Frühlingsmelancholie / Spring Melancholy

Zu Stéphane Mallarmés Gedicht Renouveau (Erneuerung)/On Stéphane Mallarmé’s poem Renouveau (Renewal)

English Version

Die Wiedergeburt des Lebens im Frühling löst beim jungen Mallarmé eine Schaffenskrise aus: Da es für den Menschen keine ewige Wiedergeburt gibt, lässt der Frühling ihn die Vertreibung aus dem Paradies besonders schmerzlich empfinden.

Erneuerung

Den Winter, die Zeit der heiteren Kunst, den klaren Winter,
hat traurig der kränkliche Frühling verjagt.
Nun lähmt im trägen Strom des Blutes
ein gähnendes Erwachen meinen Geist.

Und während durch die Felder wuchernd
die Welle der Verwandlung wogt,
irre ich im Dornenkranz des weißen Lichtes
der Dämm’rung eines unbestimmten Traumes nach.

Ermattet von dem Duft der Bäume, versenke
ich den Traum im Grab meines Gesichts
und sinke in die veilchenwarme Erde;

sinke, bis mein Trübsinn mich umschließt,
derweil durch das Spalier der Hecken lachend
das zwitschernde Leuchten des Himmels bricht.

Stéphane Mallarmé: Renouveau (Erstveröffentlichung 1866)

Stéphane Mallarmé hat nie verhehlt, dass Charles Baudelaires 1857 erschienene Gedichtsammlung Fleurs du mal (Blumen des Bösen) für ihn – wie für so viele andere Literaten seiner Zeit – eine Offenbarung war. Auch das Werk Paul Verlaines, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, war ein wichtiger Orientierungspunkt für sein dichterisches Schaffen.
Mallarmés Leben allerdings verlief ganz anders als das seiner literarischen Vorbilder. Bei Baudelaire und Verlaine entsprach der dichterischen Durchmessung des Abgrunds der menschlichen Existenz auch ein Leben am Abgrund. Drogenexzesse und die wiederholte ekstatische Hingabe an menschliche Leidenschaften führten hier zu einem Leben am Rande der Gesellschaft, das von ständigen Geldsorgen und einer früh zerrütteten Gesundheit geprägt war. Mallarmé hingegen lebte als Gymnasiallehrer und treu sorgender Familienvater ein durchaus bürgerliches Leben.
Eines der wenigen Beispiele, an denen sich die geistige Nähe Mallarmés zu Baudelaire ablesen lässt, ist das Gedicht Renouveau (Erneuerung). Wie Mallarmé in einem Brief an seinen Freund Henri Cazalis erläutert, sind die Verse eine Auseinandersetzung mit „der seltsamen Unfruchtbarkeit, die der Frühling in mir hervorgerufen hatte“. Der Begriff, den Mallarmé in dem Zusammenhang prägt – „Frühlingsspleen“ (Frühlingsmelancholie) –, verweist unmittelbar auf die drei „Spleen“ überschriebenen Gedichte in Baudelaires Fleurs du mal.
Was sich hierin – wie in dem darauf aufbauenden Gedicht – ausdrückt, ist ein Gefühl des existenziellen Ausgeschlossenseins, wie es auch für das dichterische Schaffen Baudelaires und Verlaines charakteristisch ist. Ein Gefühl der Vertreibung aus dem Paradies der Einheit, des Geworfenseins in ein von Geburt an zum Tode verurteiltes Leben.
Während allerdings bei Baudelaire und Verlaine das Leiden am und im Dasein durchgehend in ihrer Dichtung präsent ist, ist dies bei Mallarmé nur in seinem Frühwerk der Fall. Die späteren Gedichte sind von einem hermetischen Symbolismus geprägt, der seinen eigenen Verweisungszusammenhang kreiert und sich so gegen das wesenhafte Chaos des Lebens abschottet.

Mallarmé-Zitate entnommen aus: Haug, Gerhard: Nachwort. In: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Gedichte (1957), S. 287 – 299 (hier S. 290 f.).Heidelberg 4. Aufl. 1984: Lambert Schneider.

Petrus Agricola: Foto des jungen Mallarmé / Photo of Mallarmé as a young man (Wkimedia)

English Version

Spring Melancholy

On Stéphane Mallarmé’s poem Renouveau (Renewal)

The rebirth of life in spring triggers a creative crisis in the young Mallarmé: Since there is no eternal rebirth for humans, spring makes him feel the expulsion from paradise particularly painful.

Renewal

Winter, the time of serene art, the clear winter,
has been sadly chased away by the sickly spring.
Now, in the sluggish flow of the blood,
a yawning awakening paralyses my spirit.

And while the wave of transformation
rampantly rages through the fields,
I chase the twilight of an unfathomable dream
beneath the thorny crown of the glistening light.

Weary of the fragrance of the trees,
I bury the dream in the grave of my face
and sink into the warmth of the violet earth;

I sink until my gloom envelops me,
while through the trellis of the hedges breaks,
laughing, the twittering glow of the sky.

Stéphane Mallarmé: Renouveau (first published in 1866)

Stéphane Mallarmé never concealed the fact that Charles Baudelaire’s collection of poems Fleurs du Mal (Flowers of Evil), published in 1857, was a revelation to him – as it was to so many other poets of his time. Likewise, the work of Paul Verlaine, with whom he had a lifelong friendship, was an important point of orientation for his poetic work.
Mallarmé’s life, however, was very different from that of his literary models. In Baudelaire’s and Verlaine’s work, the poetic exploration of the abyss of human existence corresponded to a life on the abyss. For them, drug excesses and repeated ecstatic devotion to human passions led to a life on the fringes of society, marked by constant financial worries and early ruined health. Mallarmé, by contrast, lived a thoroughly bourgeois life as a grammar school teacher and faithfully caring family father.
One of the few examples of Mallarmé’s intellectual closeness to Baudelaire is the poem Renouveau (Renewal). As Mallarmé explains in a letter to his friend Henri Cazalis, the verses are an attempt to address „the strange barrenness that spring had provoked in me“. The term Mallarmé uses in this context – „Springtime Spleen“ – refers directly to the three poems in Baudelaire’s Fleurs du Mal entitled „Spleen“.
What is expressed here – as in the poem based on these thoughts – is a feeling of existential exclusion, as is also characteristic of Baudelaire’s and Verlaine’s poetic work; a feeling of expulsion from the paradise of unity, of being thrown into a life condemned to death from the day of birth.
However, while in Baudelaire’s and Verlaine’s poetry the suffering from human fate is constantly present, in Mallarmé’s poetry this is only the case in his early work. The later poems are characterised by a hermetic symbolism that creates its own context of references and thus seals itself off from the chaos inherent in life.

Mallarmé quotations taken from: Haug, Gerhard: Nachwort (Afterword). In: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Gedichte (Collected Poems, 1957), pp. 287 – 299 (here pp. 290 f.). Heidelberg 4th ed. 1984: Lambert Schneider.

Bild: Edvard Munch: Die Sonne 1911; Öl auf Leinwand; Universität Oslo. Quelle: Wikimedia

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