Wenn der Tisch zum Wecker wird / When the table becomes an alarm clock

18. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Lars Winnerbäck: Hon kommer från främmande vidder (Sie kommt aus fernen Landen)

English Version

Im Dschungel der Utopie entfalten die Träume ihre leuchtenden Blüten, und die Visionen umflattern einen mit ihren schillernden Flügeln. In dieser bunten Welt kann man sich leicht verlieren. Man kann sich darin aber auch neu erfinden.

„Ein Tisch ist ein Tisch …“ Viele von uns werden bei den Worten an die lakonische Erzählung des Schweizer Autors Peter Bichsel denken.
Die Kurzgeschichte handelt von einem alten Mann, der eines Tages beschließt, dass von nun an alles anders werden soll. Also beginnt er damit, die Dinge anders zu benennen. Da letztlich alle Bezeichnungen willkürlich sind, tauscht er diese einfach aus. So wird aus „Morgen“ „Mann“, aus „Mann“ „Fuß“, aus „Bett“ „Bild“ und aus „liegen“ „läuten“. Das führt dann zu einem Satz wie: „Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten.“
Das Gefühl, Herr über die eigene Sprache – und damit auch Herr über das eigene Denken – zu sein, versetzt den Protagonisten der Erzählung zunächst in eine euphorische Stimmung. Er erfreut sich an der schöpferischen Kraft seines Geistes, und er muss lachen, wenn er die anderen, die noch immer im Korsett der alten Denk- und Sprachmuster gefangen sind, reden hört.
Am Ende allerdings führt ihn der Versuch, Sprache und Denken radikal zu erneuern, ins soziale Abseits. Er kann die anderen nicht mehr verstehen, und sie können ihn nicht mehr verstehen. Indem er die Brücke der Worte eingerissen hat, ist ihm jede Möglichkeit zum lebendigen Austausch mit anderen genommen worden. So mag er zwar seine eigene Weltsicht verändert haben. Das nützt ihm jedoch nichts, da dies ohne Auswirkung auf die wirkliche Welt bleibt.
Die Geschichte lehrt uns damit zweierlei. Erstens: Niemand kann die Welt alleine verändern. Und zweitens: Wer das Haus, in dem er lebt, abreißt, ohne klare Vorstellungen von seinem neuen Heim zu haben, läuft Gefahr, heimatlos zu werden.
Dass wir in gewachsenen sprachlichen, geistigen und sozialen Strukturen leben, die wir nicht ohne weiteres von einem Tag auf den anderen verändern können, bedeutet nun allerdings keineswegs, dass wir auf jede Veränderung verzichten sollten. Veränderungen auf der gesellschaftlichen Ebene müssen jedoch immer planvoll und in einer gemeinsamen Anstrengung aller in Angriff genommen werden. Sonst landet man schnell bei einer jener blutigen Revolutionen, durch die lediglich ein Unrechtsregime durch ein anderes ersetzt wird.
Bei Veränderungen auf der individuellen Ebene sieht die Sache ein wenig anders aus. Hier ist es manchmal durchaus ratsam, einen radikalen Schnitt zu wagen und sich mit einem Ruck aus seinen bisherigen Routinen zu lösen. Allerdings ist es dabei hilfreich, der tatsächlichen Reise in ein anderes Leben eine Traumreise vorzuschalten, eine Art imaginäres Probehandeln, bei dem man in Gedanken die Veränderungen durchspielt.
Eine solche Traumreise ist auch auf der sozialen Ebene ein gutes Mittel, sich einen Um- oder Neubau des Hauses der Gesellschaft vorzustellen. Dabei darf man dann ruhig ein wenig mehr Radikalitätswürze in die Veränderungsspeise streuen. Hier kann es sogar hilfreich sein, wie der Protagonist in Peter Bichsels Geschichte einmal alles andersherum zu denken.
Einen solchen Versuch unternimmt der schwedische Singer-Songwriter Lars Winnerbäck in seinem Lied Hon kommer från främmande vidder (Sie kommt aus fernen Landen). Im Mittelpunkt steht dabei eine jener mythischen Traumfrauen, wie sie auch in vielen anderen Klassikern der Musikgeschichte besungen werden. Man denke nur an die Ruby Tuesday der Rolling Stones oder an Leonhard Cohens Suzanne.
In Winnerbäcks Lied steht die mythische Frau für ein fernes Utopia, in dem es keine Zeit gibt, in dem der Wind sich wie das Meer verhält und die Flüsse wehen wie der Wind, ein Land, „wo der Sturm still ist und die Stille ein Sturm, / wo das Schwarze weiß ist und das Weiße schwarz“. Soziale Utopien klingen in dem Lied dadurch an, dass in der fernen Welt auch „Mein und Dein ineinander verschwimmen“ und „die Armen in Gold baden“.
Als Grundlage dieser Utopie erscheint dabei die Bereitschaft, „auf krummen Wegen“ zu wandeln, die man „selbst erschaffen hat“, und sich dort nicht von „Gesetze[n] und Regeln erreichen“ zu lassen, wo sich diese als dysfunktional erweisen oder gar anderen Schaden zufügen. Entscheidend ist, dass „das Klare seine Konturen verliert“ und „die Antwort (…) eine Frage“ – dass also die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen, an die Stelle einer pharisäerhaften Selbstgewissheit tritt.
Winnerbäck lässt keinen Zweifel an dem utopischen Charakter der geheimnisvollen fernen Lande: „Du kannst dich auf den Weg dorthin machen, / doch wirst du nie dein Ziel erreichen.“ Er betont jedoch zugleich die belebende Kraft, die die Utopie einem verleihen kann, wenn man am Stillstand des eigenen oder des gesellschaftlichen Lebens zu ersticken droht: „Wenn die Stille stöhnend / ihre Finger um deine Kehle legt (…), / dann steht sie vor deiner Tür.“

Zu Peter Bichsels Kurzgeschichte Ein Tisch ist ein Tisch: Die Erzählung ist enthalten in Bichsels zuerst 1969 veröffentlichten Kindergeschichten.

Lars Winnerbäck: Hon kommer från främmande vidder; aus: Vatten under broarna (2004)

Song

Schönes Akustik-Co­ver von Petter Zingmark

Liedtext

Freie Übertragung

Sie kommt aus fernen Landen

Sie kommt aus fernen Landen,
wo die Zeit aufgehört hat zu vergehen.
Die Morgensonne versinkt dort im Meer,
die Abendsonne erhebt sich aus den Wellen.
Sie bringt dich dazu, das zu versprechen,
was du strikt zu meiden versprochen hast.
Sie ist überall dort,
wo du Zuflucht suchst.

Sie kommt aus fernen Landen,
wo das Meer das Land ist und das Land das Meer.
Die Winde plätschern dort,
die Flüsse wehen,
und die Elster schenkt, anstatt zu stehlen.

Sie geht mit dir durchs Feuer,
auch wenn sie zart ist und zerbrechlich.
Sie kommt zu dir aus fernen Landen
und lebt mit dir in einem Traum.

Sie wendet sich ab von dir
und badet in der Sonne deiner Siege.
Die Kraft, die du für deine hieltest,
kommt allein von ihr.
Doch wenn die Stille stöhnend
ihre Finger um deine Kehle legt
und der Frost dich glitzernd blendet,
dann steht sie vor deiner Tür.

Und sie kommt aus fernen Landen,
wo der Sturm still ist und die Stille ein Sturm,
wo das Schwarze weiß ist und das Weiße schwarz,
wo Mein und Dein ineinander verschwimmen
und das Klare seine Konturen verliert.

Sie verwandelt den Nebel in Silber,
aus Salz macht sie Honig.
Sie kommt aus fernen Landen,
wo Nichts zu Allem werden kann.

Sie kommt aus fernen Landen,
wo die Stärksten am schnellsten vom Wege abkommen.
Sie wandert auf krummen Wegen,
die sie selbst erschaffen hat.
Gesetze und Regeln erreichen sie nicht.
Ob Sommer oder Winter,
sie lächelt dich an,
kurz bevor die Sonne aufgeht.

Sie kommt aus fernen Landen,
wo die Armen in Gold baden.
Die Antwort ist dort eine Frage,
der Funke eine Flamme,
und Tugend ist ein anderes Wort für Schuld.

Du möchtest sie mit zu dir nach Hause nehmen
und ihr deine Welt zu Füßen legen –
aber sie kommt aus fernen Landen:
Du kannst dich auf den Weg dorthin machen,
doch wirst du nie dein Ziel erreichen.

Mehr Musik aus Schweden: Musik im Schatten des Pop-Exports

English Version

When the table becomes an alarm clock

18th door of the musical Advent calendar: Lars Winnerbäck: Hon kommer från främmande vidder (She comes from faraway lands)

In the jungle of utopia, dreams unfold their bright blossoms, and visions flutter around you with their shimmering wings. It is easy to lose yourself in this colourful world. But you can also find yourself in it anew.

„A table is a table …“ Many of us will think of the laconic story by the Swiss author Peter Bichsel when they hear these words.
The short story is about an old man who decides one day that from now on everything should be different. So he starts giving things new names. Since all designations are ultimately arbitrary, he simply exchanges them. So „morning“ becomes „man“, „man“ becomes „foot“, „bed“ becomes „picture“ and „lie“ becomes „ring“. This leads to a sentence like: „In the man, the old foot remained ringing in the picture for a long time.“
The feeling of being master of one’s own language – and thus also master of one’s own thinking – initially puts the protagonist of the story in a euphoric mood. He delights in the creative power of his mind, and he has to laugh when he listens to the others, who are still trapped in the corset of the old patterns of thought and language.
In the end, however, the attempt to radically renew language and thinking leads him to the social sidelines. He can no longer understand the others, and they can no longer understand him. By tearing down the bridge of words, he has been deprived of any possibility of lively exchange with others. Thus he may indeed have changed his own view of the world. But this is of no use to him, because it has no effect on the real world.
The story hence teaches us two things. Firstly, no one can change the world alone. And secondly, those who tear down the house they live in without having clear ideas about their new home run the risk of becoming homeless.
The fact that we live in evolved linguistic, intellectual and social structures that we cannot easily change from one day to the other does not mean, however, that we should refrain from all change. But changes at the societal level must always be implemented in a carefully planned manner and in a joint effort by all concerned. Otherwise, we will quickly end up with one of those bloody revolutions that just replace one regime of injustice with another.
When we talk about changes at the individual level, things look a little different. Here it is sometimes quite advisable to make a radical cut and break away from one’s previous routines in one fell swoop. However, it is helpful to precede the actual journey into another life with a dream journey, a kind of imaginary action in which we play through the changes in our minds.
On the social level as well, such a dream journey is a good way to conceive of remodelling the house of society. In this case, it is acceptable to sprinkle a little more „radicality spice“ into the soup of change. Here it might even be helpful, like the protagonist in Peter Bichsel’s story, to think everything the other way round.
Such an attempt is made by the Swedish singer-songwriter Lars Winnerbäck in his song Hon kommer från främmande vidder (She comes from faraway lands). The central figure in the text is one of those mythical dream women who also appear in many other classics of music history. Just think of Ruby Tuesday by the Rolling Stones or Leonhard Cohen’s Suzanne.
In Winnerbäck’s song, the mythical woman stands for a utopian land where there is no time, where the wind behaves like the sea and the rivers blow like the wind, a land „where the storm is still and the stillness is a storm, / where black is white and white is black“. Social utopias are alluded to in the song by the fact that in the faraway world „mine and yours blur into one another“ and „the poor bathe in gold“.
The basic prerequisite of utopian thinking here seems to be the willingness to walk “ on crooked paths“ created by oneself and not to let oneself be „reached by laws and rules“ where these prove to be dysfunctional or even cause harm to others. The crucial point is that „the obvious loses its contours“ and „the answer (…) is a question“ – in other words, that the willingness to question things takes the place of a pharisaical self-assurance.
Winnerbäck leaves no doubt about the utopian character of the mysterious faraway lands: „You can set out for them, / but you will never reach your destination.“ At the same time, however, he emphasises the invigorating power that the utopian thinking – respectively the woman symbolizing it in the song – can give us when we are in danger of suffocating from the stagnation of our own or society’s life: „When the silence moaning / wraps its fingers around your throat (…), / then she will stand at your door.“

About Peter Bichsel’s short story Ein Tisch ist ein Tisch(A Table is a Table): The story is included in the author’s Kindergeschichten (Children’s Stories), first published in 1969. An English translation by Lydia Davis appeared in The White Review in 2017.

Lars Winnerbäck: Hon kommer från främmande vidder; from: Vatten under broarna (2004)

Song

Nice acoustic cover by Petter Zingmark

Lyrics

Free translation

She comes from faraway lands

She comes from faraway lands,
where time has ceased to pass.
The morning sun there sinks into the sea,
the evening sun rises from the waves.
She makes you promise to do
what you promised strictly to avoid.
Wherever you seek refuge
you will find her.

She comes from faraway lands,
where the sea is the land and the land is the sea.
The winds are rippling there,
the rivers are blowing,
and the magpie makes gifts instead of stealing.

She walks with you through the fire,
even though she is tender and fragile.
She comes to you from faraway lands
and lives with you in a dream.

She turns away from you
and bathes in the sun of your victories.
The power that you thought was yours
comes from her alone.
But when the silence moaning
wraps its fingers around your throat
and the frost blinds you with its glitter,
then she will stand at your door.

And she comes from faraway lands,
where the storm is still and the stillness is a storm,
where black is white and white is black,
where mine and yours blur into one another
and the obvious loses its contours.

She turns the mist into silver
and salt into honey.
She comes from faraway lands,
where Nothing can become Everything.

She comes from faraway lands,
where the strongest go astray the quickest.
She wanders along crooked paths,
which she has created herself.
Laws and rules do not reach her.
No matter if it’s summer or winter,
she smiles at you
just before the sun rises.

She comes from faraway lands,
where the poor bathe in gold.
The answer is a question there,
the spark is a flame,
and virtue is another word for guilt.

You would like to take her home with you
and lay your world at her feet –
but she comes from faraway lands:
You can set out for them,
but you will never reach your destination.

Bilder / Pictures: Igor Lewtschenko: Schmetterlinge / butterflys (Pixabay); Frankie Fouganthin: Lars Winnerbäck, Stockholm 2014 (Wikimedia)

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