Der Fado als portugiesischer Blues / The Fado as Portuguese Blues

José Luís Gordo / Maria da Fé: Divino Fado

Der Fado ist nicht aus dem Nichts heraus entstanden. Er wurzelt in der Volkskultur und ist zudem von der arabischen und kolonialen Vergangenheit Portugals beeinflusst. – Zu José Luis Gordos Divino Fado, gesungen von Maria da Fé.

English Version

Göttlicher Fado

Der Rhythmus des Meeres hat mich geboren,
meine Stimme ist die Stimme des Windes,
der nicht weiß, woher er kommt.

Niemand singt mit dieser Stimme,
niemand als die Fado-Waise,
die nicht weiß, woher sie kommt.

Lass, Mutter, mich mit Tönen reden,
mit Worten schweigen wie die Dichter.
Denn ich bin ein Waisenkind der Lüfte.

Wärme, Mutter, mich mit deiner Liebe,
mich, die verwaiste Wiesenblume,
die nicht weiß, woher sie kommt.

José Luís Gordo: Divino Fado

Text zu einer Volksweise (Fado Corrido)

Interpretin: Maria da Fé

aus dem gleichnamigen, 2005 erschienenen Album

Maria da Fé: Divino Fado (Live):

Der Fado als musikalisches Waisenkind

Im Divino Fado wird der Fado analog zu denjenigen beschrieben, die ihn singen. Wie die Menschen, die im Fado ihrer Saudade, ihrem Weltschmerz Ausdruck verleihen, sich als Schiffbrüchige auf dem Meer des Lebens fühlen, wird der Fado als eine Art musikalisches Waisenkind dargestellt.

So erscheint der Fado in ähnlicher Weise als Mysterium wie der in ihm widerhallende Abgrund der Seele. Wie die berühmte Madonna von Fátima umgibt auch ihn die Aura des Wunders – nur dass er nicht als Geschenk des Himmels, sondern als Kind des Meeres erscheint.

Aus einer solchen ahistorischen Betrachtung des Fados lässt sich natürlich eine schöne Geschichte stricken, die ihrerseits auch wieder einiges aussagt über Wesen und Bedeutung des Fados. Es ist allerdings eine Geschichte, die ganz von der Perspektive des portugiesischen Kernlands geprägt ist. Die Berührung mit fremden Kulturen, die ja gerade das Resultat der portugiesischen Seefahrten war, bleibt dabei außer Acht.

Portugals arabische Vergangenheit und der Fado

Bezeichnenderweise wurde der Fado in Portugal anfangs vor allem im Lissabonner „Maurenviertel“ Mouraria gesungen. Schon dies verweist auf die Einflüsse fremder Kulturen auf den Fado.

Der Stadtteil Mouraria ist nicht nur für seinen hohen Anteil zugewanderter und sozial unterprivilegierter Menschen bekannt. Es steht darüber hinaus auch für die arabische Vergangenheit Portugals, die Anfang des 8. Jahrhunderts einsetzende Epoche, als die Iberische Halbinsel als al-Andalus Teil des muslimischen Herrschaftsraums war.

Portugal stand bis Mitte des 13. Jahrhunderts unter dem Einfluss verschiedener arabischer Herrscherdynastien, unter denen insbesondere die Stadt Córdoba zu einem Zentrum muslimischer Gelehrsamkeit heranreifte. Auch die Schriften vieler antiker Autoren haben erst durch die Vermittlung arabischer Gelehrter wieder Eingang in die europäische Geistesgeschichte gefunden.

Portugals koloniale Vergangenheit und der Fado

Neben möglichen arabischen Einflüssen wird in der Musikwissenschaft auch eine Beeinflussung des Fados durch die Musik der einheimischen Bevölkerung in den ehemaligen portugiesischen Kolonien diskutiert. Insbesondere die Mitte des 18. Jahrhunderts entstandene brasilianische Liedform der Modinha sowie die Tänze Fofa und Lundum gelten als mögliche Einflussfaktoren für den Fado.

Der Fado erscheint damit als eine Art portugiesischer Blues – als Klagelied, mit dem die Kolonisierten und Unterdrückten ihrem Schmerz über ihre ausweglose Lage Ausdruck verliehen. Der Wille, dem Leid eine Gestalt zu geben, anstatt es einfach klaglos zu ertragen, kann dabei allerdings auch als erster Schritt zum Widerstand angesehen werden.

So mag es zwar sein, dass portugiesische Seeleute den Fado als Ausdrucksmittel für ihre Saudade genutzt haben, für ihr Schwanken zwischen unbestimmtem Fernweh und nostalgischem Heimweh. Allerdings hätten sie sich dabei aus dieser Perspektive ausgerechnet auf die Musik jener Menschen gestützt, die als Folge dieser Seefahrten unterdrückt und versklavt worden sind.

Die Klagelieder der Unterdrückten wären damit paradoxerweise die Basis für den Ausdruck eines Fernwehs gewesen, das eben diese Unterdrückung erst hervorgebracht hat.

Über José Luís Gordo und Maria da Fé

Der 1947 geborene José Luís Gordo verkehrte während seines Wirtschaftsstudiums in Lissabon viel in den szenetypischen Fado-Lokalen. Gleich eines seiner ersten Fado-Gedichte wurde von Maria da Fé gesungen, die er 1968 heiratete. Mittlerweile hat er über 300 Gedichte verfasst, von denen viele ebenfalls von Maria da Fé gesungen worden sind. Zusammen mit seiner Frau unterhält Gordo in Lissabon auch ein bekanntes Fado-Lokal.

Maria da Fé, geboren 1942, hat neben klassischem Fado-Gesang auch modernere Fado-Varianten im Repertoire. Auf Auslandstourneen hat sie den Fado auch außerhalb Portugals populär gemacht.

René Dinkel: Fado-Bühne in Gestalt einer Guitarra Portuguesa in Lissabon (Wikimedia commons)

English Version

The Fado as Portuguese Blues

José Luís Gordo / Maria da Fé: Divino Fado

The fado did not come out of nowhere. It is rooted in popular culture and is also influenced by Portugal’s Arab and colonial past. – About José Luis Gordo’s Divino Fado, sung by Maria da Fé.

Divine Fado

The rhythm of the sea gave me birth,
my voice is the voice of the wind
that doesn’t know where it comes from.

No one sings with this voice,
no one but the fado orphan
who doesn’t know where it comes from.

Let me, Mother, speak with sounds,
with words be silent like the poets –
for I am an orphan of the skies.

Caress me, Mother, with your singing,
me, the orphaned meadow flower
that doesn’t know where it comes from.

José Luís Gordo: Divino Fado

Lyrics to a folk tune (Fado Corrido)

Singer: Maria da Fé

from the album of the same name, released in 2005

Maria da Fé: Divino Fado (live)

The Fado as a Musical Orphan

In Divino Fado, the fado is described analogously to those who sing it. Like the people who express their saudade, their world-weariness, in a fado, who feel like castaways on the sea of life, the fado is presented as a kind of musical orphan.

Thus, like the abyss of the soul that echoes within it, the fado appears as one great mystery here. Like the famous Madonna of Fátima, it is surrounded by the aura of a miracle. The only difference is that it is not described as a gift from heaven but as a child of the sea.

Of course, such an ahistorical view of the fado can be used to weave a beautiful story, which itself reveals something about the nature and meaning of the fado. However, it is a story that is entirely shaped by the perspective of the Portuguese heartland. The contact with foreign cultures, which was precisely the result of Portuguese seafaring, is not taken into account here.

Portugal’s Arab Past and the Fado

Tellingly, the fado was initially sung mainly in Lisbon’s „Moorish quarter“ Mouraria. This alone points to the influences of foreign cultures on fado singing.

The quarter of Mouraria is not only known for its high proportion of immigrants and socially underprivileged people. It also stands for Portugal’s Arab past, the era that began in the early 8th century, when the Iberian Peninsula was – as al-Andalus – part of the Muslim dominion.

Portugal was under the influence of various Arab dynasties until the middle of the 13th century. For cultural life in Portugal, this was a very fruitful time. The city of Córdoba in particular developed into a center of Muslim scholarship. The writings of many ancient authors only found their way back into European intellectual history through the mediation of Arab scholars.

Portugal’s Colonial Past and the Fado

In addition to possible Arabic influences, musicologists also discuss an impact of the music in the former Portuguese colonies on fado. Especially the Brazilian song genre of modinha, originating in the mid-18th century, as well as the dances of fofa and lundum are considered possible sources of influence for fado.

The fado thus appears as a kind of Portuguese blues – as a lament with which the colonised and oppressed gave expression to their suffering from their hopeless situation. The will to shape suffering instead of simply enduring it without complaint can, however, also be seen as a first step towards resistance.

Therefore, it may well be that Portuguese sailors used the fado as a means of expression for their saudade, for their wavering between indeterminate longing for faraway places and nostalgic homesickness. However, from this perspective, they would have used the very music of those people who were oppressed and enslaved as a result of their seafaring.

The laments of the oppressed would thus paradoxically have been the basis for the expression of a wanderlust that gave rise to these very laments in the first place.

About José Luís Gordo and Maria da Fé

Born in 1947, José Luís Gordo spent a lot of time in the typical fado bars while studying economics in Lisbon. One of his very first fado poems was sung by Maria da Fé, whom he married in 1968. To date, he has written over 300 poems, many of which were also sung as fados by Maria da Fé. Together with his wife, Gordo runs a well-known fado restaurant in Lisbon.

Maria da Fé, born in 1942, has not only classical fado singing in her repertoire, but also more modern fado variations. On tours abroad, she has also made fado popular outside Portugal.

Bild: José Malhoa (1855 – 1933): Der Fado (1910)Museu de Lisboa (Wikimedia commons)

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