Freiheit auf Baskisch / Freedom in Basque

Das Lied Txoria txori (Vogel, kleiner Vogel) von Mikel Laboa und Joxean Artze / The song Txoria txori (Bird, little bird) by Mikel Laboa and Joxean Artze

Wie in Katalonien gibt es auch im Baskenland eine inoffizielle Freiheitshymne. Sie wurde von Mikel Laboa zu dem Gedicht Txoria txori (Vogel, kleiner Vogel) von Joxean Artze komponiet.

Dichterischer Protest auf Servietten

1968 kehrte der baskische Cantautor Mikel Laboa in einem Restaurant in San Sebastián (baskisch „Donostia“) ein. Dort hatte man, als Zeichen des Protests gegen das Franco-Regime, ein kurzes Gedicht von Joxean Artze auf die Servietten gedruckt.

Auch Laboa fühlte sich unmittelbar von den Versen angesprochen. So komponierte er eine Melodie zu dem Text, wodurch dessen Popularität im Baskenland noch einmal gesteigert wurde.

Heute ist das Lied Txoria txori (Vogel, kleiner Vogel) eine Art baskische Freiheitshymne. Es kreist um die Metapher eines Vogels, den man nur dadurch ganz an sich binden kann, dass man ihm die Flügel stutzt.

Freiheit, Liebe, Herrschsucht

In dem Text kommt ein zentrales Dilemma zwischenmenschlicher Beziehungen zum Ausdruck: Je näher zwei Menschen einander kommen, desto stärker wird der Wunsch, immer mit dem anderen zusammen zu sein – respektive die Angst, ihn zu verlieren. Je mehr man dieser Angst jedoch nachgibt, desto größer wird jedoch die Gefahr, dass man den anderen eben hierdurch an seiner freien Entfaltung hindert und ihm so die Freiheit nimmt, der zu sein, als den man ihn liebt.

Unter der Franco-Diktatur verstand man das Gedicht allerdings auch als Kritik an der Unterdrückung der Freiheitsrechte im Allgemeinen und der kulturellen Freiheit der einzelnen Volksgruppen im Besonderen. Die metaphorische Sprache des Gedichts bezog man dabei auf ein Regime, das sich ein Heer von wesenlosen Untertanen zu schaffen versuchte, indem es die Menschen an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihrer jeweiligen Kultur hinderte.

Unaufhaltsamer Flug in die Freiheit

Ein solches Unterfangen aber – das ist die hoffnungsvolle Botschaft von Lied und Gedicht – ist notwendig zum Scheitern verurteilt. Denn wie ein Vogel, dem man die Flügel gestutzt hat, seine Bewegungsfreiheit einbüßt, verliert auch ein Mensch, dem man die Freiheit raubt, die entscheidende Grundlage seiner Entwicklungsmöglichkeit.

So werden diejenigen, denen man ein zentrales Element des Menschseins verweigert, aus schierem Selbsterhaltungstrieb so lange mit den „Flügeln der Freiheit“ schlagen, bis sie ihre Unterdrücker abgeschüttelt haben.

Mikel Laboa / Joxean Artze: Txoria txori

aus: Bat-Hiru (1974)

Vogel, kleiner Vogel

// Wenn ich ihm die Flügel gestutzt hätte,
hätte er mir ganz gehört.
Er wäre niemals fortgeflogen. //

// Dann aber
wäre er kein Vogel mehr gewesen, //
und ich …
ich habe den Vogel geliebt.

Wenn ich ihm die Flügel gestutzt hätte …

Dann aber …

Text des Gedichts von Joxean Artze mit (französischen) Hinter­grundinformationen zu Entstehung von Gedicht und Lied auf an­tiwarsongs.org

Vertonung von Mikel Laboa; mit spanischen Untertiteln

Über Joxean Artze und Mikel Laboa

Der im Januar 2018 im Alter von 78 Jahren verstorbene Joxean Artze gründete 1966 zusammen mit anderen Künstlern die bis 1972 bestehende Gruppe Ez Dok Amairu, die wichtige Impulse für die Erneuerung der baskischen Kultur geliefert hat. Zusammen mit seinem Bruder Jesús und mit Mikel Laboa hat er in den 1970er Jahren neuartige multimediale Aufführungen kreiert. Da­bei kam ihm auch seine Kunstfertigkeit beim Spielen des traditio­nellen baskischen Perkussionsinstruments Txalaparta zugute.

Mikel Laboa (1934 – 2008) hat neben der Neuinterpretation bas­kischer Volkslieder Gedichte vertont und natürlich auch eigene Werke eingespielt. Eines seiner Alben ist Werken von Bertolt Brecht gewidmet. Es wurde von der Zensur des franquistischen Spaniens zunächst verboten. Als zentrale Figur der baskischen Kulturszene hat Laboa viel mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, u.a. mit dem Jazzmusiker Iñaki Salvado und diversen baskischen Orchestern.

Ausführliche Informationen zur baskischen Kultur und Geschichte finden sich auf baskultur.info.

English Version

Freedom in Basque

The song Txoria txori (Bird, little bird) by Mikel Laboa and Joxean Artze

As in Catalonia, an unofficial freedom anthem also exists in the Basque Country. It was composed by Mikel Laboa to the poem Txoria txori (Bird, little bird) by Joxean Artze.

Poetic Protest on Napkins

In 1968, the Basque cantautor Mikel Laboa dined in a restaurant in San Sebastián (Donostia in Basque). There, as a sign of protest against the Franco regime, a short poem by Joxean Artze had been printed on the napkins.

Laboa also felt directly touched by the verses. So he composed a melody to the text, which increased its popularity in the Basque Country even more.

Today, the song Txoria txori (Bird, little bird) is a kind of Basque freedom hymn. It revolves around the metaphor of a bird that can only be fully appropriated by clipping its wings.

Freedom, Love, Domination

The text expresses a central dilemma of interpersonal relationships: the closer two people get to each other, the stronger the desire to always be with the other – or the fear of losing him. The more we give in to this fear, however, the greater the danger that we will prevent the other person from developing freely and thus deprive him of the freedom to be the person we love.

Under Franco’s dictatorship, the poem was also understood as a critique of the suppression of freedom rights in general and the cultural freedom of individual ethnic groups in particular. The metaphorical language of the poem was used to refer to a regime that tried to create a population of faceless subjects by preventing people from freely developing their personalities and their respective cultures.

Unstoppable Flight to Freedom

The hopeful message of the song and poem, however, is that such an undertaking is necessarily doomed to failure. Just as a bird whose wings have been clipped loses its freedom of movement, a human being who is deprived of freedom loses the decisive basis of personal development.

Thus, those who are denied a central element of humanity will, out of sheer instinct for self-preservation, flap their „wings of freedom“ as long as it takes to shake off their oppressors.

Mikel Laboa / Joxean Artze: Txoria txori

from: Bat-Hiru (1974)

Bird, Little Bird

// If I had clipped its wings,
it would have been all mine.
It would never have flown away. //


// But then
it wouldn’t have been a bird anymore, //
and I …
I loved the bird.
If I had clipped his wings …


But then …

About Joxean Artze and Mikel Laboa

Joxean Artze passed away in January 2018 at the age of 78. To­gether with other artists, he founded the group Ez Dok Amairu in 1966, which lasted un­til 1972 and provided important impulses for the renewal of Basque culture. With his brother Jesús and with Mikel Laboa, he created innovative mul­timedia perfor­mances in the 1970s. In these projetcs, he also benefited from his skill in playing the txalaparta, a traditional Basque percussion in­strument.

Mikel Laboa (1934 – 2008), in addition to reinterpreting Basque folk songs, has set poems to music and, of course, recorded his own works. One of his albums is dedicated to works by the Ger­man writer Bertolt Brecht. It was initially banned by the censors of Francoist Spain. As a central figure in the Basque cultural scene, Laboa has worked a lot with other artists, including the jazz musician Iñaki Salvado and various Basque orchestras.

Detailed information on Basque culture and history can be found on the website of the Basque Cultural Institute (eke.eus).

Furthermore, an article on this topic can be found in The National Geographic: Blakemore, Erin: How the Basques became an autonomous community within Spain; October 24, 2019.

Bilder / Pictures: Gerd Altmann: Möwe / Seagull (Pixabay); Ksarasola:Joxean Artze und Mikel Laboa auf einem Graffito-Gemälde / Joxean Artze and Mikel Laboa as graffiti portraits on a wall in the Basque Country, February 2019 (Wikimedia commons)

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