Zu Robert de Souzas Gedicht Le saule (Die Trauerweide)
Robert de Souza (1864 – 1946) nutzt die Trauerweide in einem Gedicht als Symbol für verzweifelte Versuche, Hilfe in ausweglosen Situationen zu leisten. Er zeigt damit, dass symbolistische Dichtung nicht auf ein alltagsfernes „L’art-pour-l’art“-Konzept beschränkt bleiben muss.
Die Trauerweide
An deinen Trauerweidentagen
streckst du aus der Höhe
deines stolzen Glaubens
die langen, trauervollen Arme
herab zu den Herzen, den Kieselsteinherzen,
die haltlos über die Steilküste stürzen
ins Nichts,
eingeschlossen in ihre wunden Gewänder.
Nichts kann sie aufhalten
und zur Sonne tragen,
um sie in Diamantenfunken zu verwandeln.
Und doch streckst du deine langen, trauervollen Arme
aus nach den haltlosen Herzen,
deine Trauerarme, die im Wind sich drehen,
leise in der Leere schwankend.
Robert de Souza: Le saule (Die Weide) aus dem Zyklus „Du trouble au calme“ (Vom Unruhigen zum Ruhevollen), enthalten in dem Gedichtband Sources vers le fleuve (1897); hier zit. nach dem Abdruck in: Modulations. Poésies et poèmes. Édition définitive, S. 129 – 153 (Le saule S. 140). Paris 1923: Crès [Gesamtausgabe der Gedichte de Souzas].
Vertonung des französischen Originals
De Souza und der Symbolismus
Kennzeichnend für symbolistische Dichtung ist es, dass es ihr nicht um die äußeren Erscheinungen als solche geht. Vielmehr nutzt sie diese nur als Medium, um komplexe Vorstellungs- und Gefühlsinhalte zum Ausdruck zu bringen.
Diese Inhalte werden dabei allerdings nicht, wie im platonischen Höhlengleichnis, im Sinne „ewiger“ Ideen betrachtet, die hinter den äußeren Erscheinungen ruhen und erst zum Vorschein kommen, wenn man diese durchdringt. Stattdessen wird die für die Alltagswelt charakteristische enge Verknüpfung von sinnlicher und geistiger Sphäre gerade dafür genutzt, abstrakte Ideen und komplexe Gefühle, die ansonsten nur schwer in Worte zu fassen wären, in stimmigen Bildern vor Augen zu führen.
Der von de Souza hochgeschätzte Stéphane Mallarmé hat dies einmal folgendermaßen ausgedrückt.
„Das Träumerische des Gedichts ergibt sich gerade dadurch, dass man den Gegenstand in der Schwebe lässt. Das Symbol entsteht aus der perfekten Umsetzung dieses Mysteriums – daraus, dass man einen Gegenstand nach und nach beschwört, um einen Seelenzustand zu zeigen, oder indem man umgekehrt einen Gegenstand auswählt, um daraus durch eine Reihe von Entschlüsselungen einen mit ihm verbundenen Seelenzustand abzuleiten“
Symbolistische Elemente in dem Gedicht
Im Fall des Gedichts Le saule – gemeint ist offenbar „le saule pleureur“, die Trauerweide – betrifft dies den verzweifelten Versuch, Hilfe zu leisten, wo keine Hilfe möglich ist oder jeder Hilfeversuch ins Leere läuft. Dies lässt sich zunächst allgemein auf das „Zum-Tode-Sein“ des Menschen beziehen, sein unrettbares Verlorensein im unaufhaltsamen Strudel aus Erwachen und Verfall des Lebendigen.
Daneben kann das Gedicht aber auch auf konkrete Alltagssituationen bezogen werden, in denen Hilfe zwar möglich ist, aber an den Umständen oder an Eigenarten der möglichen Adressaten der Hilfe scheitert.
Auch hier könnte man zunächst an einen allgemeineren, größeren Rahmen denken – etwa an vergebliche Friedensbemühungen in einem Krieg oder an Versuche, Hungerkatastrophen oder Epidemien einzudämmen. Ebenso lässt sich das Gedicht jedoch auf individuelle Problemlagen beziehen – etwa auf Krankheiten, gegen die man allen Anstrengungen zum Trotz machtlos bleibt, oder auf Menschen, die sich so sehr in einer Spirale der Resignation verfangen haben, dass alles gute Zureden sie nicht daraus befreien kann.
Keine „L’art-pour-l’art“-Dichtung
So gesehen, lässt sich Robert de Souzas Dichtung zwar eindeutig dem Symbolismus zurechnen. Ein Gedicht wie Le saule zeigt jedoch auch, dass das „l’art pour l’art“ der symbolistischen Kunst – ihre Eigenweltlichkeit, die ihren spezifischen Sinn gerade durch die Abkopplung von der Alltagsrealität erhält – auf de Souzas Dichtung nur bedingt zutrifft. Stattdessen nutzt sie das symbolistische Prinzip der Verbindung komplexer Gedanken- und Gefühlsinhalte mit bestimmten Sinneseindrücken gerade auch für die Illustrierung konkreter gesellschaftlicher und/oder individueller Problemlagen.
Selbst dort, wo de Souzas Dichtung sich unwandelbaren Ideen zuwendet, sind diese zumindest indirekt von konkreter gesellschaftlicher Relevanz. Besonders deutlich wird dies an einem anderen Gedicht aus dem Zyklus, dem auch Le saule entstammt: Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne).
Das Gedicht bringt im Bild der schlafenden Schwäne die überzeitliche Idee des Friedens zum Ausdruck. Die Idee wird dabei dadurch zu neuem Leben erweckt, dass der „Frieden“ nicht als Pause zwischen zwei Waffenstillständen erscheint oder unter einer stereotypen Friedenstaubensymbolik erstickt wird. Stattdessen wird er als umfassende Ich-Umwelt-Harmonie dargestellt, der auf der inneren Ebene eben jene Ausgeglichenheit und innere Ruhe entsprechen, die das Gedicht bei den Lesenden auslösen kann.
Zitat entnommen aus:
Huret, Jules: Stéphane Mallarmé. In: Ders: Enquête sur l’évolution littéraire, S. 55 – 65 [Gespräch mit Mallarmé]. Paris 1891: Bibliothèque-Charpentier.
PDF: Robert de Souzas Gedichtzyklus Du trouble au calme. Nachdichtung und Analyse.
Musikvideo zu Le sommeil des cygnes (Der Schlaf der Schwäne), mit Infos zur Biographie de Souzas
Bild: Claude Monet: Trauerweide (1918); Columbus Museum of Art, Ohio (Wikimedia commons)