Flugmenschen / Human Flying Objects

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Die Menschen der Zukunft, muss Theo feststellen, haben ganz andere Ernährungsgewohnheiten – und sie bewegen sich auch ganz anders fort.

English Version

Text hören. Mit Hintergrundmusik von Pjotr Witowski (Pixabay)

Mittwoch, 18. März 2521, nachmittags (?)

Auch das noch – mein Magen knurrt! Ja, lieber Magen, ich verstehe dich ja: Nach all den Anstrengungen der letzten Stunden möchtest du gerne gefüttert werden. Und ich hätte ja auch gar nichts dagegen, dir etwas Ablenkung zu gönnen von all den stressreichen Veränderungen. Leider weiß ich aber beim besten Willen nicht, wo ich hier etwas Essbares herbekommen soll.
Ein Kühlschrank ist nirgends zu sehen. Eine Vorratskammer gibt es erst recht nicht, auch kein kleines Schränkchen mit Astronautennahrung, die sehr gut in dieses Ambiente passen würde. Ob vielleicht der Schlauch, der da hinten aus der Wand ragt, etwas mit Nahrungsaufnahme zu tun hat? Oder dient er eher der Belüftung? Aber warum ist dann an seinem äußeren Ende ein Mundstück angebracht?

Tatsächlich – der Schlauch ist so eine Art überdimensionale Nabelschnur! Als ich ihn in den Mund nahm, war hinter der Wand ein zischendes Geräusch zu hören, als hätte ich dadurch irgendeinen Einspritzmechanismus in Gang gesetzt. Gleich darauf spürte ich, wie sich eine dickflüssige Masse in meinen Mund ergoss. Mit kurzen Unterbrechungen, die optimal auf den Schluckvorgang abgestimmt waren, sickerte sie in mich ein.
Der Nahrungsbrei war lauwarm und schmeckte nach nichts Besonderem – am ehesten vielleicht nach aufgelöstem Milchpulver. Da ich aber großen Hunger und Durst verspürte, habe ich nicht darauf geachtet, sondern den Schlauch in meinem Mund behalten, bis er nichts mehr hergab. Erst dann habe ich mich von dem Mundstück befreit. Surrend verschwand es wieder in der Wand. Das Geräusch einschießenden Wassers, das danach zu hören war, lässt mich annehmen, dass der Schlauch nach jedem Fütterungsvorgang automatisch gereinigt wird.
Danach blieben Mundstück und Schlauch verschwunden. Ein Nachschlag war augenscheinlich nicht vorgesehen. Allerdings hätte ich auch keinen gewollt – die dickflüssige Masse hatte mich vollständig gesättigt.

Bis eben herrschte noch Friedhofsruhe auf dem Flutlichtplatz. Jetzt aber sind auf einmal Flugbewegungen vor den Glaspalästen auf der gegenüberliegenden Seite zu sehen. Ob das wohl so eine Art Mittagspause ist?
Flugbewegungen … Wie schnell doch das Ungewohnte zum Gewohnten wird, wenn man ihm nur intensiv genug ausgesetzt ist!
Bei meiner Ankunft hier war das noch ganz anders. Da hatte ich im ersten Augenblick den Eindruck, in ein Abwehrfeuer aus Lenkraketen geraten zu sein. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass es sich bei den vermeintlichen Geschossen um menschliche Flugobjekte handelte. Das Fliegen scheint hier die übliche Art der Fortbewegung zu sein. Man schnallt sich einfach einen metallisch glänzenden Schutzanzug um, und dann geht’s ab in die Lüfte.
An dem Anzug ist hinten ein Mini-Triebwerk angebracht, mit dem die Bewohner dieses Ortes wie eine Armee lebender Flugzeuge durch die Luft düsen – und zwar in einem solchen Tempo, dass ich anfangs jeden Augenblick damit rechnete, von so einer lebenden Rakete erfasst und zermalmt zu werden. Ich fühlte mich wie ein Skifahrer ohne Skibrille, der in voller Fahrt einen lichtüberfluteten Abhang hinunterrast und dabei Bäumen, Steinen und anderen Skifahrern ausweichen muss.
Mittlerweile glaube ich allerdings, dass meine Angst völlig unbegründet war. Die Schutzanzüge scheinen mit Sensoren ausgestattet zu sein, die im Falle von Hindernissen automatisch Ausweichmanöver einleiten. Zumindest deute ich so die punktgenauen Zick-Zack-Bewegungen, welche die menschlichen Flugobjekte vollführen, wenn sie zu kollidieren drohen.
Eine ganz andere Frage war, ob ich auf dem lichtüberfluteten Platz nicht umgehend Aufsehen erregen müsste. Schließlich war ich nicht einfach nur ein Fremder. Ich war ein Fremder aus einer anderen Zeit, mit anderer Kleidung und anderen Fortbewegungsgewohnheiten – und dazu noch ohne Schatten. Wenn schon in der Welt, aus der ich gerade kam, ein Schattenloser auf instinktive Abwehr stieß – welche Reaktionen musste er dann erst in einer Welt auslösen, in der die Konturen der Schatten die Menschen wie eine elektronische Fußfessel überhallhin begleiten?
Zu meinem Erstaunen scherte sich jedoch niemand um meine Anwesenheit – die anderen schienen mich einfach zu übersehen. Dabei hätte ich doch schon allein durch meine Kleidung, die im Vergleich zu den metallischen Fluganzügen meiner neuen Mitmenschen völlig antiquiert wirkte, Anstoß erregen müssen.
Ich hatte allerdings in dem Moment Wichtigeres zu tun, als mir darüber Gedanken zu machen. Schließlich war es überlebenswichtig für mich, mich einigermaßen in der neuen Umgebung zu orientieren.
Vorsichtig nach allen Seiten blinzelnd, stellte ich fest, dass ich mich am äußeren rechten Rand des Platzes befand. Alle Flugbewegungen spielten sich an dem von mir aus gesehen linken Halbkreis des Platzes ab, während vor der Häuserfront des rechten Halbkreises nicht die geringste Bewegung zu erkennen war. Dort schienen im Übrigen die Glasscheiben auch etwas dunkler zu sein als bei den Häusern auf der anderen Seite.
Außerdem fiel mir nun auf, dass die gläserne Frontseite der Häuser nicht ganz geschlossen war, sondern einzelne mannshohe Einschnitte aufwies, die sich automatisch öffneten und schlossen, sobald jemand auf sie zuflog. Das eifrige Hin- und Herfliegen der Menschen um die Hochhäuser der linken Platzhälfte wirkte so von ferne wie das Schwirren von Rieseninsekten. Zeitweise erwog ich sogar, ob ich mich nicht vielleicht in einer anderen Galaxie befände und es in Wahrheit mit Außerirdischen zu tun hätte.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dagestanden und dem Treiben zugeschaut habe. Die Gleichförmigkeit und die radikale Andersartigkeit dessen, was ich sah, bewirkten, dass ich jedes Zeitgefühl verlor. Auch scheint mir die Zeit, wie ich sie aus meiner Welt kenne, eine andere zu sein als die, nach der hier das Leben gemessen wird.
So wurde ich mir erst wieder meiner Situation bewusst, als plötzlich auf der rechten Platzhälfte verstärkt Flugbewegungen zu erkennen waren, während sich gleichzeitig die Glasscheiben auf dieser Seite des Platzes aufzuhellen schienen. Immer mehr Menschen strömten aus den Häusern des rechten Halbkreises heraus, überflogen den Platz und begaben sich zu Sammelpunkten unterhalb der links gelegenen Hochhäuser, von denen aus sie nach kurzem Stopp zu einer der in die Glasfront eingelassenen Einflugschleusen weiterflogen. Ebenso stark waren die Flugbewegungen in umgekehrter Richtung, von der linken zur rechten Platzhälfte, wobei ebenfalls vor dem Einflug in die dort gelegenen Häuser einzelne Sammelpunkte angesteuert wurden.
Vor lauter Schauen und Staunen begriff ich zunächst gar nicht, was das alles für mich bedeutete. Erst allmählich wurde mir klar, dass ich auf dem Platz gefangen war! Wenn man einen Fluganzug brauchte, um in die Häuser hineinzugelangen, und dazu noch einen Sammelpunkt passieren musste, bevor man sie anfliegen durfte – was wohl einer Art von Identitätskontrolle diente –, hatte ich offenbar nicht die geringste Chance, in das Innere der Häuser zu gelangen.
Da die Häuserfront um den Platz geschlossen war, war mir jedoch auch jeder Fluchtweg abgeschnitten. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich ebenfalls zu einem der Sammelpunkte zu begeben. Vielleicht würde ich mich ja doch irgendwie durchmogeln können.

Teil 1

Teil 2

English Version

Human Flying Objects

The people of the future, Theo has to realise, have completely different eating and locomotion habits. Will he be able to adapt to them?

Wednesday, March 18, 2521, afternoon (?)

Damn it – to make matters worse, my stomach is growling! Well, dear stomach, I can understand you, of course: After all the efforts of the last hours you would like to be fed. And indeed, I wouldn’t mind giving you a little distraction from all the stressful changes. Unfortunately, however, I don’t know where to find anything edible here.
A refrigerator is nowhere to be seen. A pantry doesn’t exist either, nor does a small cupboard with astronaut food, which would fit very well into this ambience. Does the hose sticking out of the wall have something to do with food intake? Or does it rather serve the ventilation? But then why is there a mouthpiece attached to its outer end?

I guessed right – the hose is some sort of oversized umbilical cord! When I put it in my mouth, a hissing sound could be heard behind the wall, as if I had set some kind of injection mechanism in motion. Immediately thereafter, I felt a viscous mass pour into my mouth. With short interruptions, which were optimally coordinated with the swallowing process, it seeped into me.
The food mush was lukewarm and tasted of nothing in particular – perhaps most like dissolved milk powder. But since I was very hungry and thirsty, I did not pay attention to it, but kept the tube in my mouth until it poured out nothing more. Only then did I free myself from the mouthpiece. Whirring, it disappeared back into the wall. The sound of water streaming in afterwards makes me think that the hose is cleaned automatically after each feeding process.
After that, the mouthpiece and the tube remained hidden. A second helping was apparently not on offer. However, I wouldn’t have wanted one either – the viscous mass had completely saturated me.

Until just now, the floodlit square in front of my apartment had been quiet as a graveyard. But now I suddenly notice flight movements in front of the glass palaces on the opposite side. Maybe some kind of lunch break?
Flight movements … How quickly the unfamiliar becomes familiar if you are exposed to it intensively enough!
On my arrival here, I felt quite different about my new surroundings. At first, I had the impression of being caught in a defensive fire of guided missiles. It took me a while to realise that the supposed projectiles were human flying objects. Flying seems to be the usual mode of locomotion here. You just strap on a shiny metallic suit, and off you go into the air.
Attached to the back of the suit is a mini-engine, with which the inhabitants of this place jet through the air like an army of living airplanes – at such a speed that at first I expected to be crushed by such a living missile at any moment. I felt like a ski racer without ski goggles, rushing down a light-flooded slope with trees, rocks and other skiers he can barely dodge.
In the meantime, however, I think that my fear was completely unfounded. The protective suits seem to be equipped with sensors that automatically initiate evasive maneuvers in case of obstacles. At least that’s how I interpret the precise zigzag movements that the human flying objects perform when they threaten to collide.
Another question was whether I would not immediately attract attention in the light-flooded square. After all, I was not just a stranger. I was a stranger from another time, with different clothes and different habits of locomotion – and on top of that, without a shadow. If someone without a shadow meets with instinctive rejection in the world from which I come, what reactions would such a person have to trigger in a world in which the contours of the shadows accompanied people everywhere like an electronic shackle?
To my astonishment, though, no one cared about me – the others seemed to simply overlook me. Yet I should have caused a stir by my clothing alone, which seemed completely antiquated compared to the metallic flight suits of my new fellow human beings.
However, I had more important things to do at that moment than to worry about my appearance. After all, it was vital for me to orient myself to some extent in the new environment.
Blinking cautiously in all directions, I found that I was on the right edge of the square. All flight movements took place at the left semicircle of the square, while on the house front of the right semicircle not the slightest movement could be seen. There the glass panes also seemed to be somewhat darker than at the houses on the other side.
In addition, I now noticed that the glass front of the buildings was not completely closed, but had several man-sized recesses that opened and closed automatically as soon as someone flew towards them. So from a distance, the people flying back and forth around the skyscrapers on the left half of the square looked like giant insects swarming around their nests. For a while, I even wondered if maybe I had landed in another galaxy and was actually dealing with extraterrestrials.
I don’t know how long I stood there watching the hustle and bustle. The uniformity and radical otherness of what I saw made me lose all sense of time. In fact, time as I know it from my world seems to be quite different from the way life is measured here.
I only became aware of my situation again when suddenly more flight movements could be seen on the right half of the square, while at the same time the glass panes on this side of the square seemed to brighten up. More and more people were streaming out of the houses in the right-hand semicircle, flying over the square and heading for assembly points below the high-rise buildings on the left, from where, after a brief stop, they flew on to one of the entry gates embedded in the glass front. The flight movements in the opposite direction, from the left to the right half of the square, were just as strong, likewise with individual assembly points being approached before flying into the buildings located there.
Stunned as I was, I didn’t realise at first what all this meant for me. Only gradually did it become clear to me that I was trapped in the square! If you needed a flight suit to get into the houses and in addition had to pass through a assembly point before you were allowed to approach them – which probably served some kind of identity check – I obviously didn’t have the slightest chance of getting inside the houses.
On the other hand, since the front of the houses around the square was closed, I was also cut off from any escape route. So I had no choice but to go to one of the assembly points. Maybe I would find a way to muddle through somehow.

Part 1

Part 2

Bilder / Images: Stefan Keller (Kellepics): Sprung in die Berge / Jump into the mountains (Pixabay); Jon Kline: Mädchen beim Sport / Girls practising sports (Pixabay; Ausschnitt/detail)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..