Dichterische Denkmäler der Vollkommenheit

Zu Charles Baudelaires Gedicht Réversibilité (Umkehrbarkeit)

Sein Gedicht Réversibilité (Umkehrbarkeit) hat Charles Baudelaire zwar einer konkreten Frau gewidmet. Inhaltlich thematisiert es jedoch die unerfüllbare Sehnsucht des an das Unvollkommene gebundenen Menschen nach der Teilhabe an der Vollkommenheit.

Umkehrbarkeit

Engel voller Freude, kennt Ihr die Angst,
die Scham, die Reue, das Schluchzen, den Kummer
und die unbestimmten Schrecken dieser finst'ren Nächte,
die das Herz umklammern wie Papier, das man zerknüllt?
Engel voller Freude, kennt Ihr die Angst?

Engel voller Güte, kennt Ihr den Hass,
die geballte Faust im Schatten und die bitt'ren Tränen,
wenn die Rache bläst zu ihrem höllischen Appell
und uns zu ihrer Waffe macht?
Engel voller Güte, kennt Ihr den Hass?

Engel voller Lebenskraft, kennt Ihr die Fiebergespenster,
die vor den bleichen Mauern des Hospizes
wie Verbannte mit schleppenden Schritten schleichen,
die Lippen zitternd, Sonnenreste suchend?
Engel voller Lebenskraft, kennt Ihr die Fiebergespenster?

Engel voller Schönheit, kennt Ihr die Falten,
die Geißel des Alterns, gespiegelt im Wandel
von Liebe zum Opfer, im heimlichen Abscheu
von Blicken, deren Glut wir einst getrunken?
Engel voller Schönheit, kennt Ihr die Falten?

Engel voller Glück, voller Freude, voller Licht!
Lebenskraft hätte der sterbende David erbeten
von der Aura deines zauberischen Körpers;
ich aber, Engel, erflehe nur deine Gebete,
Engel voller Glück, voller Freude, voller Licht!

der sterbende David: bezieht sich auf eine Bibelstelle, in der von dem Plan der Diener König Davids berichtet wird, ein junges Mädchen für ih­ren Herrn zu suchen und so dessen Lebensgeister wieder zu wecken (vgl. 1 Kge 1 – 4).

Charles Baudelaire: Réversibilité aus: Les Fleurs du mal (zuerst 1857), S. 150.Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres complètes, Bd. 1, hg. von Charles Asselineau und Théodore de Banville).

Vertonung von Jean-Louis Murat:

Das Klischee vom „Dichter des Bösen“

Im deutschsprachigen Raum kennen wir Charles Baudeslaires epochale Gedichtsammlung Les Fleurs du malals „Blumen des Bösen“. Eine solche Übersetzung ist insofern ge­rechtfertigt, als Baudelaire selbst die Kategorie des Bösen aus­drücklich als zentrale Triebkraft des menschlichen Handelns gekennzeichnet hat. Auch einige Gedichte der Fleurs du mal sind erkennbar von dieser Sichtweise der menschlichen Natur beeinflusst.

Allerdings läuft man mit der Beschränkung auf den Aspekt des Bösen Gefahr, Klischees zu folgen, die schon zu Lebzeiten Bau­delaires von dessen Kritikern verbreitet wurden. Einige seiner Gedichte waren zeitweilig sogar verboten.

Als „böse“ oder zumindest als verrucht galt der Dichter vor allem deshalb, weil er es gewagt hatte, die Kehrseite der bür­gerlichen Gesellschaft, also das aus deren Perspek­tive „Böse“ – die Bettler, die Huren, die nichtsnutzigen Herumtreiber, die Kran­ken, die Säufer und die Liebhaber anderer Drogen, aber auch das Alter und den Tod – dichterisch darzustellen. Dies war allerdings keineswegs der einzige Bedeutungsaspekt von „le mal“ in den „Fleurs du mal“.

Mehrdeutigkeit von „le mal“

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, noch einmal da­ran zu erinnern, dass die Bedeu­tung von „le mal“ sich keines­wegs auf „das Böse“ beschränkt. In zahlreichen Wendungen deutet der Begriff – wie etwa im Fall des „mal du pays“ („Heimweh“) – vielmehr auch auf Schmerz, Kummer und kör­perliches Unwohlsein hin. Die „kränklichen Blumen“, die Baudelaire in der Widmung seines Gedichtban­des an Théo­phile Gautier ankündigt, können demnach auch dem Schmerz entwachsen.

Der Dichtung kommt vor diesem Hintergrund eine tröstende Funktion zu. Ihre „Blumen“ sollen dabei allerdings nicht einfach nur dazu dienen, das Unvollkommene erträglicher zu machen. Vielmehr soll in ihnen – wie der Titel des einleitenden Teils der Fleurs du mal („Spleen et Idéal“) andeutet – für einen kurzen Augenblick das Ideal einer vollkommenen Welt aufscheinen.

Vollkommenheit in einer unvollkommenen Welt

Diesem Ideal kann die Dichtung auf unterschiedliche Weise nahekommen. Zum einen kann das Vollkommene unmittelbar dichterisch beschworen werden. Es kann zum anderen aber auch implizit erkennbar werden, als positives Gegen­bild zu der beschriebenen irdischen Unvoll­kommenheit und dem Leiden an die­ser.

Nicht zuletzt kann die Vollkommenheit auch durch die dichte­rische Harmonie angedeutet werden. Indem die Unvollkom­menheit des menschlichen Daseins in den harmonischen Raum der Poesie bzw. allgemein der Kunst transponiert wird, ist sie zumindest in deren Bereich suspendiert. In Baudelaires Worten:

„Wenn ein erlesenes Gedicht einem Tränen in die Augen treibt, so sind diese Tränen nicht Ausdruck überbordender Freude. Sie verweisen vielmehr auf die verfeinerte Melan­cholie (…) eines im Unvollkommenen ausgesetzten We­sens, das in eben diesem Augenblick, auf eben dieser Erde, einen Blick ins Paradies erhaschen möchte.“

Der Traum von der „Umkehrbarkeit“ der Verhältnisse

In diesem Sinne ließe sich auch das Gedicht Réversibilité deu­ten. Es besingt den (unerfüllbaren) Traum von der „Umkehrbarkeit“ der Verhältnisse, also der Teilhabe des im Unvollkommenen „ausgesetzten“ Ichs an der Vollkommenheit überirdisch-„en­gelsgleicher“ Verhältnisse.

Das Gedicht hat Baudelaire in einem Brief der von zahlreichen Künstlern als Muse verehr­ten Apollonie (eigentl. Joséphine-Aglaé) Sabatier gewidmet, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris einen berühmten Salon unterhielt. Es steht damit zugleich für die – auch in anderen Gedichten Baudelaires zu beobachtende – Projektion seiner Sehnsucht nach einer idealen Welt auf das weibliche Ge­schlecht.

Zitat entnommen aus:

Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (Neue Anmerkungen zu Edgar Allan Poe; 1857). Vor­wort zu Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordi­naires [19 Sei­ten in vier Abschnitten; hier Abschnitt IV]. Paris 1884: Quan­tin.

PDF/Ebook: Charles Baudelaires Gedichtsammlung Les Fleurs du mal (Die Blumen des Bösen). Ein Überblick mit neu übersetzten Gedichten

Podcast

Bild: Jane Atché (1872 – 1937): Frau mit Mohnblume; Bild zu einem Gedichtmanuskript von Charles Baudelaire; Rabastens/Südfrankreich, Musée du Pays rabastinois (Wikimedia commons)

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