Ennui und Saudade

Ein Gedicht von Charles Baudelaire, vertont von Lizzie Levee

In Zeiten des Corona-Kollers gewinnen Begriffe wie das französische „ennui“ oder das portugiesische „saudade“ an Bedeutung. Deutsche Worte wie „Überdruss“ oder „Langeweile“ treffen eben nicht annähernd die Empfindungen, die sich einstellen, wenn man Tag für Tag mit einer Wand vermummter Gestalten konfrontiert ist, ohne jede Möglichkeit, dieser Situation entfliehen zu können.
Kaum jemand hat den Bedeutungskern des „ennui“ wohl besser zum Ausdruck gebracht als Charles Baudelaire. In seinem Gedicht Au lecteur („An den Leser“), das er seinem berühmten, erstmals 1857 erschienenen Gedichtband Les fleurs du mal („Die Blumen des Bösen“) vorangestellt hat, entwirft er zunächst ein düsteres Kaleidoskop menschlicher Laster und Verirrungen. Im Anschluss daran beschwört er den Ennui mit folgenden Worten:

„[Parmi] les monstres glapissants, hurlants, grognants, rampants,
Dans la ménagerie infâme de nos vices, 

Il en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu’il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,

Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;

C’est l’Ennui! – l’oeil chargé d’un pleur involontaire,
Il rêve d’échafauds en fumant son houka.“

Nachdichtung:

Unter all den finst’ren Ungeheuern,
die kreischen und heulen, knurren und kreuchen
im Laster-Zoo der Menschen,
ist eins besonders hässlich und gemein!

Es schreckt dich nicht mit wildem Fuchteln oder Schreien –
und würde in ein Trümmerfeld
doch allzu gern die Welt verwandeln,
in einem großen Gähnen sie verschlingen.

Dies Ungeheuer ist: der Ennui!
Im Auge eine stumme Träne,
träumt er, an einer Wasserpfeife kauend,
vom Todesfunkeln der Schafotte.

Der Ennui erscheint so als eine Art umfassender Lebensüberdruss. In der Variante des „ennui romantique“ weist er allerdings auch Bezüge zum romantischen Weltschmerz und zur portugiesischen Saudade auf. Letztere bezeichnet die Gefühlslage eines Menschen, der sich nach einem in einer fernen Vergangenheit oder in fernen Welten verorteten Paradies sehnt – wobei er sich stets bewusst bleibt, dass dieses Paradies für ihn unerreichbar ist.
Eine Künstlerin, die die Gefühlskomplexe des Ennui und der Saudade in ihren Werken miteinander verknüpft, ist die französische Chansonsängerin Lizzie Levee (Künstlername schlicht „Lizzie“). Sowohl in ihrer Musik als auch in ihren Texten ist sie vom portugiesischen Fado beeinflusst, der musikalischen Ausdrucksform, in der sich die Saudade wohl am deutlichsten niederschlägt.
Interessanterweise setzt Lizzie ihre am Fado geschulte Gesangskunst aber auch für eine Vertonung von Baudelaires Gedicht L’Albatros ein. Sie bezeugt damit zum einen die Wesensverwandtschaft von Ennui und Saudade. Zum anderen verweist sie so jedoch auch auf den möglichen Ausweg aus der Gemütsverfinsterung, der in beiden Gefühlskomplexen selbst angelegt ist: Wer sich in der trostlosen Welt der Gegenwart nicht zu Hause fühlt, kann Zuflucht suchen in imaginären geistigen Welten.
Baudelaires Albatros-Gedicht veranschaulicht dies am Beispiel des Dichters, dessen Heimat, wie die des Albatros, nicht die „Planken des Alltags“ sind. Wie der im Himmel herrschaftlich, am Boden aber unbeholfen wirkende Albatros blüht auch der Dichter in seiner Kunst auf, während er im grauen Alltag zu einer lächerlichen Gestalt verkümmert.
Dies zeigt, dass „Zuflucht“ hier nicht mit „Flucht“ gleichzusetzen ist. Sich im Geistigen zu beheimaten, ist eben nicht notwendigerweise eine Form von Eskapismus. Es kann vielmehr auch bedeuten, dass der unvollkommenen Wirklichkeit ein Spiegel vorgehalten und sie mit einer Gegen-Welt konfrontiert wird, in welcher der Keim zu einer besseren Welt angelegt ist.

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Charles Baudelaire:

Der Albatros

Oftmals, um sich zu zerstreuen, fangen die Matrosen
Albatrosse, diese prachtvollen Meeresvögel
und gleichmütigen Reisegefährten der Schiffe,
die über den finsteren Abgründen gleiten.

Ausgesetzt auf den harten Planken,
lassen diese Könige des Himmels, verzagt und ungeschickt,
Mitleid erregend ihre großen weißen Flügel
wie Ruder neben sich schleifen.

Dieser geflügelte Reisende – wie ist er so linkisch und schlaff!
Er, der eben noch so schön war – wie ist er so komisch und hässlich!
Einer reizt seinen Schnabel mit einer Tabakspfeife,
ein anderer äfft hinkend den eben noch Fliegenden nach.

Der Dichter ähnelt jenem Fürst der Wolken,
im Sturm daheim und nie von einem Pfeil erreicht.
Verbannt auf die Erde, umstellt von Gelächter,
hindern seine Flügel eines Riesen ihn am Gehen.

Nachdichtung von Charles Baudelaire: L’Albatros. In: Baudelaire: Les fleurs du mal (1857), 2., erw. und überarb. Ausgabe 1861; hier zit. nach Baudelaire, Œuvres complètes, Bd. 1, hg. von Charles Asselineau und Théodore de Banville, S. 89. Paris 1868: Michel Lévy Frères; zitierte Verse aus Au lecteur (hier als Préface) darin S. 79 ff.

 

Informationen zu Lizzie Levee:

Die Chansonsängerin wurde 1985 in Avignon geboren und hat dort auch ihre Jugend verbracht. Ihr Vater, von Beruf Tontechniker, war Mitglied in einer Beatles-Coverband. Nachdem sie in Montpellier ein Portugiesisch-Studium aufgenommen hat, ist sie für ein Jahr nach Lissabon gegangen und dort auch mit dem Fado in Berührung gekommen, der ihre Musik bis heute prägt. 2015 ist sie nach Paris gezogen und hat dort auch erste größere Erfolge gefeiert. So ist sie beim Prix Georges Moustaki in die engere Auswahl gekommen und beim Festival Chanson de Café im Atlantik-Badeort Pornic ausgezeichnet worden.
Nachdem sie jahrelang nur live gesungen hat, hat Lizzie 2015 ihr erstes, selbst produziertes Album aufgenommen: Der Titel Navigante („Die Reisende“) vereint mit seinen Assoziationen an Seefahrt und suchendes Unterwegssein passenderweise all das, was für eine bekennende „Fadista“ charakteristisch ist.

Mehr zu Baudelaire:

Charles Baudelaires Fleurs du mal („Blumen des Bösen“). Ein Überblick mit neu übersetzten Gedichten.

Mehr zu Lizzie:

Mademoiselle chante … Das junge französische Chanson auf den Spuren der Romantik.

 

Bilder: Titelbild: Getspottes: Neuseeland-Albatros; Lizzie Levee (Womex); Etienne Carjat: Fotografie von Charles Baudelaire (1865); Félix Nadar: Fotografie von Charles Baudelaire (Datum unbekannt)

Eine Antwort auf „Ennui und Saudade

  1. Elias

    Was für ein wundervoller, inspirierender Beitrag!- Vielen, herzlichen Dank! – Ja so wie der Albatros fremd auf dieser schnöden Welt der Fußgänger und der Dichter fremd in einer Welt des „Nützlichkeitswahns“ ist, so ist der Literaturplanet auch ein fremder Planet in der belanglosen und schnelllebigen Welt des Internets. Ich lese viel Lyrik. Leider ist das meiste eher oberflächlich, gewollt kryptisch … Diese Seite scheint mir eine Oase für den Suchenden. Bleibt gesund und schreibt, dichtet und übersetzt weiter!

    Gefällt 1 Person

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