit Manuel Torre, auf der Gitarre begleitet von Juan Gandulla Habichuela:
Ein legendärer „Junge“ aus Jerez
Das aus volkstümlicher Überlieferung hervorgegangene Lied Yo no creo en mi madre ist vor allem durch den Gesang von Manuel Torre (Manuel Soto Lozano, 1878 – 1933) berühmt geworden. Dieser entstammte einer Roma-Gemeinschaft aus dem andalusischen Jerez de la Frontera, an deren Spitze sein Vater stand.
Den blumigen Namensbezeichnungen der Gitano-Kultur entsprechend wurde das Oberhaupt der Familie, auch wegen seiner Größe, „el torre“ (der Turm) genannt. Sein Sohn erhielt den Spitznamen „el Niño de Jerez“ (der Junge / das Kind aus Jerez).
Der Gesangsstil von Manuel Torre setzte neue Maßstäbe und war von großem Einfluss auf die Flamencokultur. Viele spätere Interpreten von Flamencoliedern haben sich daran orientiert.
Aberglauben rund um Peteneras
Bei Yo no creo en mi madre haben wir es – wie schon bei dem Lied im vorigen Beitrag – wieder mit einer „Petenera“ zu tun. Diese Flamenco-Variante war im Volksglauben lange mit düsteren Legenden und Ängsten verbunden. Man glaubte, dass diejenigen, die ein Lied in diesem Stil singen, dadurch einen Fluch auf sich laden würden.
Erklären lässt sich das durch die typischen Themen der Peteneras, die bevorzugt um Tod und Schicksalsschläge kreisen. Wie der Bote früher oft mit dem Inhalt der von ihm überbrachten Hiobsbotschaft identifiziert wurde, wird hier die Person, die von den düsteren Themen singt, unmittelbar mit diesen in Verbindung gebracht.
Allerdings würde man bei einer Volksweise wohl eher an eine allgemeine, formelhafte Thematisierung menschlichen Leids denken. In Yo no creo en mi madre wird die Tragik des menschlichen Daseins dagegen in ein sehr ausgefallenes und eben deshalb sehr berührendes Bild gefasst. Dadurch wird der Schauder, der Menschen früher beim Anhören der Peteneras erfasst hat, unmittelbar nachvollziehbar.
Die Lüge des Lebens
Die Kernaussage des Liedes besteht darin, dass das gesamte Leben eine Lüge ist. Begründet wird dies damit, dass die fundamentalste Wahrheit – dass das Leben in den Tod mündet – alle anderen Wahrheiten nicht nur überlagert, sondern ausradiert.
Hieraus ergibt sich in dem Lied das Bild des fehlenden Glaubens an die Mutter. Dabei wird man „Mutter“ wohl als Symbol für ein umfassendes Behütetsein verstehen dürfen. Eben dies lässt sich aber von einem Leben, das ständig von der eigenen Auslöschung bedroht ist, nicht behaupten.
Das hieraus resultierende Gefühl der Verlorenheit und Verlassenheit findet seinen Ausdruck in dem Bild des Kindes, das schutzlos durch die Welt irrt. Auch dies ist eine sehr expressive Metapher für das „unbehauste“ Dasein des Menschenkindes.
Das „mutterlose Kind“ als Metapher der Unterdrückung
Das Bild des mutterlosen Kindes findet sich auch in Gesängen von zur Sklaverei nach Amerika verschleppten Menschen aus Schwarzafrika – etwa in dem berühmten Lied „Sometimes I feel like a motherless child“. Neben musikalischen lassen damit auch inhaltliche Analogien eine Beeinflussung der Petenera durch lateinamerikanisch-kubanische Vorbilder plausibel erscheinen.
Dies gilt umso mehr, als die Petenera in Spanien auf jüdische und – wie der Flamenco generell – auf Roma-Lieder zurückgeführt wird. Für beide Kulturen ist das Gefühl eines existenziellen „Verwaistseins“ konstitutiv – für das Judentum durch die jahrhundertelange Diaspora, für die Roma durch ihre nomadisierende Lebensweise.
Angehörige dieser Kulturen waren zudem immer wieder Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt, was auch im sozialen Bereich zu Entwurzelungsgefühlen führte. Existenzielle und soziale Entfremdung verstärkten sich hier damit gegenseitig.
Stolzer Rückzug aus der Welt: ein Lied von Pastora Pavón
Allerdings lässt sich ein Lied wie Yo no creo en mi madre nicht auf die Funktion eines Klageliedes reduzieren. Vielmehr leitet es aus subjektiven Erfahrungen philosophische Wahrheiten ab, die über den individuellen Kontext hinaus relevant sind.
Dies zeigt der Vergleich mit einem anderen Lied im Petenera-Stil, das in seiner Kürze noch stärker mit dem traditionellen Aufbau dieser Gesänge verbunden ist. Eine berühmte Interpretation stammt von der legendären Flamenco-Sängerin Pastora Pavón (1890 – 1969), als Künstlerin auch bekannt unter dem Namen „La Niña de los Peines“ (Das Mädchen mit den Kämmen):
„Wie gerne würd‘ ich dieser Welt
das Recht zur Herrschaft über mich bestreiten
und noch einmal ganz und gar versinken
in den dunklen Wogen meines Herzens,
die vielleicht in eine and’re Welt mich tragen,
wo die Wahrheit unbeugsam die Fahne schwingt.“ [2]
Der Flamenco als geistige Schutzhütte
Auch in diesem Lied wird die „Lügenhaftigkeit“ der Welt beklagt. Dies lässt sich zum einen im Sinne eines allgemeinen Lügengespinstes des Lebens verstehen, das Glück und Unbeschwertheit vortäuscht, wo hinter jeder Ecke Unglück und Schicksalsschläge lauern. Zum anderen kann „Lügenhaftigkeit“ aber auch im Sinne von „Verlogenheit“ verstanden und damit auf einen sozialen Kontext bezogen werden.
Beide Aspekte des Lebens werden in dem Lied mit einer so schweren Enttäuschung verknüpft, dass nur ein radikaler Ausweg denkbar erscheint. Der Traum von der Flucht in eine andere Welt kann dabei als Todessehnsucht gedeutet werden, aber auch als eine Flucht nach innen, in das Reich der Seele, wo man sich jene Freiheiten erträumen kann, die einem das reale Leben verwehrt.
Damit geht von dem Lied trotz seiner melancholischen Grundierung auch eine geistige Widerstandskraft aus. Es zeigt, wie dem Lügengespinst des Lebens mit der kreativen Kraft von Musik und Gesang eine eigene, andere Wahrheit gegenübergestellt werden kann. Flamenco-Lieder erscheinen so als eine Art Schutzraum, in die das unbehauste Ich sich vor den Zumutungen seiner Existenz und des sozialen Lebens zurückziehen kann.
Nachweise
[1] Der Text des Liedes ist im „Obra completa“ von Manuel Torre auf canteytoque.es als Nr. 17 seiner 1909 mit dem Gitarristen Juan Gandulla „Habachuela“ eingespielten Lieder aufgeführt:
Yo no creo en mi madre
yo no creo en mi madre
aunque de mí hable la gente
porque todo lo que veo
en este mundo es mentira
madre de mi corazón
todo en este mundo es mentira
no hay más verdad que la muerte
no hay más verdad que la muerte
no hay quien me la contradiga
Va descalzo y en cueros
niño que descalzo y en cueros
vas llorando por la calle
ven acá y llorar conmigo
niño de mi corazón
ven acá y llora conmigo
que tampoco tengo madre
que tampoco madre tengo
que la perdí cuando niño
[2] Pastora Pavón (La Niña de los Peines): Quisiera yo renegar; Text entsprechend der Wiedergabe auf esenciasflamencas.com:
Quisiera yo renegar
De este mundo por entero
Volver de nuevo a habitar
Mare de mi corazón
Por ver si en un mundo nuevo
Encontraba más verdad
Aufnahme aus dem Jahr 1929 mit Pastora Pavón (La Niña de los Peines) und dem Gitarristen Manolo de Badajoz:
Bild: Joseph van Lerius (1823 – 1876): Paul (zwischen 1855 und 1871); Coventry, Herbert Art Gallery and Museum (Wikimedia commons)