Edgar Fuhrmann: Fremd / Strange Encounter

Heute starten wir auf LiteraturPlanet eine neue Reihe. Ab 1. September werden wir jeden Mittwoch einen Text aus Edgar Fuhrmanns Erzählsammlung Hauptbahnhof veröffentlichen.
Die Erzählungen handeln von Menschen am Rande der Gesellschaft, die als Treibgut am Hauptbahnhof stranden, diesem labyrinthischen Zentrum moderner Gesellschaften. Mitten im pulsierenden Leben der von A nach B eilenden Züge bleiben sie allein. Der reißende Strom des sozialen Lebens begräbt sie unter sich, anstatt sie zu tragen.
Eine überarbeitete Fassung der Erzählsammlung wird in Kürze als Ebook erscheinen.
Die heutige Erzählung handelt von einem Flüchtling aus Äthiopien, der in den 1980er Jahren unerwartet aus dem Asylbewerberheim verschwindet. Ein paar Monate taucht er ebenso unerwartet wieder auf.

Textauszug

Ich wollte mich gerade zum Ausgang des Bahnhofs begeben, als mir plötzlich so war, als hätte ich ein bekanntes Gesicht gesehen. Zögernd drehte ich mich um und ging mit den Augen noch einmal die Strecke ab, über die ich eben geschlendert war. Mein Blick fiel auf den Lockenkopf eines dunkelhäutigen Mannes, der angestrengt einen der ausgehängten Fahrpläne studierte.
War das nicht …? Aber nein, wahrscheinlich erging es mir nur wie allen, die einmal flüchtig mit einem fremden Volk in Berührung gekommen sind: Kommen einem dann nicht alle Angehörigen dieses Volkes irgendwie bekannt vor?
Bei mir war es so, dass in meiner Nachbarschaft einmal eine Gruppe von Asylbewerbern aus Äthiopien gewohnt hatte. Von Zeit zu Zeit war ich in den Räumen der kirchlichen Begegnungsstätte mit ihnen zusammengetroffen. Irgendwann waren sie dann alle in eine andere Gegend verlegt worden, und zwar so plötzlich, dass ich jeden Kontakt zu ihnen verloren hatte.
Der Lockenkopf vor dem Fahrplan erinnerte mich an Simon, der noch vor den anderen Äthiopiern die Stadt verlassen hatte. Was an ihm sofort ins Auge stach, war eine gewisse Unruhe, die gewissermaßen den Grundton abgab zu allem, was er tat. So konnte es passieren, dass er leidenschaftlich mit einem diskutierte, um dann plötzlich mitten im Satz die Diskussion abzubrechen, weil er sich an irgendeine Verabredung erinnerte. Eine halbe Stunde später traf man ihn dann vielleicht bei einem Spaziergang im Park, mit einem Buch in der Hand, in das er so vertieft war, das er nichts um sich herum wahrnahm.
Ich bewegte mich langsam auf den Lockenkopf vor dem Fahrplan zu. Als ich die Gestalt nun näher betrachtete, wurde meine Vermutung allmählich zur Gewissheit. Dieses ungeduldige Wippen von einem Bein auf das andere, die ärgerlichen Handbewegungen, wenn offenbar eine Zugverbindung nicht so war wie erhofft: Kein Zweifel, das war Simon!

Fremd (PDF)

English Version

Today we are launching a new series on LiteraturPlanet. Starting September 1, we will publish a text from Edgar Fuhrmann’s story collection „Hauptbahnhof“ every Wednesday.
The stories revolve around people on the edge of society who are stranded as human flotsam at the central station, this labyrinthine center of modern society. Amidst the pulsating life of trains rushing from A to B, they remain alone. The torrent of social life pulls them down instead of carrying them.
A revised version of the story collection will soon be published as an ebook.
Today’s story is set in the 1980s. It is about a refugee from Ethiopia who unexpectedly disappears one day. A few months later he reappears just as unexpectedly.

Excerpt from the text

I was about to leave the station when suddenly I felt as if I had seen a familiar face. Hesitantly, I turned around and ran my eyes once more along the route I had just strolled. My gaze fell on the curly head of a dark-skinned man who was intently studying a timetable on display.
Wasn’t that …? But no, I was probably behaving like anyone else who has had a fleeting encounter with a foreign people: Don’t all the members of this people then seem somehow familiar?
In my case, a group of asylum seekers from Ethiopia had once lived in my neighbourhood. From time to time I had met them in the community rooms of the local chu
rch. At some point they had all been moved to another area, so suddenly that I had lost all contact with them.
The curly head in front of the timetable reminded me of Simon, who had left town before the other Ethiopians. What immediately struck the eye about him was a certain restlessness that could be felt in everything he did. For example, it could happen that he was passionately discussing something with you, only to suddenly break off the discussion in mid-sentence because he remembered some appointment. Half an hour later, he might be found walking in the park with a book in his hand, so absorbed in it that he didn’t notice anything around him.
Slowly I moved towards the curly head in front of the timetable. As I now looked at the figure more closely, my suspicions gradually turned into certainty. That impatient rocking from one leg to the other, the annoyed hand movements when apparently a train connection was not as he had hoped: no doubt about it, that was Simon!

Text as PDF

Bilder: Gabriel Miguel Bero: Man (Pixabay); Free Photos: Bahnhofstreppe (Pixabay)

Eine Antwort auf „Edgar Fuhrmann: Fremd / Strange Encounter

  1. Pingback: Reine Sprache, schmutziges Handeln – rotherbaron

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