Schattenmagie

Eine literarische Reise mit Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen/5

Von Shadow Colours hat Theo einen neuen Schatten erhalten. Dieser leistet ihm bei einem Vorstellungsgespräch gleich gute Dienste.

Worum es geht

In dem dreiteiligen Tagebuchroman erzählt Theo C. von dem Abenteuerlabyrinth, in das er nach dem Verlust seines Schattens hineingerät. Ein mysteriöser Händler versucht, ihm einen neuen Schatten zu verkaufen, er gerät an einen obskuren Geheimbund von Schattenlosen und wird schließlich quer durch die Zeit katapultiert.

Leseprobe: Ein seltsames Bewerbungsgespräch

Das Vorstellungsgespräch, das mir den Wiedereinstieg ins Berufsleben ermöglichen sollte, begann nicht gerade verheißungsvoll. Es war wie immer bei solchen Gesprächen: Der Delinquent ist ganz auf sich allein gestellt, aber die Gegenseite hat sich Verstär­kung mitgebracht – für den Fall, dass die Auto­rität und die Machtfülle des Hauptverantwortlichen nicht ausreichen sollten, um den Bewer­ber einzuschüchtern.

Rechts und links neben dem Personal­chef saßen zwei Frauen. Die eine wurde mir als Leiterin der Abteilung, der die zu vergebende Stelle zugeordnet war, vorgestellt. Bei der anderen handelte es sich um die persönliche Referentin des Personalchefs. Neben Letzterer hatte die Vertreterin des Be­triebsrats Platz genommen. Von ihr war jedoch – weil sie in Per­sonalunion Frauenbeauftragte war – keine Unterstützung für mich zu erwar­ten.

Der kreisrunde Tisch, um den wir saßen, suggerierte zwar Offen­heit und demokratische Umgangsformen. Der äu­ßere Eindruck kontrastierte jedoch entschieden mit der Sitzordnung, die sich fast von selbst so ergeben hatte: Neben mir waren rechts und links je zwei Plätze frei, wodurch die Unternehmensriege mir fast frontal gegenübersaß.

Nach dem üblichen Vorgeplänkel kam der Personalchef gleich zur Sache, indem er mit der tückischsten Frage einstieg: Warum hätte ich mich eigentlich ge­rade bei diesem Unternehmen be­worben? Dabei beugte er sich angriffsbereit vor.

Natürlich hatte ich mich gut auf die Frage vorbereitet: Ich hatte die Homepage des Unternehmens angeklickt, mir im Internet alle möglichen Informationen zusammengesucht und das Unterneh­mensprofil mit dem anderer Unternehmen verglichen. In dem Augenblick aber verschwammen all die mühsam gesammelten Detailinformationen in meinem Kopf zu einem chaotischen Mosaik, in dem ich mich nicht mehr zurechtfinden konnte.

Ich habe dann, glaube ich, irgendetwas vom „hervorragenden Ruf“ des Unternehmens gestammelt und davon, wie gut meine beruflichen Erfah­rungen zu dem Stellenprofil passen würden. Außerdem habe ich, wenn ich mich recht erinnere, das gute Ar­beitsklima gelobt, das die Homepage mir angeblich vermittelt hätte.

Kurz: Ich verlor mich in Allgemeinplätzen, wo kon­krete Antwor­ten verlangt waren, und redete mich auf diese Weise – so schien es mir – um Kopf und Kragen.

Zu meiner Überraschung reagierte der Personalchef aber keines­wegs konsterniert oder ärgerlich auf meine Ausfüh­rungen. Statt­dessen lächelte er mich wohlwollend an und lehnte sich ent­spannt auf seinem Stuhl zurück.

Auch die drei anwesenden Damen schienen meiner Bewerbung sehr aufgeschlossen gegenüberzustehen. Ich meinte sogar eine Art Blitzen in ihren Au­gen wahrzunehmen, als hätte ich ge­rade einen Flirt mit ihnen angefangen. Dies erschien mir in der Situation zwar recht unpassend, stimmte mich aber dennoch hoffnungsvoll.

So fühlte ich mich schon viel sicherer, als der Personalchef seine nächste Frage stellte: Was ich denn verändern würde, wenn man mir die ausgeschriebene Stelle geben sollte?

Eine Fangfrage, die in 99 Prozent aller Fälle dazu führt, dass man auf die eine oder andere Weise ins Fettnäpfchen tritt. Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geantwortet habe, sehe aber noch genau die Gesichter des Personalchefs und der drei Damen vor mir: Ihre Blicke ruhten nun fast schon schwärmerisch auf mir!

Als ich meine Ausführungen beendet hatte, war eine Zeit lang nichts zu hören als das leise Hämmern, mit dem der Praktikant die Tastatur seines Notebooks traktierte.

Dann geschah etwas, das für derartige Gespräche durchaus un­gewöhnlich ist: Die Referentin des Personalchefs beugte sich zu diesem hin und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Personalchef nickte zustimmend und eröffnete mir dann, dass in meinem Fall das Gespräch wohl abgekürzt werden könne. Man werde mich in nächster Zeit über den Ausgang des Be­werbungsverfahrens un­terrichten.

Das freundliche Lächeln, das er dabei aufsetzte, und der fast schon warmherzige Ab­schied täuschten mich nicht: Zwei Tage später erhielt ich einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich die Stelle baldmöglichst antreten könne.

Erst später brachte ich den unerwartet positiven Verlauf des Vorstellungsgesprächs mit dem neuen Schatten in Verbindung, den ich von Shadow Colours erhalten hatte. Dunkel erinnerte ich mich an die Worte, mit denen der Schattenhändler diesen „De-Luxe-Schatten“ bei seinem Verkaufsgespräch angepriesen hatte – Worte, die ich damals als reines Werbegeplänkel abgetan hatte.

Hatte er damals nicht etwas von „proskinetischer Vibration“ ge­faselt? Davon, dass das Schattenmodell „De Luxe“ einen für das Gegenüber als Spiegelbild seines eigenen Ideals erscheinen lasse – und dass es deshalb bei der Partnersuche ebenso hilfreich sei wie beim beruflichen Aufstieg?

Podcast, Teil II:

Episode 1:  Vorwort der Herausgeberin

Nachdem Theo längere Zeit spurlos verschwunden ist, entdeckt dessen Nichte bei Aufräumarbeiten in seinem Haus ein Schreibheft mit Aufzeichnungen von Onkel Theo. Dies erklärt für sie manches, wirft aber auch neue Fragen auf. Um diese zu klären, wirft sie „die Flaschenpost ins Meer der Öffentlichkeit“.

Episode 2: Ein Gefängnistagebuch

Mit seinem neuen Schatten führt Theo wieder ein ganz normales Leben. Da wird er eines Tages entführt und findet sich in einem Kerker wieder, mit nichts als einem Laptop, in den er eine Art Beichte tippen soll. Aber wozu? Und wer hat ihn entführt?

Ebook / Print-Ausgabe

Interview mit Ilka Hoffmann (PDF, S. 20 – 26)

Bild: Tumisu: Interview (Pixabay)

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