Drømte mig en drøm i nat („Ich hatte einen Traum heute Nacht“)

Eine dänische Volksweise mit kryptischem Text

Die Volksweise Drømte mig en drøm i nat („Ich hatte einen Traum heute Nacht“) ist in Dänemark so etwas wie ein musikalisches Nationalheiligtum. Dem kleinen Liedchen kommt bei unseren Nachbarn deshalb eine so große Bedeutung zu, weil die Anfangsverse vom Beginn des 14. Jahrhunderts datieren und damit eines der ältesten Textdokumente in dänischer Sprache darstellen. Das Lied ist mit den dazugehörigen Noten niedergeschrieben worden und wurde in Dänemark als so identitätsstiftend empfunden, dass die Tonfolge vom öffentlich-rechtlichen Danmarks Radio seit 1931 als Pausenmelodie genutzt wurde.

Die Bedeutung der überlieferten Verse ist umstritten. Im Kontext des Liedes, das später um diese herum komponiert worden ist, erscheinen die Verse als Auftakt zu einer Liebesgeschichte. Dem widerspricht allerdings das Umfeld, in dem die Zeilen überliefert worden sind. Sie finden sich in dem Codex Runicus, einer Gesetzessammlung, die das Schonische Recht (Skånske Lov) kodifiziert. Daraus ergibt sich eher eine allgemein auf das gesellschaftliche Zusammenleben als auf die Beziehung zweier Liebender bezogene Bedeutung.

Für die Anfangsverse – „Drømde mig en drøm i nat um / silki ok ærlik pæl“ – gibt es demnach zwei abweichende Übertragungsvorschläge. Der eine, volkstümliche, lautet: „Ich hatte einen Traum heute Nacht von / Seide und weichem Fell“. Im anderen Fall wird der ursprüngliche Kontext der Verse stärker berücksichtigt, was zu folgender Übertragung führt: „Ich hatte einen Traum heute Nacht von / Gleichheit und ehrlichem Maß“.

Legt man letztere Deutung zugrunde, so erscheint selbst der volkstümliche Liedtext in einem anderen Licht. Der Traum von der vollkommenen Liebe, der darin formuliert wird, wäre dann nicht im Sinne einer individuellen Liebesbeziehung zu verstehen. Vielmehr könnte man darin vor diesem Hintergrund auch ein Bild für eine Gesellschaft sehen, in der die zwischenmenschlichen Beziehungen allgemein von gegenseitigem Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft getragen wären.

Angesichts der Bedeutung, die dem Lied in Dänemark zukommt, verwundert es nicht, dass es immer wieder neu vertont worden ist. Die einzelnen Elemente von Text und Melodie werden dabei stets anders akzentuiert, so dass gerade aus der Vielfalt der Interpretationen der tiefere Sinngehalt des Liedes hervortritt.

Freie Nachdichtung:

Ich hatte einen Traum heute Nacht

von Gleichheit und ehrlichem Maß.
Ein Kleid umfloss mich weich und warm
im schmeichlerischen Abendlicht.
Nun ist der Traum dem Tag gewichen.

Da war ein Tanzen, war ein Singen,
Vertrauen, Freude und Gemeinschaft.
Und einer sah mir in die Augen,
still glitten ineinander unsre Hände.
Nun ist der Traum dem Tag gewichen.

Um uns der Reigen Glück wünschender Blicke,
lächelnde Lippen, funkelndes Gelächter.
Und alle Tanzenden umkränzten
verblassend unsren Tanz ins Morgenrot.
Nun ist der Traum dem Tag gewichen.

Ich hatte einen Traum heute Nacht …

Louise Fribo:

Dänischer Liedtext (basierend auf der Bearbeitung des Liedes von Povl Hamburger und den von Erik Bertelsen entworfenen zusätzlichen Strophen aus dem Jahr 1945; vgl. den Eintrag bei FolkWiki)

Auswahl verschiedener Fassungen des Liedes:

Valravn (Psychedelic Folk)

Fuglafólk (traditioneller Bardenstil: nur – männlicher – Gesang und Klampfe)

Gny (mittelalterlich-kontemplativ)

Musica Ficta (A cappella, im Stil mittelalterlicher Kirchenmusik)

Pernille Rosendahl (symphonisch-opulent, mit Chor, ein bisschen in Richtung Classic Rock – Rosendahl hat sich vor allem als Sängerin der Bands Swan Lee und The Storm einen Namen gemacht)

Louise Fribo (klassisch, entsprechend der Gesangsausbildung der Sopranistin und Schauspielerin an der Königlich-Dänischen Opernakademie)

Ove Werner Hansen (klassisch-männlich, entsprechend der Bass-Stimme des Opernsängers und Schauspielers)

 

Bild: Liedzeile von Drømte mig en drøm aus dem Codex Runicus

 

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