Der Marionettenspieler / The puppet master

English Version

In den ersten drei Teilen des literarischen Corona-Tagebuchs stand die allgemeine Veränderung unserer Lebensumstände durch das Virus im Vordergrund. Ab heute richtet sich das Augenmerk nun auf einzelne gesellschaftliche Bereiche und Personengruppen. Zu Beginn werfen wir einen Blick auf die politische Bühne.

Breitbeinig steht er in der Mitte des Marktplatzes. Wie eine Krone aus Körpern haben sich die Schergen seiner Aria-Polizei um ihn versammelt. Unverwandt sind ihre Augen auf die ihnen zugeteilten Ecken des Platzes gerichtet. Nichts und niemand entgeht ihren Blicken. Kein Atemhauch darf in die Sphäre eines anderen eindringen! Kein Atemzug darf sich den Duft eines anderen einverleiben!
Die Augen des Breitbeinigen zucken. Dort hinten, ganz am Rande des Platzes: Hat da nicht jemand seinen Schleier gelüftet? Und rechts unter ihm, in diesem Menschenknäuel, das sich an dem heiligen Ernst des Lebens versündigt: Hat da nicht jemand laut gelacht?
Er gibt seinen Schergen ein Zeichen. Zwei von ihnen lösen sich aus dem Lorbeerkranz der Wächterkörper und schreiten, gelenkt von dem ordnenden Blick ihres Meisters, auf die Abweichler zu. Ein geübter Griff, eine lässige Drehung des Handgelenks, schon ist den Ketzern das Lachen vergangen. Mechanisch drehen die Schergen sich um und kehren wieder an ihren Platz in der Wächterkrone zurück.
Zufrieden nickt der Breitbeinige ihnen zu. Er weiß: Nicht mehr lange, und er wird auf die Schergen verzichten können. Dann werden sie nur noch eine Art Schmuck für ihn sein, Insignien seiner Herrschaft, wie der Schleier vor seinem Gesicht, der den Abdruck seiner machtvollen Züge verschwimmen lässt mit dem Wappen des Landes, über das er gebietet.
Haben sich nicht schon jetzt die unerbittlichen Blicke seiner Wächter verselbständigt? Ist es nicht schon jetzt, als würden einen von überallher körperlose Augen anstarren? Als würde mitten im unbefleckten Blau des Himmels der Abgrund einer Pupille schimmern, die alles Tun auf Erden in sich aufnimmt? Als wäre die Luft erfüllt vom Gitterwerk unsichtbarer Lider, die jede noch so unscheinbare Regung mit einem tadelnden Zucken beantworten?
Ein wohliger Schauer durchströmt den Breitbeinigen. Endlich kann er der große Marionettenspieler sein, der er immer sein wollte! Die verschleierten Lebewesen sind unbeschriebene Blätter geworden, in die er selbst die Signatur seiner Herrschaft einschreiben kann. Er ist es, der ihnen ihre Rollen zuweist. Und wer aus der Rolle fällt, dem spricht er einfach ganz das Recht auf eine eigene Rolle ab.
Endlich ist es ihm gelungen, dem Leben jene Unvorhersehbarkeiten, jene Unwägbarkeiten zu nehmen, die ihm früher so schmerzlich die Grenzen seiner Macht aufgezeigt haben. Nichts kann ihn mehr überraschen. Das Leben liegt in seiner Hand. Er ist es, der ihm Gestalt verleiht und die Richtung weist.

English Version

The puppet master

In the first three parts of the literary Corona diary, the focus was on the general change in our living conditions caused by the virus. From today on, emphasis is placed on specific social areas and groups of people. At the beginning we take a look at the political stage.

With his legs apart, a living statue, he stood in the middle of the market place. Like a crown of bodies, the henchmen of his Air Police had gathered around him. Intently, their eyes were fixed on the corners of the square assigned to each of them. Nothing and nobody escaped their gaze. No breath of air should penetrate into the sphere of another! No one should be allowed to absorb the scent of another with his breath!
The man with his legs apart twitched his eyes. A hundred meters away, at the very edge of the square: Hadn’t someone lifted his veil there? And right below him, in these knots of people who sinned against the holy seriousness of life: Hadn’t someone laugh out loud there?
He gave his henchmen a sign. Two of them detached themselves from the laurel wreath formed by the guardian bodies and, guided by the circumspect gaze of their master, walked towards the deviants. A practised grip, a casual turn of the wrist, then the heretics were no longer in the mood for laughter. Mechanically the henchmen turned around and went back to their place in the guardian crown.
Satisfied, their commander nodded to them. He knew: not for long and he would be able to do without his henchmen. Then they would only be a kind of ornament for him, insignia of his reign, like the veil in front of his face that blurred the imprint of his powerful features with the coat of arms of the country he ruled over.
Hadn’t the relentless glances of his guardians long since taken on a life of their own? Didn’t it already feel as if disembodied eyes were staring at everyone from everywhere? As if, in the midst of the immaculate blue of the sky, the abyss of an eyeball was shimmering, an eyeball that recorded all activity on earth? As if the air was filled with the latticework of invisible eyelids that answered every movement, every impulse, every stirring, no matter how inconspicuous, with a blaming twitch?
A comforting shiver flowed through the immobile man, as with a statue awakening to life. At last he could be the great puppet master he always wanted to be! The veiled creatures had become blank sheets in which he himself could inscribe the signature of his reign. He was the one who assigned them their roles. And whoever falled out of the role was simply denied the right to have a role of his own.
At last he had succeeded in taking away from life those unpredictable things, those imponderables, which had once so painfully shown him the limits of his power. Nothing could surprise him anymore. Life was in his hands. He was the one who gave it shape and direction.  

Bilder: Blende 12: Flammenauge (Pixabay); Alex Yomare: Manipulation (Pixabay)

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