Das Bild des Mönchs / Monastic Pictures

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Bei den Dunkelmännern/3 /Diary of a Shadowless Man/2: Among the Disciples of Darkness/3

An seinem neuen Wohnort hat Theo auch Lina wiedergefunden. Ihr Bild hatte er nur noch verschwommen vor Augen – was ihn an einen früheren Freund erinnert.

At his new home, Theo also found Lina again. He only had her picture blurred in his mind’s eye – which reminds him of a former friend.

Dienstag, 12. September

Es ist wirklich alles sehr klösterlich hier. Es heißt, der Orden habe die alte Klosteranlage verkaufen wollen, nachdem die letzten Mönche den Unterhalt allein nicht mehr bewältigen konnten. Da sich die Suche nach einem Käufer schwierig gestaltete, habe man sich darauf eingelassen, das Gebäude vorübergehend zu einem symbolischen Mietpreis einer Laienbruderschaft zu überlassen.
Demnach wäre das hier also nur eine Heimat auf Zeit für die „Dunkelmänner“ – diese für mich noch immer rätselhafte Vereinigung, in deren Mitte ich nun schon seit einiger Zeit lebe. Bei Auftauchen eines solventen Käufers würde der Konvent den Mietvertrag wohl umgehend auflösen. Darüber hinaus frage ich mich aber auch, ob die Art des Zusammenlebens hier dem entspricht, was man sich auf kirchlicher Seite unter einer „Laienbruderschaft“ vorstellt.
Allerdings: Was weiß ich schon vom Klosterleben? Nur ein einziges Mal habe ich nähere Bekanntschaft mit einem Mönch geschlossen. Eigentlich war er zu der Zeit sogar erst Novize, und ich habe ihn auch schon vor seinem Entschluss zum Eintritt ins Kloster gekannt.
Es handelte sich um einen Freund, den ich während meiner Lehrjahre an der kaufmännischen Schule kennengelernt hatte. Er selbst hat dort das gefunden, was wohl allgemein als die „Frau fürs Leben“ bezeichnet wird. In diesem Fall war das allerdings weit mehr als eine Floskel. Die beiden waren wirklich wie zwei Elementarteilchen, die gar nicht anders konnten, als bei ihrer Begegnung eine Einheit zu bilden.
Entsprechend amputiert hat sich mein Freund gefühlt, als seine Angela bei einem Autounfall ums Leben kam. Ich weiß noch, wie er damals wochenlang in eine Ecke gestarrt und kaum noch etwas geredet hat.
„Es ist, als hätte man mir das Herz herausgerissen“, hat er einmal zu mir gesagt, als ich ihn nahezu angefleht habe, ein paar Worte mit mir zu wechseln. „Als würde ein Riss mitten durch mich hindurchgehen. Als würde eine Wunde in mir klaffen, die durch nichts zu heilen ist.“
Für ihn war es in der Situation vielleicht wirklich die beste Lösung, ins Kloster zu gehen. Ihm hat das Halt gegeben und ihn so vor einem Sturz in die Bodenlosigkeit eines umnachteten Leben bewahrt, vor dem manch anderer in die Alkoholsucht geflohen wäre.
Als ich ihn einmal im Kloster besucht habe, war der einzige Schmuck in seiner Kammer ein Foto, das er auf seinen wackligen Nachttisch gestellt hatte. Mir war klar, dass das Angela sein musste. Das Bild war aber seltsam verschwommen, wie durch einen Nebel hindurch aufgenommen.
Ich wagte es zuerst nicht, ihn auf das Bild anzusprechen, da ich nicht an alte Wunden rühren wollte. Da er aber das Foto so offen in seiner Kammer platziert hatte, fragte ich schließlich doch beiläufig: „Das ist Angela, nicht?“
„Ja und nein“, antwortete er mit einem ebenso melancholischen wie gelassenen Blick.
Ich sah ihn verwirrt an. „Was soll das heißen – ja und nein? Entweder sie ist es, oder sie ist es nicht.“
Er lächelte nachsichtig. „Sie ist es, weil das Foto das Gesicht zeigt, das sie der Welt zugewandt hat. Und sie ist es nicht, weil ihr Wesen von keinem Bild der Welt eingefangen werden kann.“

An die Worte musste ich neulich denken, als ich Lina hier wiedergesehen habe. Ihr Gesicht war in meiner Erinnerung genauso verschwommen gewesen wie das Bild von Angela in der Kammer meines Freundes. Wenn mich jemand gebeten hätte, es zu beschreiben – es wäre nur etwas Vages, Ungefähres dabei herauskommen, das ich zudem immer wieder mit anderen Zügen ausgestattet hätte.
Auch jetzt, da ich sie jeden Tag sehe, geht es mir nicht anders. Wenn ich an sie denke, zerfließt ihr Gesicht vor meinen Augen zu einem windbewegten Meer, auf dessen Wellen die Sonne ein Kaleidoskop funkelnder Edelsteine streut. Und jeder Edelstein erzählt eine andere Geschichte.
Die Liebe kennt wohl wirklich keine Bilder. Keine Bilder, keinen Raum und keine Zeit. Deshalb würde ich auch nie ein Foto von Lina bei mir aufstellen. Denn jedes Foto eines Menschen widerspricht seiner Struktur nach dem Wesen der Liebe. Es zeigt das Bild, das sich dem Spiegel der Welt eingeprägt hat, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Es tut also genau das, was der Liebe fremd ist: Es sperrt einen anderen Menschen in den Käfig seiner äußeren Erscheinung.

English Version

Monastic Pictures

Tuesday, September 12

Everything is really very monastic here. From what I have heard, the Order wanted to sell the old monastery complex after the last monks could no longer maintain it on their own. As the search for a buyer proved difficult, the superiors agreed to give the building temporarily to a lay brotherhood at a symbolic rent.
So this seems to be only a temporary home for the „Disciples of Darkness“ – this association, still mysterious to me, in the midst of which I have been living for some time now. If a solvent buyer emerged, the convent would probably terminate the lease immediately. But beyond that, I also wonder whether the way of living together here corresponds to what is understood on the ecclesiastical side as a „lay brotherhood“.
On the other hand, I have to admit that I don’t know much about monastic life. Only once did I make the acquaintance of a monk. Actually, he was only a novice at the time, and I knew him even before he decided to join the monastery.
It was a friend I had met during my apprenticeship years at the commercial school. He himself found there what is generally referred to as the „woman for life“. In this case, however, this was far more than a phrase. The two of them were really like two elementary particles that couldn’t help but form a unit when they met.
Consequently, my friend felt like an amputee when his Angela was killed in a car accident. I still remember how he stared into a corner for weeks and hardly spoke a word.
„It feels as if my heart had been ripped out,“ he once said to me when I virtually begged him to exchange a few words with me. „As if a crack were going right through me. As if a wound was gaping inside me that nothing could heal.“
For him, going to the monastery was perhaps the best solution in that situation. It gave him support and saved him from falling into the bottomless pit of a benighted life, from which many others would have fled into alcoholism.
When I visited him once in the monastery, the only ornament in his chamber was a photo he had placed on his rickety bedside table. It was clear to me that this must be Angela. But the picture was strangely blurred, as if taken in thick fog.
I didn’t dare ask him about the picture at first, not wanting to touch old wounds. But since he had placed the photo so openly in his chamber, I finally asked casually: „That’s Angela, isn’t it?“
„Yes and no,“ he replied with a look that was as melancholy as it was serene.
I looked at him in confusion. „What does that mean – yes and no? Is this Angela, or is it not?“
He smiled indulgently. „It’s her because the photo shows the face she turned to the world. And it’s not her because her essence cannot be captured by any image in the world.“

These words came to mind the other day when I met Lina here again. Her face had been as blurred in my memory as the picture of Angela in my friend’s chamber. If someone had asked me to describe her – only something vague, approximate would have come out, which, moreover, I would have endowed with ever new features.
Even now that I see her every day, it’s no different for me. When I think of her, her face melts before my eyes into a wind-blown sea on whose waves the sun scatters a kaleidoscope of sparkling gems. And each gem tells a different story.
Probably, love really does not know any images. No images, no space and no time. That’s why I would never hang a photo of Lina in my room. In fact, a photo of a beloved person contradicts the essence of love. It shows the image inscribed in the mirror of the world, at a certain time in a certain place. So it does exactly what is alien to love: it locks another person into the cage of the outer appearance.

Bilder / Images: Gerd Altmann: Frauengesicht zwischen herbstlichen Blättern / Woman’s face between autumnal leaves (Pixabay); Ders.: Konturen eines weiblichen Gesichts mit Flammenhintergrund / Contours of a female face with flame background (Pixabay)

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