Rekonvaleszenz / Convalescence

Tagebuch eines Schattenlosen/2: Bei den Dunkelmännern/1 /Diary of a Shadowless Man/2: Among the Disciples of Darkness/1

Theo ist seinem Verlies entkommen und lebt nun bei einer Art Laienbruderschaft. Von seinem neuen Alltag wird er fortan immer montags, mittwochs und freitags berichten.

Theo has escaped his dungeon and now lives with a kind of lay brotherhood. From now on, he will report on his new everyday life every Monday, Wednesday and Friday.

Montag, 11. September

Das typische Rekonvaleszentengefühl: Die Operation ist überstanden, der Patient ist wieder „in der Welt“, aber die Narbe schmerzt noch, und der Geist ist noch immer benommen von der langen, anstrengenden Reise in den eigenen Körper.
Die Klosterzelle, in der ich untergebracht bin, verstärkt dieses Gefühl noch, da sie in ihrer Kargheit ein wenig an ein Krankenhauszimmer erinnert. Die Wände sind weiß und bilderlos, das schmale Fenster zwängt sich mühsam in das dicke Mauerwerk, und die Einrichtung besteht aus nichts als einem Bett, einem sparsam verzierten Bauernschrank, einem wackligen Tisch und einem Stuhl.
Der Schrank befindet sich rechts, das Bett mit dem quietschenden Lattenrost links neben der Tür. Der Tisch steht direkt vor dem Fenster. Dadurch ähnelt das Öffnen des Fensters zwar einer Yogaübung für Fortgeschrittene. Der da-vorstehende Stuhl bietet dafür aber einen herrlichen Blick auf die Hügel, die sich hinter dem Klostergarten in der Ferne verlieren.
Ich habe das Fenster geöffnet, um den Duft des Abends zu spüren. Lange habe ich ihn nicht mehr in dieser Intensität wahrgenommen. Es riecht nach Kindheit, nach Räuber-und-Gendarm-Spielen zwischen hohen Maisstauden und schmalen Feldrainen, die sich der Nacht entgegenwinden, während sich über ihnen langsam das Tor zum Kosmos öffnet. Das Gefühl von Nachtwanderungen, scheuen Umarmungen und Grashalmen, die über den Köpfen rauschen und hinter denen die Sterne aufgehen und verschwinden, verschwinden und aufgehen …
Aber eigentlich wollte ich ja meine alte Gewohnheit wieder aufnehmen und das Erlebte zu Erfahrungen ordnen. Nach den Geschehnissen der letzten Wochen ist mir selbst nicht mehr ganz klar, wer ich überhaupt bin. Es erscheint mir daher sinnvoller denn je, in dem Labyrinth der vergangenen Ereignisse nach Spuren meines Selbst zu suchen.

English Verion

Convalescence

Monday, September 11

The typical convalescent feeling: the operation is over, the patient is „in the world“ again, but the scar still hurts and the mind is still dazed from the long, exhausting journey into one’s own body.
The monastery cell in which I am accommodated reinforces this feeling, as it is somewhat reminiscent of a hospital room in its sparseness. The walls are white and devoid of pictures, the narrow window is just a hole in the thick brickwork, and the furnishings consist of nothing but a bed, an old peasant cupboard, a rickety table and a chair.
The cupboard is on the right, the bed with the squeaky slatted frame on the left of the door. The table stands directly in front of the window. Opening the window resembles a yoga exercise for advanced practitioners. However, the chair in front of it offers a wonderful view of the hills that disappear into the distance behind the monastery garden.
I have opened the window to feel the scent of the evening. It has been a long time since I sucked it in with such intensity. It smells of childhood, of cops and robbers playing among tall maize stalks and narrow field margins winding towards the night as the gateway to the cosmos slowly opens above them. The feeling of night walks rises in me, of shy embraces and blades of grass rustling overhead, behind which the stars appear and disappear, disappear and appear …
But actually, I wanted to pick up my old habit and give structure to what I have experienced by writing. After the events of the last few weeks, it is no longer clear to me who I am at all. That’s why it seems to make more sense than ever to search for traces of myself in the labyrinth of the past events.

Bilder / Images: Bruno: Erleuchtung / Enlightenment (Pixabay); Alejandro Linares Garcia: Mönchszelle im früheren Kloster von Acolman, Mexiko / Example of a monk’s cell in the former monastery of Acolman, Mexico State, Mexico (wikimedia commons)

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