Die Utopie, ein Sprung ins Ungewisse / Utopia: a leap into the uncertain

17. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Baptiste W. Hamon: Hervé

English Version

Mit dem heutigen dritten Teil des musikalischen Adventskalenders steigen wir aus dem Tal der Finsternis hinauf in das Reich von Utopia. Aber Achtung: Wie die Augen der Raubtiere im Dunkeln hell leuchten, ist umgekehrt auch im Reich des Lichtes nicht alles Gold, was glänzt.

Nein, das heutige Lied von Baptiste W. Hamon ist nicht gerade das, was man einen Party-Kracher nennen würde.
Das Chanson handelt von einem jungen Mann (Hervé), der in der Schule ein Außenseiter ist und dies auch bleibt, als er ins Berufsleben eintritt. Von jemandem, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht findet, weil er von einer anderen Gesellschaft träumt, in der Menschen wie er keine Außenseiter mehr wären – und der deshalb zum großen Sprung in ein neues, ganz anderes Leben ansetzt. Nur leider vollführt er diesen Sprung vom Rand einer Klippe aus. Und das Meer, in dem er landet, ist eben leider nicht das Meer seiner Träume, sondern der ganz reale, alles verschlingende Ozean.
Warum also steht ausgerechnet ein solches Lied am Anfang des dritten Teils unseres musikalischen Adventskalenders? Sollte dieser uns nicht ins Reich der Utopie entführen, dorthin, wo Milch und Honig fließen?
Nun ja … Es mag durchaus sein, dass in Utopia selbst Milch und Honig fließen. Nur leider werden wir das nie erfahren. Denn unsere „Utopie“ wurzelt nun einmal im Nirgendwo des griechischen „ou-topos“ („kein Ort“ / nicht existenter Platz). Es gehört daher zum Wesen der Utopie, dass sie ein Leben lang ein Traum bleiben muss.
Nun sind unsere schönsten Träume aber ohnehin bekanntlich die, die unerfüllbar sind. Wir alle träumen von einer besseren Welt. Dabei wissen wir natürlich genau, dass dieser Traum auch dann nicht eintreten wird, wenn wir ihn jeden Tag aufs Neue träumen. Und doch gibt es unzählige Nichtregierungsorganisationen, die eben das tun; die sogar nicht nur von einer besseren Welt träumen, sondern sich ganz konkret durch ihr Handeln darum bemühen, eine solche Welt Wirklichkeit werden zu lassen.
Es gibt nun einmal Träume, die größer sind als wir; Träume, die den Raum unseres Lebens übersteigen und hineinragen in eine Zukunft, von der wir nicht wissen, ob und wann sie anbrechen wird. Diese Träume träumen wir zwar auch für uns, weil sie uns wärmen und uns die Kraft geben, durch das Tal unseres gar nicht traumhaften Alltags zu schreiten. Das, was wir mit ihnen bauen, bauen wir jedoch für andere, die nach uns über diese Welt wandeln werden. So sind unsere unerfüllbaren Träume zugleich unsere vornehmsten Träume.
Das Scheitern ist ein integraler Bestandteil derartiger Träume. Denn wir wissen ja ganz genau, dass die Traumpaläste, die wir errichten, vom nächsten Wirklichkeitssturm hinweggefegt werden. Dass wir dabei selbst mit untergehen können, ist ein Risiko, dass wir als himmelsstürmerische Baumeister billigend in Kauf nehmen.
So betrachtet, ist das Chanson von Baptiste W. Hamon keineswegs so hoffnungslos, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn auch wenn Hervé, der Protagonist des Liedes, seinen eigenen Traum nicht überlebt, so lebt dieser doch in anderen fort. In diesem Sinne rufen die Zurückgebliebenen ihm am Ende des Liedes nach, sie würden ihm mit einem „Lächeln auf den Lippen“ folgen – auch wenn sie selbst noch keine „großen Revoluzzer“ seien.
Hinzu kommt, dass der Autor des Chan¬sons seinem Ideal eines besseren Lebens weit näher gekommen zu sein scheint als sein armer Hervé. Denn anders als dieser, der wie er ein Dylan- und Folk-Fan ist, ist es ihm selbst gelungen, Kontakte in die USA zu knüpfen und dort Musik zu pro¬duzieren. Interessanterweise ist gerade das Chanson Hervé dafür ein schönes Beispiel: Hamon trägt das Lied zusammen mit der Navasota String Band in einem Wohnwagen vor, der im texanischen Austin am Straßenrand steht.
So stellt der lebendige Vortrag des Songs in doppelter Hinsicht eine Antithese zu dessen In¬halt dar: Zum einen zeugt er von der gelungenen Verwirklichung eines Freiheitstraums. Zum anderen schafft die Tatsache, dass hier eine ganze Bluegrass-Band in einen Wohnwagen ge¬zwängt wird, auch eine ironische Distanz zu der melancholischen Grundstimmung des Chansons – und nimmt diesem so seinen todessehnsüchtigen Stachel.

Baptiste W. Hamon: Hervé; aus: Quitter l’enfance (Die Kindheit verlassen; 2014)

Live-Aufnahme mit der Navasota String Band

Vollständiges Album auf Bandcamp

Liedtext

Hervé

Y avait Hervé qui s’enfilait les whiskys, les clopes et tout ça,
et puis Bon Dieu, c’est pas normal d’avoir à s’accrocher comme ça –
tu sais les hommes en ont assez des ombres qu’on leur donne.

Y avait Hervé qui s’enfermait, qui jouait un vieux Dylan en ré,
c’est de se placer sur l’échiquier quand on parlait à la récré.
J’ai pas compris, j’y suis allé, puis j’ai grimpé et puis après

Pierrot dit: „Bosse au lieu de parler, y en a qui crèvent parce qu’ils ont faim,
toi, tu fais le fier parce que t’es bien, t’as des diplômes et un coussin,
faudra que tu te foutes ça dans la tête, la vie, c’est pas toujours la fête!“

Y avait Hervé qui reprenait tous les matins le même train,
le même métro bondé, toujours une fille à regarder.
„Paris c’est beau, les gars c’est faux, quand on décrit Paris bureau.“

Y avait Hervé qui s’avançait dessus les dunes de la grande baie,
y avait la mer en face d’un homme, y avait l’océan qui grondait.
„A quoi ça sert, l’immensité, quand on n’est pas ce qu’on l’on est?“

Un jour Hervé qui s’enfilait les whiskys, les clopes et tout ça,
il a dit: „Venez les gars, les filles, on se fait la malle à New Orleans!“
Les gars, les filles, ils l’ont regardé, et puis Pierrot, il a craché.

Alors Hervé, il est retourné dessus les dunes de la grande baie,
y avait la mer en face d’un homme, y avait l’océan qui grondait,
il a pensé aux gens qu’il aime, puis il a sauté, il a sauté.

Il s’est enfoui dans l’océan, il a brisé la société,
il a dit merde à tout un monde, il est parti comme il voulait.
Mon vieux Hervé, si t’es par là, sache qu’on est tous bien fiers de toi!

Puis qu’on est plein dans l’antichambre, on n’est pas loin d’être une armée.
On sait pas trop se révolter, mais si c’est vrai, ce qui est raconté,
et ben on fera comme toi quand on te suivra, la tête en bas, on sourira.

© Baptiste W. Hamon

Übersetzung

Hervé

Da war Hervé, der sich den Whisky reinzog,
die Fluppen und all das Zeug …
Meine Güte, es ist einfach nicht normal,
wenn man sich so festklammern muss –
du weißt ja, die Leute haben genug
von den Schattenseiten des Lebens.

Da war Hervé, der sich abkapselte,
der einen alten Song von Bob Dylan in D spielte,
während wir auf dem Schulhof
auf dem großen Schachbrett quatschten.
Ich hab’s nicht verstanden, ich bin einfach hingegangen,
hab mich dazugestellt, und dann …

… sagte Pierrot : „Geh lieber schaffen, anstatt zu quatschen,
es gibt Leute, die vor Hunger verrecken,
du sitzt auf dem hohen Ross, weil’s dir gut geht,
du hast eine Ausbildung, dein Leben ist weich gepolstert.
Schreib dir das hinter die Ohren: Das Leben ist keine ewige Party!“

Da war Hervé, der jeden Morgen denselben Zug nahm,
dieselbe überfüllte Metro,
immer ein schönes Mädchen vor Augen.
„Paris ist schön, die Leute sind verlogen,
so ist die Arbeitswelt in Paris.“

Da war Hervé, der sich dem Rand der Klippen näherte
über der breiten Bucht,
das Meer sah ihm direkt ins Gesicht, es brüllte ihm ins Ohr.
„Wozu dient die unermessliche Weite,
wenn man nicht das ist, was man ist?“

Eines Tages sagte Hervé, der sich den Whisky reinzog
und die Fluppen und all das Zeug:
„Kommt, Leute, wir machen die Flatter nach New Orleans!“
Die andern haben ihn nur angestarrt,
und dann hat Pierrot ausgespuckt.

Also ist Hervé wieder zu den Klippen zurückgekehrt
über der breiten Bucht,
das Meer sah ihm direkt ins Gesicht, es brüllte ihm ins Ohr.
Er hat an die Leute gedacht, die er liebt,
dann ist er gesprungen, er ist gesprungen.

Er hat sich im Ozean vergraben,
er hat mit der Gesellschaft gebrochen.
Er hat auf die ganze Welt gepfiffen,
er hat sich auf den Weg gemacht, wie er es gewollt hat.

Mein guter Hervé, wenn du irgendwo da draußen bist,
so versichere ich dir, dass wir alle richtig stolz sind auf dich!
Wir sind schon viele im Vorzimmer,
bald werden wir eine ganze Armee sein.

Wir sind noch nicht die großen Revoluzzer,
aber wenn es wahr ist, was man sich erzählt,
dann werden wir’s machen wie du
und dir kopfüber folgen,
ein Lächeln auf den Lippen.

Über Baptiste W. Hamon

Der 1986 in der Region Paris geborene Chansonnier führt seine Musik auf drei unterschiedliche Einflüsse zurück. Zunächst sieht er sich sowohl durch die ältere Generation von Chansonsängern als auch durch das in den 90er Jahren entstandene Nouvelle Chanson beeinflusst. Wichtiger noch erscheint ihm allerdings die Beeinflussung durch seine Faszination für die amerikanische Literatur sowie insbesondere für amerikanische Singer-Songwriter und Folksänger.
Die frühesten Einflüsse rühren laut Hamon von Townes Van Zandt sowie „melancholischen Sängern“ wie Nick Drake her. Später seien Sänger wie Bob Dylan, Leonard Cohen, Guy Clark oder John Prine seine Vorbilder geworden. Hamon hebt hervor, dass man an diesen Singer-Songwritern vor allem ihre guten Texte rühme. Für ihn zeichneten sich deren Werke jedoch auch durch eine besondere musikalische Harmonie aus, die er in seinen Chansons ebenfalls zu verwirklichen suche. So orientiere er sich an Leonard Cohen, indem er sich bemühe, „interessante, ein wenig poetische“ Texte zu schreiben, während er gleichzeitig an den „Spirit“ der amerikanischen Folk-Musik anzuknüpfen versuche.

Zitate entnommen aus: Coudol, Laurent: Interview mit Baptiste W. Hamon auf Froggy’s Delight, 23. Feb. 2016

Baptiste W Hamon

English Version

Utopia: a leap into the uncertain

17th door of the musical Advent calendar: Baptiste W. Hamon: Hervé

With today’s third part of the musical Advent calendar, we ascend from the valley of darkness into the realm of Utopia. But beware: just as the eyes of predators glow brightly in the dark, all that glitters is not gold in the realm of light.

No, today’s song by Baptiste W. Hamon is not exactly what you would call a party hit.
The chanson is about a young man (Hervé) who is an outsider at school and remains so when he enters professional life. It is a song about someone who cannot find his place in society because he dreams of a different society, in which people like him would no longer be outsiders – and who therefore takes a big leap into a new, completely different life. Unfortunately, he performs this leap from the edge of a cliff. And the sea in which he lands is regrettably not the sea of his dreams, but the very real, all-consuming ocean.
So why, of all things, is such a song at the beginning of the third part of our musical Advent calendar? Shouldn’t our Advent calendar now take us to the realm of Utopia, to a place where milk and honey flow?
Well … it may well be that milk and honey flow in Utopia itself. But unfortunately we will never be certain of that. For our „utopia“ is rooted in the Nowhere of the Greek „ou-topos“ („no place“ / non-existent place). It is therefore an essential characteristic of utopia that it must remain a dream for the rest of our lives.
But as we all know, our most beautiful dreams are the ones that cannot be fulfilled. We all dream of a better world – although we know very well that this dream will not come true, even if we dream it every day anew. And yet there are countless non-governmental organisations which do just that; which not only dream of a better world, but also undertake concrete efforts through their actions to make such a world become reality.
After all, there are dreams that are bigger than us; dreams that transcend the space of our lives and reach into a future of which we do not know if and when it will dawn. We dream these dreams for ourselves, because they warm us and give us the strength to walk through the valley of our not at all dreamlike everyday life. But what we build with them, we build for others who will walk this world after us. Thus, our unrealisable dreams are at the same time our noblest dreams.
The possibility of failure is an integral part of such dreams. For we know very well that the dream palaces we build will be swept away by the next storm of reality. That we ourselves may perish in this is a risk that we, as sky-scraping master builders, willingly accept.
Seen in this light, Baptiste W. Hamon’s chanson is by no means as hopeless as it appears at first glance. Even if Hervé, the protagonist of the song, does not survive his own dream, it lives on in others. In this sense, those left behind assure him at the end of the song that they will follow him with a „smile on their lips“ – even if they themselves are not yet „great revolutionaries“.
In addition, the author of the chanson seems to have come much closer to his ideal of a better life than his poor Hervé. Unlike the latter, who like him is a fan of Bob Dylan and folk music, he himself has managed to establish contacts in the USA and produce music there. Interestingly, the song Hervé is a fine example of this: Hamon performs the song together with the Navasota String Band in a caravan parked somewhere by the roadside in Austin, Texas.
The vivid performance of the song is therefore an antithesis to its content in two respects. On the one hand, it testifies to the successful realisation of a dream of freedom. On the other hand, the fact that a whole bluegrass band is squeezed into a caravan also creates an ironic distance to the melancholic mood of the chanson – and thus takes away its death-wishing sting.

Baptiste W. Hamon: Hervé; from: Quitter l’enfance (Leaving childhood; 2014)

Live version with the Navasota String Band

Full album on Bandcamp

Translation

Hervé

There was Hervé, sucking down the whisky,
smoking fags and all that stuff …
My goodness, it’s not normal to cling on like that –
you know, people have had enough of the dark side of life.

There was Hervé, enclosed in himself,
playing an old Bob Dylan song in D,
while we chatted on the big chessboard in the schoolyard.
I didn’t understand, I just went there and stood around,
and then …

… Pierrot said: „Get a job instead of talking,
there are people who are dying of hunger.
You’re on your high horse because you’re well off,
you’re educated, your life is cushy …
Get that through your head: Life is not a party!“

There was Hervé, taking the same train every morning,
the same crowded metro, always a beautiful girl in front of him.
„Paris is beauteous, people are mendacious,
that’s the world of work in Paris.“

There was Hervé, approaching the edge of the cliffs above the wide bay,
the sea looked him straight in the face, it roared in his ear.
„What is immensity good for if you are not what you are?“

One day Hervé, who sucked down the whisky,
smoked fags and all that stuff, said:
„Come on, guys, let’s go an a trip to New Orleans!“
The others only stared at him – and then Pierrot just spat.

So Hervé went back to the cliffs above the wide bay,
the sea looked him straight in the face, it roared in his ear.
He thought of the people he loved, then he jumped, he jumped.

He buried himself in the ocean, he broke with society.
He didn’t give a damn about the whole world,
he set off the way he wanted to.
My dear Hervé, if you are out there somewhere,
you can be sure that we are all really proud of you.

There are already many of us in the antechamber,
soon we will be a whole army.
We are not yet the great revolutionaries,
but if it is true what they say,
we’ll act like you and follow you headlong,
a smile on our lips.

About Baptiste W. Hamon

The chansonnier, born in 1986 in the Paris region, attributes his music to three different influences. First, he sees himself influenced both by the older generation of chanson singers and by the nouvelle chanson that emerged in the 1990s. More important, however, seems to be the influence of his fascination with American literature and especially with American singer-songwriters and folk singers.
According to Hamon, his earliest influences were Townes Van Zandt and „melancholic singers“ like Nick Drake. Later, singers like Bob Dylan, Leonard Cohen, Guy Clark or John Prine became his idols. Hamon emphasises that these singer-songwriters are praised above all for their good lyrics. For him, however, their works are also characterised by a special musical harmony, which he also tries to realise in his songs. He orientates himself on Leonard Cohen by striving to write „interesting, somewhat poetic“ lyrics, while at the same time trying to take up the „spirit“ of American folk music.

Bilder (Pictures): Robert Pastryk: Musiker am Meer (Musician playing guitar by the sea); Pixabay;Baptiste W. Hamon bei einem Auftritt in Gennevilliers, Oktober 2014 (Baptiste on stage in Gennevilliers, October 2014); Wikimedia

3 Antworten auf „Die Utopie, ein Sprung ins Ungewisse / Utopia: a leap into the uncertain

  1. Spinnradl-Sabine

    Ja – der Traum von Utopia.
    Irgendwo hab ich mal gelesen – wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
    Ich denke, es ist wichtig, um Verbesserungen bemüht zu sein – doch sobald es in Dogmatismus ausartete, wirds schwierig.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

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