Der „franquistische“ Flamenco

Flamenco und Paso doble

Eine Reise in die Welt des Flamencos/7

Unter der Franco-Diktatur wurde der Flamenco als Instrument nationaler Selbstdarstellung missbraucht. Dies zeigt sich auch an dem Lied Paso doble, te quiero, das eine Vollendung des „ungezähmten“ Flamencos durch die spanische Mehrheitskultur suggeriert.

Podcast:

Dir, Paso doble, gehört meine Liebe

Eine Gitarre und ein paar Kastagnetten
standen an der Wiege des Paso doble flamenco y cañí.1
Nicht nur Mond und Sonne – sagt man –
seien gekommen zu seiner Taufe,
sondern auch das ganze Viertel Albaicín.2

In Spanien stand seine Wiege.
Ein Christ war sein Vater,
eine Königin der Calé seine Mutter.3
Sein Pate aber war – so erzählt es
eine Steppenhexe – kein Geringerer als Undivé.4

Deshalb ist der Paso doble
ein Kind Spaniens ebenso wie des Flamencos.
Tief in meinem Herzen ist verwurzelt
der geliebte Paso doble, dessen Anmut
die vollkommenste auf Erden ist.

Dir, Paso doble, gehört meine Liebe,
dem Toreromut, der aus dir spricht,
dem mütterlichen Klang, mit dem
in fernen Landen du mich tröstest,
du Nabelschnur zu meinem Heimatland.

In meinem Andalusien wollte einst
Hochzeit feiern mein geliebter Paso doble
mit der Sevillana und der Bulería,
mit der Petenera und der Soleá.5
Ganz in Weiß gekleidet, folgten alle vier
singend und tanzend ihm zum Altar.

Am Hof des Mondes erteilte seinen Segen
ihnen der König der Coplas.6
Da bauten sie sich auf dem höchsten Wolkenthron
einen Palast aus Sonnentropfen, so schön,
dass selbst der Sonnengott erblassen müsste.

Dir, Paso doble, gehört meine Liebe …

Antonio Guijarro Campoy:  Pasodoble, te quiero (1953) Musik von Genaro Monreal und Manuel Monreal

Erläuterungen:

  1. Paso doble flamenco y cañí“: Der Paso doble ist ein Paartanz, dessen Musik Flamenco-Elemente mit Anklängen an Marschmusik verbindet. „Cañí“ bezieht sich auf eine Person aus den Reihen der iberischen Roma (s.u.). Ein besonders populärer Paso doble – „España Cañí“, geschrieben 1923 von Pascual Marquina Narro – verbindet in seinem Namen spanische und Roma-Kultur auch unmittelbar miteinander.
  2. Albaicín: von der maurischen Vergangenheit Spaniens geprägtes Viertel in Granada, das seit 1994 den Status eines Weltkulturerbes innehat
  3. Calé: Eigenbezeichnung der spanischen und portugiesischen Roma
  4. Undivé: in der Sprache der Calé – dem „Caló“ – Bezeichnung für das höchste göttliche Wesen
  5. Sevillana, Bulería, Petenera, Soleá: Flamenco-Varianten („Palos”). Während es sich bei Sevillana und Bulería um schwungvoll-fröhliche Tänze handelt, die gerne auf Volksfesten getanzt werden, gehören Petenera und Soleá zu den ernsteren, getragenen Flamenco-Varianten. Beide thematisieren vermehrt die unausweichliche Tragik des menschlichen Daseins. Die Soléa kann dabei allerdings bei tänzerischen Darbietungen am Ende auch in eine versöhnlichere Mischform, die „Bulería por Soleá“, übergehen.
  6. Copla: Bezeichnung für den Text eines Cante, also eines einem Flamenco-Lied zugrunde liegenden Gesangs

Ursprüngliche Fassung von Marisol Reyes (1953):

Version von Manolo Escobar aus dem Jahr 1958:

Der Paso doble: Erbe und Vollender des Flamencos?

Der Song Paso doble, te quiero verknüpft die Liebeserklärung an den Paso doble von Anfang an mit der Behauptung einer organischen Verbindung zwischen diesem und dem Flamenco. So wird auch die „Geburt“ des Paso doble unmittelbar auf die Ursprünge von Letzterem bezogen.

Mit den Begriffen „Cañí“ und „Calé“ wird etwa auf die Wurzeln des Flamencos in der Kultur der spanisch-portugiesischen Roma verwiesen. Indem „Undivé“ – das höchste göttliche Wesen in der Kultur der Calé – zum Taufpaten des Flamencos erklärt wird, erscheint dieser sogar geradezu als Verkörperung der Gitano-Seele.

Mit der Erwähnung des Albaicín-Viertels in Granada erinnert das Lied zugleich an die maurischen Wurzeln des Flamencos. Denn das erst 1492 als letzte Bastion der arabischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel unter die Oberhoheit der spanischen Krone gebrachte Königreich Granada hat am längsten die maurische Kultur auf iberischem Boden bewahrt.

Mit Sevillana, Bulería, Petenera und Soléa „adoptiert“ der Song schließlich auch zentrale Spielarten des Flamencos für den Paso doble. Dabei handelt es sich allerdings lediglich bei der Sevillana wie im Fall von Letzterem um einen Paartanz.

Militärische Anklänge im Paso doble

Natürlich ist ein populärer Liedtext keine historische Abhandlung. Er kann sich Freiheiten herausnehmen, die in letzterem Fall als unwissenschaftlich abgetan werden müssten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass der Song die Entstehung des Paso doble allzu einseitig aus dem Flamenco herleitet.

Es ist zwar richtig, dass der Paso doble auch Elemente des Flamencos enthält. Es handelt sich bei ihm um einen ausgesprochen „feurigen“ Tanz, der sich als Turniertanz durch akrobatische Pirouetten und Tanzfiguren, im Wechsel mit expressiven Einzelposen, auszeichnet. Mindestens ebenso stark ist der Paso doble jedoch in Militär und Kampfkunst verwurzelt.

Dies zeigt sich bereits an seinem Namen, der auf spanische Militärmärsche zurückgeht. Die Bezeichnung „Paso doble“ (wörtlich: „doppelter Schritt / Doppelschritt“) bezieht sich dabei auf ein im Vergleich zur üblichen Schrittfolge beschleunigtes Tempo. Dem entsprechen auch die Anklänge des Paso doble an Marschmusik.

Die Verbindung zur militärischen Sphäre zeugt von problematischen Rezeptionstendenzen des Volkstanzes unter der Franco-Diktatur. Davon war auch der Flamenco betroffen. Er wurde vom Franco-Regime zum einen als buntes Schaufenster genutzt, mit dem die Diktatur sich nach außen hin ein freundliches Antlitz geben konnte. Zum anderen wurde er auch aus seinem subkulturellen Kontext gelöst und als Symbol nationaler Größe respektive als deren musikalischer Ausdruck missbraucht.

Instrumentalisierung der Volkskultur unter der Franco-Diktatur

Eben diese nationalistische Vereinnahmung des Flamencos ist auch aus der gesungenen Liebeserklärung an den Paso doble herauszuhören. Zwar werden die subkulturellen Wurzeln von Flamenco und Paso doble eigens hervorgehoben. Dies geschieht jedoch in einer folkloristischen und – wie bei der assoziativen Verknüpfung des höchsten göttlichen Wesens der iberischen Roma-Kultur mit einer Hexe aus der Steppe – tendenziell abwertenden Weise.

Dadurch wird suggeriert, dass der Flamenco erst infolge der Adaptierung durch die spanische Mehrheitskultur zu jenem Kulturgut geadelt worden sei, als dass es in der Gegenwart gepflegt werde. Der Paso doble erscheint dabei als Vollendung des Flamencos, indem er dessen ursprünglich wilde Leidenschaft in ein militäranaloges Regelwerk überführt hat.

Eine solche Sichtweise spiegelt den Prozess der kulturellen An- bzw. Enteignung wider, den der Flamenco insbesondere unter der Franco-Diktatur durchlaufen hat. Aus einem widerständigen Ausdrucksmittel einer Subkultur wurde ein Element der Mehrheitskultur, das sich durch eine affirmative Haltung zum Regime auszeichnen sollte.

Die Gitano-Wurzeln des Flamencos dienten bei dieser Rezeptionspraxis nur noch als folkloristisches Würzmittel für die Darbietungen. Im gesellschaftlichen Alltag war der Umgang mit den Calé von Repression geprägt. Sie mussten unter ghettoähnlichen Verhältnissen leben, standen unter strenger Überwachung der Guardia civil, ihre Kultur wurde unterdrückt, noch nicht einmal die Pflege ihrer Sprache wurde geduldet.

Das Lied als Beispiel für die franquistische Unterhaltungskultur

Der affirmativ-nationalistische Rezeptionskontext, in dem das Lied Paso doble, te quiero steht, spiegelt sich auch in dem Sänger wider, der es berühmt gemacht hat: Neben Margarita Sánchez López präsentierte 1958 auch Manolo Escobar (1931 – 2013) eine neue Fassung des Liedes. Bei ihm handelte es sich um einen jener Unterhaltungskünstler, die während der Franco-Diktatur für gute Stimmung sorgen sollten.

Das Ziel der entsprechenden Lieder und Filme war dabei zum einen die Ablenkung von wirtschaftlichen Problemen und politischer Unterdrückung. Zum anderen vermittelten sie jedoch einen vermeintlich unpolitischen Stolz auf die eigene Nation – der aber gerade dadurch eine politische Wirkung entfaltete, dass er unausgesprochen mit dem sich als Garant nationaler Größe inszenierenden Regime verbunden wurde.

Vor diesem Hintergrund ist es sicher kein Zufall, dass Manolo Escobar 1973 als Interpret der spanischen Fassung des Songs Y Viva España (Es lebe Spanien) ausgewählt wurde. Der zuerst 1971 in Belgien veröffentlichte Song, der unter dem Titel Eviva España auch in Deutschland zum Hit avancierte, entsprach perfekt der unpolitischen Feier der Nation unter dem Franco-Regime. Zu Escobars Glück fiel die Veröffentlichung des Songs jedoch in die Endphase der Diktatur, so dass er auch als Hymne des Übergangs in eine neue Ära verstanden werden konnte.

Umgekehrt verweist die bis heute bestehende Popularität von Songs wie Paso doble, te quiero – eine neuere Version stammt etwa von dem argentinisch-spanischen Geschwister-Duo Pimpinela – auf die auch heute noch existierenden nationalistischen Stimmungslagen in Spanien. Deren Beharrungskraft ist nicht zuletzt darin begründet, dass beim Zusammenbruch der Diktatur auf eine systematische Aufarbeitung der unter dieser begangenen Verbrechen zugunsten einer oberflächlichen nationalen Versöhnung verzichtet worden ist.

Das Ende der Franco-Ära ging so mit einer teilweisen Kontinuität in geistig-politischer Hinsicht einher. In personeller Hinsicht wird diese Kontinuität u.a. durch Manuel Fraga Iribarne repräsentiert.

Der Politiker war in den 1960er Jahren als Tourismus- und Informationsminister für Außendarstellung, Propaganda und Zensur des Franco-Regimes zuständig und in dieser Funktion auch unmittelbar an Inhaftierungen und Hinrichtungen von Oppositionellen beteiligt. Dessen ungeachtet avancierte er zu einer führenden Gestalt der jungen spanischen Demokratie. Er war sowohl Vorsitzender des 1976 von ihm mitgegründeten Parteienbündnisses Alianza Popular als auch des konservativen Partido Popular, der 1989 dessen Erbe antrat.

So existiert in Spanien bis heute ein faschistoider Bodensatz. Dieser war zuletzt auch ein Faktor beim Aufstieg der rechtsnationalen Partei Vox.

Zur Unterdrückung der spanischen Roma (Calé) während der Franco-Diktatur vgl. Pleininger, Christoph: Verfolgt, vertrieben, vergessen – Gitanos in der Franco-Diktatur. In: Alerta, 1. April 2023.

Bild: : Ailura: Radek Mucha und Yana Grishchenko beim Tanzen des Paso doble 2015 anlässlich des World DanceSport Championships (WDSC) in Schwechat/Niederösterreich (Wikimedia commons; modifiziert)

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