Liebe als Fundament der Utopie / Love as the foundation of utopia

19. Türchen des musikalischen Adventskalenders: Fredda: L’amour antique

English Version

So kunstvoll wir unsere Utopie-Paläste auch ausstatten mögen: Sie würden einstürzen ohne jene magische Kraft, die all die edlen Gedanken-Bausteine zusammenhält.

Von all unseren Utopien ist die Liebe die bedeutendste. Nicht nur, weil wir alle auf Beziehungen hoffen, in denen wir lieben und geliebt werden können. Sondern auch, weil die Liebe das Fundament ist, auf dem wir all unsere anderen Utopie-Paläste errichten.
Natürlich ist hier nicht in erster Linie an die körperliche Liebe gedacht. Allerdings sollte man deren Bedeutung auch keineswegs unterschätzen. Schließlich sind Menschen, die ein erfülltes Sexualleben haben, auch allgemein zufriedener mit ihrem Leben und neigen deshalb weniger zu kompensatorischen Befriedigungsformen. Diese können – als Besitzgier oder Sadismus – durchaus der Verwirklichung utopischer Gesellschaftsentwürfe im Wege stehen.
Hinzu kommt, dass oft auch eine Liebe, die wir spontan als nicht-körperlich einstufen würden, mit manifesten körperlichen Reaktionen einhergeht oder auf diesen beruht. Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern könnte es nicht geben, wenn Mama und Papa sich nicht zuvor auch körperlich ziemlich nahe gekommen wären. Und Kinder, die durch die Liebe ihrer Eltern Zuversicht und Geborgenheit vermittelt bekommen, begegnen der Welt mit einem Urvertrauen, das auch positiv auf ihr körperliches Wohlbefinden zurückwirkt.
Entscheidend ist allerdings, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die uns die Möglichkeit gibt, unsere Selbstbezogenheit zu überwinden. In der Liebe taxieren wir einen anderen Menschen nicht nach den Vor- und Nachteilen, die wir von ihm erwarten. Sein Wert ergibt sich für uns nicht aus dem, was die Beziehung zu ihm uns einbringen kann, sondern allein aus seinem ganz konkreten Dasein und seiner Persönlichkeit.
So lehrt uns die Liebe zu einem einzigen anderen Menschen allgemein die Menschenliebe. Eine Liebe, die andere um ihrer selbst willen wertschätzt; die nicht nach deren ökonomischer, sozialer, politischer oder wie auch immer gearteter äußerer Bedeutung fragt, sondern sie schlicht aufgrund ihres je einzigartigen Lebens achtet; die demzufolge auch jedem Menschen die Möglichkeit zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit zugesteht.
Wo die Liebe das Fundament einer Gesellschaft ist, schließt dies folglich Krieg, soziale Ungerechtigkeit und inhumane Arbeitsverhältnisse aus. In diesem Sinne ist die Liebe also die Basis, von der aus all die großen Menschheitsutopien verwirklicht werden können.
Als Kraft, die alles verändert, hat die Liebe etwas Zauberisches an sich. Wer von ihrem Zauberstab berührt wird, sieht die Welt urplötzlich mit anderen Augen.
Das Chanson L’amour antique (Die altertümliche Liebe) der französischen Singer-Songwriterin Fredda trägt dem dadurch Rechnung, dass die Liebe hier mit der Terminologie des Märchens beschrieben wird. So erinnern manche Bilder in dem Lied deutlich an die Welt der Träume und des Märchens. Ein Beispiel ist etwa die Mahnung, dem anderen nicht nachzusehen und ihn nicht „zwischen den Steinen“ anzureden.
Der magische Charakter der Liebe spiegelt sich in dem Liedtext zudem auch in dem betörend-sirenenhaften Klang der Reime und Assonanzen wider, die auf den Hörer eine Sogwirkung entfalten und so die überwältigende Kraft der Liebe „zum Klingen bringen“. Auf der Inhaltsebene entsprechen dem Metaphern, durch die die Liebe selbst als Musik erscheint. So wird das Lächeln des Geliebten mit einer Leier verglichen, deren Klängen man sich nicht entziehen kann, es ist von Gesängen die Rede, die für das Ohr der Normalsterblichen nicht hörbar sind, und die Liebe selbst wird als ein auf dem „Grund der Zeit“ kreisender Gesang beschrieben.
Die Charakterisierung der Liebe als „antique“ kann vor diesem Hintergrund zum einen so verstanden werden, dass sie eine urtümliche, an die Liebenden der großen Mythen und Dramen der Menschheitsgeschichte gemahnende Kraft ist. Zum anderen liegt aber auch in ihrer Verwandlungsmacht selbst etwas Mythisches: Die Liebe scheint aus einer Zeit vor aller Zeit zu stammen, als das Leben noch ungeschieden in Gottes Hand lag. Eben deshalb wohnt ihr eine umfassende Versöhnungskraft inne.

Fredda: L’amour antique; aus: Le chant des murmures (Geflüsterte Gesänge), 2014

Albumfassung


Die Aufnahme zeigt die Sängerin leider nur von hinten oder im Profil. Um einen Eindruck von ihren „Performance-Qualitäten“ zu erhalten, sei hier noch ihr Chanson Il ne me reste (Mir bleibt nichts als …) empfohlen.

Text

Übersetzung

Die altertümliche Liebe

Dein Lächeln, das mich anzieht,
deine Leier und dein Gesang …
Ich bin dir gefolgt,
doch dabei, doch dabei
bin ich unvorsichtig geworden,
in aller Unschuld
bin ich weit abgekommen vom Weg.

Wie altertümlich die Liebe doch ist,
wie altmodisch sie ist,
wie urtümlich,
wenn sie ist …

Ich war eine ganze Nacht lang mit dir zusammen,
es war die Nacht, in der ich dir gesagt habe:
„Schau mir nicht nach!
Sprich niemals zu mir zwischen den Steinen,
hör auf den Wind,
denk daran, dass ich auf dich warte!“

Wie altertümlich die Liebe doch ist,
wie altmodisch sie ist,
wie urtümlich,
wenn sie ist …

Wir werden uns morgen wiedersehen,
im Gefolge des Morgens,
aber es gibt Gesänge, die man nicht hören kann.
Ich habe gesehen, dass du losgegangen bist,
den Pfad entlang,
ich habe gesehen, wie du dich umgedreht hast.
Das ist es, woraus unsere Liebe gemacht ist:
ein Lied, das sich im Kreise dreht
auf dem Grund der Zeit.

Wie altertümlich die Liebe doch ist,
wie altmodisch sie ist,
wie urtümlich,
wenn sie ist …
Wie altertümlich die Liebe ist.

Über Fredda

Die 1969 in Saint-Dié-des-Vosges geborene, in Marseille aufgewachsene Fredda (Frédérique Dastrevigne) hat sich nach einer Ausbildung zur Tontechnikerin in Reisen nach New Orleans und New York dem Studium des Blues und des Jazz gewidmet. Ihre Beschäftigung mit Jazz und Jazzgesang hat sie danach u.a. am Chichester College in Großbritannien vertieft. Seit 2001 hat sie in der Zusammenarbeit mit Pascal Parisot einen eigenen Musikstil entwickelt, der Folk, Akustikblues und das traditionelle Chanson miteinander verknüpft. Le chant des murmures ist das vierte Album der Sängerin.

Mehr französische Liebeslieder: L’amour des femmes. Weibliche Widerständigkeit in neueren französischen Liebesliedern

Fredda, 2012

English Version

Love as the foundation of utopia

19th door of the musical Advent calendar: Fredda: L’amour antique

However elaborately we may furnish our utopian palaces, they would collapse without the magical power that keeps all the noble thought bricks together.

Of all our utopias, love is the most important. Not only because we all hope for relationships in which we can love and be loved. But also because love is the foundation on which we build all our other utopian palaces.
Of course, this does not primarily refer to physical love. However, its importance should not be underestimated either. After all, people who have a fulfilled sexual life are in general more satisfied with their lives and therefore less inclined to compensatory forms of satisfaction. These may well – as possessiveness or sadism – stand in the way of the realisation of utopian concepts of society.
What is more, love that we would spontaneously classify as non-physical is often accompanied by or based on manifest physical reactions. The parents‘ love for their children could not exist if mum and dad had not previously become quite close to each other physically. And children who are imparted confidence and a sense of belonging through the love of their parents encounter the world with a basic trust that also has a positive effect on their physical well-being.
What is decisive, however, is that love is the only force that gives us the possibility to overcome our self-centredness. In love, we do not judge another person according to the advantages and disadvantages we expect from him or her. The value of this person is not determined by what the relationship can yield us, but only by his or her very concrete existence and personality.
Thus, love for a single other human being teaches us love for human beings in general. A love that values others for their own sake; that does not ask about their economic, social, political or whatever outward significance, but simply esteems them because of their unique lives; that therefore also grants every human being the opportunity to freely develop his or her personality.
Where love is the foundation of a society, this consequently excludes war, social injustice and inhumane working conditions. In this sense, love is the basis from which all the great utopias of humanity can be realised.
As a power that changes everything, love has something magical about it. Whoever is touched by its magic wand suddenly sees the world with different eyes.
The chanson L’amour antique (Ancient Love) by the French singer-songwriter Fredda takes this into account by describing love with the terminology of fairy tales. Some of the images in the song are clearly reminiscent of the world of dreams and fairy tales – such as, for example, the admonition not to follow the other person with the eyes and not to address him or her „between the stones“.
The magical character of love is also reflected in the song text in the enchanting, siren-like sound of the rhymes and assonances, which cast a spell over the listener and thus make the overwhelming power of love resound. On the content level, this corresponds to metaphors through which love itself appears as music. Thus the smile of the beloved is compared to a lyre whose sounds cannot be eluded, songs are mentioned that are inaudible to the ears of ordinary mortals, and love itself is described as a song circling at the „bottom of time“.
Against this background, the characterisation of love as „antique“ can be understood on the one hand in the sense that it is a primordial force reminiscent of the lovers of the great myths and dramas of human history. On the other hand, there is also something mythical in its power of transformation itself. Love seems to come from a time before all time, when life was still undivided in God’s hands. For this very reason, it has a comprehensive power of reconciliation.

Fredda: L’amour antique; from: Le chant des murmures (Whispered Chants), 2014

Album version

Live version*

Lyrics

* Unfortunately, the recording only shows the singer from behind or in profile. To get an impression of her performance qualities, it is worth listening to her chanson Il ne me reste (All that remains for me …).

Translation

Ancient love

Your smile that attracts me,
your lyre and your song …
I followed you,
but in doing so, but in doing so
I have become careless
in all my innocence
I have gone far astray.

How ancient love is,
how old-fashioned it is,
how quaint,
when it is …

I was with you a whole night long,
it was the night when I said to you:
„Don’t look at me!
Never speak to me among the stones,
listen to the wind,
don’t forget that I’m waiting for you!“

How ancient love is,
how old-fashioned it is,
how quaint,
when it is …

We will meet again tomorrow,
in the Morning’s following,
but there are chants you can’t hear.
I saw you set off,
along the path,
I saw you turn around.
That’s what our love is made of:
a song that turns in circles
at the bottom of time.

How ancient love is,
how old-fashioned it is,
how quaint,
when it is …
How ancient love is.

About Fredda

Born in 1969 in Saint-Dié-des-Vosges and raised in Marseille, Fredda (Frédérique Dastrevigne) devoted herself to the study of blues and jazz after qualifying as a sound engineer during trips to New Orleans and New York. She then deepened her study of jazz and jazz singing, among other places, at Chichester College in Great Britain. Since 2001, in collaboration with Pascal Parisot, she has developed her own musical style that combines folk, acoustic blues and traditional chanson. Le chant des murmures is the singer’s fourth album.

Bilder / Pictures: Valentin Valkov: Schwäne (Fotolia); Fredda: Fredda, Mai 2012 (Wikimedia)

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