Friedhofstraum II

untitled-51.jpg!HDSelten hast du eine größere Erleichterung empfunden als an diesem Abend, als du nach dem langen Irrweg durch das Labyrinth des Waldes im Tal die Lichter der Stadt aufblinken sahst. Endlich warst du am Ziel angelangt, endlich würdest du dein Haupt zur Ruhe betten können.

Beim Durchschreiten der Stadttore wunderst du dich allerdings, wie still es an diesem Ort ist. Von nirgendwoher sind Hundegebell oder das Brausen des Verkehrs, Wortfetzen oder Kinderlachen zu vernehmen. Kein Geräusch, nichts ist zu hören – noch nicht einmal das leiseste Rascheln des Windes in den Bäumen. Es herrscht vollkommene Stille. Auch musst du feststellen, dass das, was du für Lichter gehalten hattest, in Wahrheit nur Reflexe des Sonnenlichts waren. Jetzt, nachdem die Nacht hereingebrochen ist, sind alle Fenster erblindet. Würde nicht der Mond einen matten Abglanz des Tages in die Gassen gießen, müsstest du durch völlige Finsternis schreiten.

Seltsam kommen dir auch die Bewohner der Stadt vor. Wenn du sie nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragst, starren sie an dir vorbei ins Leere, als würden sie dich nicht sehen oder deine Frage nicht verstehen. Gibt es hier etwa so viele Fremde, dass kaum jemand die Sprache der Einheimischen spricht? Oder sind die Bewohner gerade umgekehrt so daran gewöhnt, unter sich zu sein, dass sie selbst einen Menschen aus dem Nachbarort als unerwünschten Eindringling empfinden?

Unverständlich erscheinen dir zudem die Gedenktafeln, die sich hier überall den Blicken aufdrängen. Zwar ist dir diese Form der Erinnerungskultur natürlich nicht unbekannt – aber normalerweise sind derartige Tafeln doch nicht an jedem Haus angebracht. Hinzu kommt, dass die Inschriften von ganz gewöhnlichen Bürgern künden, die sich, soweit du das beurteilen kannst, keineswegs besonders verdient gemacht haben um das Gemeinwesen. Auch scheinen sie keinem Massaker oder einer außergewöhnlichen Naturkatastrophe zum Opfer gefallen zu sein. Vielmehr sind die meisten offenbar eines natürlichen Todes gestorben.

Ein Unwohlsein macht sich in dir breit, das sich zu einer fiebrigen Unruhe steigert und schließlich in Panik ausartet, als du begreifst, wo du hier gelandet bist. Fluchtartig eilst du zurück zu dem Tor, durch das du die Stadt betreten hast. Was du für einen Weg zurück hältst, erweist sich jedoch als Straße, die dich nur tiefer in den Bauch der Stadt hineinführt. Also läufst du in die entgegengesetzte Richtung – aber auch dort nimmt die Stadt kein Ende. Es ist, als würde sie mit jedem deiner Schritte mitwandern und sich immer dort ausbreiten, wohin du gehst. Je mehr du dich bewegst, desto mehr verfängst du dich in ihrem Spinnennetz.

Das Merkwürdigste aber ist, dass du, je tiefer du in das Labyrinth eindringst, umso gleichgültiger wirst gegenüber deinem Schicksal; dass du dich immer mehr in eine Unruhe ergibst, die du immer weniger als solche wahrnimmst – bis du schließlich die Schattenstadt, in der du gefangen bist, als dir gemäßen Aufenthaltsort annimmst.

Bild: Zdzislaw Beksinski: ohne Titel und Jahr

Lesung mit Bildern:

 

Musik: Dag Reinbott

gelesen von: Rotherbaron

Bildnachweise: Bildnachweis: Webcam Kufstein, 19. September 2015 (1); Fotolia: Chorazin: Friedhofstor mit alten Bäumen (2); Zacharias da Mata: Medieval castle (3); Ders.: Cemetery in a cloudy night (5); Ders.: Cemetery, full moon (6); Alina G.: Ghosts (4); Zdzislaw Beksiński (1929 – 2005): Untitled, ohne Jahr (7, 8).

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