Ilona Lay: Gebet zu Niemandem

Die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, ist im Grunde blasphemisch. Denn sie unterstellt, dass der Mensch mit seinem begrenzten Verstand und Vorstellungsvermögen eine Seinsform erfassen kann, die sich ihm wesensmäßig entzieht.

Gebet zu Niemandem

Selbst wenn Du existieren würdest, Herr –
ich würde nicht an Dich glauben.
Denn wie könnte ich Dich ehren,
wenn ich Dir nur aus Angst vor der strafenden Hölle
oder für den Lohn ewigen Lebens dienen würde?
Würdest Du nicht eben darin
das Ungenügende Deines Dieners erkennen
und ihn in ewiges Fegefeuer werfen?

Vielleicht – müsste ich mir dich vorstellen –
würde ich dich als Gärtner sehen.
Kristalle von Deinem Atem
würdest Du in den Seelenlosen aussäen, hoffend,
dass sie dereinst als Seelen erblühen.

Überall würdest Du Deine Kristallsplitter verstreuen,
darauf vertrauend, dass auf den launischen Lebenswegen
einige sich zu Blütenflügeln weiten würden.
Wohl würdest Du wachen über dein Werk –
doch wie in Ehrfurcht
vor Deines eigenen Reichs gelassener Ruhe
würdest Du nie sein Wachstum erzwingen,
wissend, dass nur die freien Keime
sich zur Blüte häuten können.

Vielleicht würde ich mir Dich auch als Spieler vorstellen –
als Hasardeur, der Stürme,
Sintfluten und Wüstenjahre schicken würde
seinen Pflanzungen,
auf dass sie sich nur noch entschlossener
Deiner Sonne entgegenstrecken würden.

Wenn ich, Herr, Dir aber wirklich nahe kommen wollte,
würde ich Dich suchen
in dem Wolkenfloß, das Du segeln lässt
als heimliches Lied
über die glühenden Brücken der Dämmerung.

Oder ich würde mich in Dich versenken
in dem himmlischen Labyrinth
der Maserungen von Quarzsteinen,
in den kosmischen Wirbeln von Schneckenhäusern
oder in der verschwenderischen Farbenpracht
der leuchtenden Vogelgewänder.

Vielleicht würde Deine unnennbare Stimme
auch widerhallen für mich
aus den monddurchflossenen Melodien der Grillen.
Oder ich würde Deinen paradiesischen Duft
erahnen im Atem der Erde
unter dem blühenden Dach des Mooses.

In dem Sternenfunkeln der Käfer
würde ich Deine Nähe spüren,
in der spielerischen Vollkommenheit
des Tanzes von Biene und Blüte
und in dem selbstvergessenen Gewebe
der Flechten auf dem verwitterten Fels.

In all diesem Überfluss,
dem unerschöpflichen Füllhorn des Lebens,
der Hochzeit von Notwendigkeit und Laune,
würde ich Deinen Atem fühlen.

Und doch wüsste ich:
Alles, was ich sehen, fühlen, hören würde,
wäre nichts als eine Illusion.
Denn Nichts ja wärst Du und Alles
zur selben Zeit.

Wie sollte ich da Dein Sein erfassen?
An einen Himmel würde ich denken
oder an einen Abgrund
bei dem Gedanken an Dich.

Denn Deine Bild- und Wortlosigkeit
übersteigt meinen Geist:
Sobald ich denke und spreche,
flackern Worte und Bilder
an meinem Inneren Auge vorbei.

Darum, Herr,
damit ich Dich mit meinem Glauben
nicht in den Käfig meines Geistes einschließe:
Selbst wenn Du existieren würdest –
ich würde nicht an Dich glauben.
Aber ich würde so handeln,
als ob es Dich gäbe.

Bild: S. Estrada-Dorado et al.: Der Helix-Nebel (NASA, Universität Mexiko, Wikimedia commons)

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