Paul Verlaine: Promenade Sentimentale (Nebliger Weg)

In Ergänzung zum letzten Post auf diesem Blog, in dem es um Paul Verlaines Kaspar-Hauser-Dichtung ging, servieren wir zum heutigen Sonntag ein weiteres Verlaine-Gedicht. In seiner herbstlichen Stimmung passt es ganz gut zu dem aufziehenden trüben Novemberwetter. Als kleines Filmchen präsentiert, kann es den Herbst-Blues vielleicht auf eine kontemplativere Ebene heben.
Angesichts der zentralen Bedeutung, die den Seerosen in dem Gedicht zukommt, lag es nahe, die Verse mit Bildern aus dem Seerosen-Zyklus zu verbinden, den Claude Monet wenige Jahre nach Verlaines Tod zu zeichnen begonnen hat. Auch mit der Musik von Gabriel Fauré bleiben wir in der Zeit von Verlaine, woraus sich, wie wir hoffen, ein fruchtbarer Dialog der  verschiedenen Künste miteinander ergibt.
Hingewiesen sei noch auf die kongeniale Vertonung des Gedichts durch Charles Bordes, zu der es eine eindrucksvolle Einspielung des französischen Countertenors Philippe Jaroussky mit dem Pianisten Jérôme Ducros gibt.

Nebliger Weg (Rother Baron)

Der Abend sandte sein letztes, schleichendes Licht,
und im Winde wiegten sich Seerosen bleich;
die leuchteten hell zwischen Schilfgräsern dicht,
leuchteten traurig über dem schweigenden Teich.
Durchs Labyrinth der Weiden schweift‘ ich verwaist
in heillosem Schmerz, den der Nebel gebar,
der aus den Wassern aufstieg, ein Geist,
wehklagend schrill wie der Enten Schar,
die sich versammelten wilden Geschreis
und flatterten durch das Gestrüpp so bang
aus Weiden und heillosem Schmerz. Finsteres Eis
der Dämm’rung, das mich umschlang,
Leichentuch, das so schwerelos fiel
hin auf das Schilf und Seerosen bleich,
die wie der Abend traurig und kühl,
traurig verglommen über dem schweigenden Teich.

(Promenade sentimentale; aus: Poèmes saturniens, 1866)

Verlaine Promenade gestaltet.jpg

Weitere Nachdichtungen in: RB: Der Anti-Genius. Zum 120. Todestag von Paul Verlaine

Nachweise: 

Musik: Gabriel Fauré (1845 – 1924): Sonate in A-Dur für Violine und Klavier (2. Satz: Andante); Internet Memory Foundation (früher European Archive Foundation), musopen.org
Bildnachweise:
  1. Claude Monet (1840 – 1926): Seerosen (1907); Kawamura Memorial DIC Kunstmuseum, Sakura, Japan
  2. Claude Monet: Seerosenteich und Trauerweide (zwischen 1916 und 1919)
  3. Claude Monet: Seerosen (zwischen 1916 und 1919); Tobin Theatre Arts Fund, McNay Art Museum, San Antonio, Texas
  4. Claudia Monet: Seerosen (1906); Musée d’art moderne André Malraux, Le Havre
  5. Claudia Monet: Trauerweide (1918/19); Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas
  6. Claude Monet: Weg im Nebel (1887)
  7. Claude Monet: Spiegelungen von Trauerweiden in einem Seerosenteich (1919); Musée Marmottan-Monet, Paris
  8. Herbert Hepburn Calvert (1870 – 1923): Augenbrauenenten
  9. Theodor Kittelsen (1857 – 1914): Die zwölf Wildenten (1897); Norwegische Nationalgalerie
  10. Claudia Monet: Trauerweide (1919)
  11. Blanche Hoschède-Monet (1865 – 1947): Die Trauerweiden und der Seerosenteich in Giverny; Columbus Museum of Art, Ohio
  12. Claudia Monet: Spiegelungen von Weidenbäumen zwischen den Seerosen (zwischen 1916 und 1919); Kitakyūshū Municipal Museum of Art
  13. Claude Monet: Nebliger Morgen an der Seine bei Giverny (1897)
  14. Claude Monet: Seerosen (1903); Dayton Art Institute, Ohio
  15. Claude Monet: Blaue Seerosen (zwischen 1916 und 1919); Musée d’Orsay, Paris
  16. Claude Monet: Seerosen bei Sonnenuntergang (um 1907); National Gallery of Art, Washington
Bild 2 – 6, 8/9 und 11 – 16 heruntergeladen über wikimedia commons;
1, 7, 10: art-Monet.com

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