Eine Persiflage auf die bürgerliche Empfindsamkeit / A Persiflage on Bourgeois Sensitivity

Zu Erich Mühsams Gedicht Idyll / On Erich Mühsam’s poem Idyll

Erich Mühsam war einer der ersten Dichter, die ihre Werke auf deutschen Kabarettbühnen vortrugen. Sein Gedicht Idyll parodiert die Tendenz des Bürgertums, sich im Kunstgenuss empfindsam zu geben, ansonsten aber mitleidslos die eigenen Interessen zu verfolgen.

English Version

Erich Mühsam: Idyll

Ein alter, kalter Leichnam hängt
an einem Telegraphenmast.
Nach seinen Schlenkerbeinen fasst
– ob er sie fängt? –
ein ausgespreizter Eichenast.
Lautkeuchend um den Leichnam pfeift
und um den Ast ein Windsgebrüll.
Da baumeln beide wütend wild;
ich seh im Schatten nur das Bild,
wie oft der Ast die Beine streift –
und zufasst – und daneben greift …
Oh, welch ein liebliches Idyll!

aus: Der Krater (1909); Erstveröffentlichung in Simplicissimus 10 (1905/06)

Parallelen des Gedichts zu Otto Julius Bierbaums Roman Stilpe

Als ein wichtiger Impulsgeber für das frühe deutsche Kabarett gilt Otto Julius Bierbaums 1897 erschienener Roman Stilpe. Dessen Protagonist möchte sein Ideal – ein „zur Kunst erhöhtes Leben“ [1] –  mit einem neuen „Literatur-Variété-Theater“ [2] umsetzen. Sein Projekt scheitert jedoch daran, dass auf der einen Seite das Publikum reines „Tingeltangel“ erwartet, während auf der anderen Seite die Kritik einen Mangel an Tiefsinn beklagt [3].

Auf dieses – spätere strukturelle Probleme des Kabaretts vorwegnehmende – Dilemma reagiert der Protagonist mit einer letzten, äußersten Provokation des Publikums. Er setzt an die Stelle des zur Kunst erhöhten Lebens den zur Kunst erhöhten Tod und erhängt sich – unter dem Applaus des Publikums, das den Einbruch der Realität in die Fiktion zunächst nicht bemerkt – auf offener Bühne.

Tod bringender Kunstgenuss

Ob Erich Mühsam bei der Abfassung seines Gedichts an den Schluss von Bierbaums Roman Stilpe gedacht hat, ist nicht bekannt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er den Roman kannte. Denn dieser war eben eine wichtige Inspirationsquelle für die Gründung der ersten deutschen Kabarettbühnen – wo Mühsam immer wieder mit seinen Werken aufgetreten ist.

Auffallend ist jedenfalls, dass Mühsams Gedicht die bürgerliche Hochkultur auf ähnliche Weise persifliert wie der Protagonist in Bierbaums Roman. Wie darin die buchstäblich Tod bringende Passivität des bürgerlichen Kunstgenusses auf drastische Weise vor Augen geführt wird, kontrastiert auch Mühsam die bourgeoise Empfindsamkeit mit der mitleidslosen sozialen Realität der wilhelminischen Gesellschaft.

Erreicht wird dies dadurch, dass Mühsam für die Beschreibung eines Erhängten auf die Begriffs- und Bilderwelt der romantischen Dichtung zurückgreift. Die durch diese Verknüpfung des Entgegengesetzten erzeugte groteske Wirkung macht das Nebeneinander von bürgerlicher Idylle und massenhafter sozialer Ausgrenzung unmittelbar nachvollziehbar.

Dem entspricht, dass das lyrische Ich das Geschehen nur als eine Art Schattenspiel verfolgt, sich der sozialen Realität also nicht direkt aussetzt. Der Kunstgenuss erscheint so als ein Mittel, dem sozialen Elend seinen Stachel zu nehmen und es stattdessen in einen Gegenstand ästhetischer Betrachtung zu verwandeln, an dem die Betrachtenden ihre Empfindsamkeit demonstrieren können.

Erich Mühsam: Ein anarchistischer Freigeist

Müsste man Erich Mühsam mit einem Wort beschreiben, so wäre am treffendsten wohl der Begriff „Freigeist“.

Als 17-Jähriger wurde er 1896 wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen. Als er nach dem Ersten Weltkrieg an der Gründung der Münchner Räterepublik beteiligt war, brachte ihm das jedoch unter einer sozialdemokratisch geführten Reichsregierung fünf Jahre Festungshaft ein.

Er war überzeugter Anarchist, stand jedoch zeitweilig der KPD nahe und arbeitete auch in der damals dieser Partei eng verbundenen Roten Hilfe zur Unterstützung politischer Gefangener mit. Dies musste er mit einem Ausschluss aus der Föderation Kommunistischer Anarchisten bezahlen, die auf einer klaren Grenzziehung zur KPD beharrte.

Sozial engagierter Lebensreformer

Mühsam pflegte auch enge Kontakte zur Lebensreformbewegung und lebte eine Zeit lang in der Vorzeigekommune auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona. Charakteristisch für ihn ist allerdings, dass der Traum von einem freien Leben in seinem Fall weder esoterische Züge annahm noch auf den Gesundheitsbereich mit Reformkleidung und -ernährung beschränkt blieb.

Stattdessen versuchte Mühsam den Gedanken einer idealen Gemeinschaft auf die soziale Realität zu übertragen. Dafür bemühte er sich in München um die Gründung einer lebensreformerisch orientierten Gemeinschaft mit marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen wie Prostituierten, Obdachlosen und ehemaligen Gefängnisinsassen.

Auch in Liebesdingen war Mühsam flexibel. Als er 1901 von Lübeck nach Berlin umgezogen war, lebte er zunächst in einer homoerotischen Beziehung. 1915 heiratete er jedoch Kreszentia Elfinger, die sich mit ihm als „rote Zenzl“ an der Errichtung der Münchner Räterepublik beteiligte.

Politisch und literarisch aktiver Bohemien

Schließlich war Mühsam, wie sein Vater ein ausgebildeter Apotheker, auch ebenso sehr literarischer Aktivist wie politisch engagierter Literat. Durch seine Mitarbeit an zahlreichen Zeitschriften sowie die Gründung eigener Publikationsorgane mischte er sich politisch ein, fand aber auch immer wieder neue Wege, seine politischen Überzeugungen literarisch auszudrücken. So war er eine feste Größe in Kreisen der Berliner und Münchner Bohème, wo gesellschaftliche und künstlerische Erneuerungsentwürfe zusammengeführt wurden.

Dass ein Freidenker und bekennender Anarchist wie Mühsam den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge sein musste, versteht sich von selbst. Für sie kam dabei erschwerend hinzu, dass Mühsam aus einer jüdischen Familie stammte – obwohl er selbst als Anarchist natürlich kein gläubiger Jude war.

So gehörte Mühsam zu den Ersten, die nach der Machtergreifung von den Nationalsozialisten verhaftet wurden. Im Juli 1934 wurde er im Konzentrationslager Oranienburg von SS-Wachleuten ermordet.

Zitate entnommen aus:

Otto Julius Bierbaum: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive (1897). Berlin 1909: Schuster & Loeffler; digitalisiert im Projekt Gutenberg und im Deutschen Textarchiv:

[1] Drittes Buch, zweites Kapitel

[2] Viertes Buch, zweites Kapitel

[3] Viertes Buch, viertes Kapitel

Ausführlicherer Beitrag zu Otto Julius Bierbaum und seinem Roman Stilpe auf rotherbaron: Inspirationsquelle für das frühe deutsche Kabarett.

H. Hoffmann (Phot-Bericht München): Porträtfoto von Erich Mühsam; Israel, Nationalbibliothek / Portrait photo of Erich Mühsam; Israel, National Library(Wikimedia commons)

English Version

A Persiflage on Bourgeois Sensitivity

On Erich Mühsam’s poem Idyll

Erich Mühsam was one of the first poets to perform their works on German cabaret stages. His poem Idyll parodies the tendency of the bourgeoisie to display sensitivity in the enjoyment of art, but otherwise to insensitively pursue its own interests.

Erich Mühsam: Idyll

Dangling, an old, cold corpse
hangs from a telegraph pole.
A splayed oak branch reaches out
– will he catch them? –
for its lurching legs.
Loudly wheezing, a roar of wind
whistles around the corpse.
So they both dangle wildly.
In the shadows I can only see a silhouette
of the branch brushing the legs,
grasping them and missing them …
Oh, what a lovely idyll!

from: Der Krater (1909); first published in Simplicissimus 10 (1905/06)

Parallels of the Poem to Otto Julius Bierbaum’s Novel Stilpe

Otto Julius Bierbaum’s novel Stilpe, published in 1897, is regarded as an important stimulus for early German cabaret. Its protagonist wants to realise his ideal – a „life elevated to art“ [1] – with a new „literary variety theatre“ [2]. His project fails, however, because on the one hand the audience expects undemanding „Tingeltangel“, while on the other hand the critics complain about a lack of profundity [3].

The protagonist reacts to this dilemma – which anticipates later structural problems of the cabaret – with a final, extreme provocation of the public. He replaces his ideal of a „life elevated to art“ with death elevated to art and hangs himself on stage in front of the audience – to the applause of the spectators, who at first do not notice the intrusion of reality into fiction.

Deathly Enjoyment of Art

We do not know whether Erich Mühsam was thinking of the end of Bierbaum’s novel Stilpe when he wrote his poem. However, it can be assumed that he knew the novel. After all, it was an important source of inspiration for the founding of the first German cabaret stages – where Mühsam repeatedly recited his poems.

In any case, it is striking that Mühsam’s poem satirises bourgeois high culture in a similar way to the protagonist in Bierbaum’s novel. Just as the novel drastically demonstrates the fatal passivity of bourgeois enjoyment of art, Mühsam also directly contrasts bourgeois sensitivity with the pitiless social reality of Wilhelmine society.

This is achieved by drawing on the terminology and imagery of Romantic poetry for the description of a hanged man. The grotesque effect created by this combination of opposites makes the juxtaposition of bourgeois idyll and mass social exclusion immediately comprehensible.

This corresponds to the fact that the lyrical I only sees the events as a kind of shadow play, i.e. the describing subject is not directly exposed to social reality. The enjoyment of art thus appears as a means of taking the sting out of social misery and transforming it instead into an object of aesthetic contemplation, which the spectators can use to demonstrate their sensitivity.

Erich Mühsam: An Anarchist Freethinker

If one had to describe Erich Mühsam in one word, the term „freethinker“ would probably be the most apt.

In 1896, at the age of 17, he was expelled from school for „social democratic activities“. However, when he participated in the founding of the Munich Council Republic after the First World War, this earned him five years‘ imprisonment under a state government led by social democrats.

He was a convinced anarchist, but was at times close to the Communist Party (KPD) and also worked in the Red Aid („Rote Hilfe“), an organisation for the support of political prisoners, which was closely linked to this party at the time. Mühsam had to pay for this by being excluded from the Federation of Communist Anarchists, which insisted on a clear demarcation with the KPD.

Socially Committed Life Reformer

Mühsam also had close contacts with the Lebensreform (Life Reform) movement and lived for a time in the alternative community on Monte Verità in Ascona, Switzerland. Characteristically for him, however, the dream of a liberated life in his case neither took on esoteric features nor remained limited to the health sector, with a focus on reform clothing and nutrition.

Instead, Mühsam tried to transfer the idea of an ideal community to social reality. To this end, he attempted to found a life-reform oriented community in Munich with marginalised social groups such as prostitutes, homeless people and former prison inmates.

Mühsam was also flexible in matters of love. When he moved from Lübeck in northern Germany to Berlin in 1901, he initially lived in a homoerotic relationship. In 1915, however, he married Kreszentia Elfinger, who participated with him as „Red Zenzl“ in the establishment of the Munich Council Republic.

Politically and Literarily Active Bohemian

Finally, Mühsam, like his father a trained pharmacist, was as much a literary activist as a politically committed man of letters. Through his collaboration in numerous journals as well as the founding of his own publication organs, he got involved politically, but also repeatedly found new ways to express his political convictions in literature. Thus he was an important figure in Berlin and Munich bohemian circles, where social and artistic ideas for renewal were brought together.

It goes without saying that a freethinker and anarchist like Mühsam was regarded as a disruptive factor by the National Socialists. An aggravating factor for them was the fact that Mühsam came from a Jewish family – although he himself, as an anarchist, was of course not a devout Jew.

Thus Mühsam was one of the first to be arrested by the National Socialists after their seizure of power. In July 1934 he was murdered in the Oranienburg concentration camp by SS guards.

Quotes taken from:

Otto Julius Bierbaum: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive (A Novel from the Frog’s Perspective; 1897). Berlin 1909: Schuster & Loeffler; digitised in the Projekt Gutenberg and in the German Text Archive (Deutsches Textarchiv):

[1] Drittes Buch, zweites Kapitel (Third book, second chapter)

[2] Viertes Buch, zweites Kapitel (Fourth book, second chapter)

[3] Viertes Buch, viertes Kapitel (Fourth book, fourth chapter)

Bilder / Images: Władysław Podkowiński (1866 – 1905): Skelett-Studie (Fliehendes Skelett; 1892) Warschau, Nationalmuseum (Wikimedia commons) /Study of a skeleton (Fleeing skeleton), Warsaw, National Museum; Erich Mühsam beim „Lichtbad“ an einem Wasserfall am Monte Verità (um 1904); links der  Arzt Raphael Friedeberg, der als überzeugter Anarchist Gleichgesinnte wie Mühsam und Pjotr Kropotkin nach Ascona gebracht hat (Wikimedia commons) /Erich Mühsam (on the right) taking a „light bath“ at a waterfall on Monte Verità (around 1904); on the left, the physician Raphael Friedeberg, who as a convinced anarchist brought like-minded people like Mühsam and Pyotr Kropotkin to Ascona (Wikimedia Commons)

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