Wellenritt ins Ungewisse / Wave Ride into the Unknown

Über das Lied Capitão Romance (Kapitänsromanze)der portugiesischen Band Ornatos Violeta / About the Song Capitão Romance (Captain’s Romance) by the Portuguese Band Ornatos Violeta

English Version

Das Glück ist wie ein Schmetterling, der sich uns entzieht, sobald wir ihn zu fangen versuchen. Wenn wir es aber fangen könnten, wäre das Glück nicht mehr das, was es ist. – Über ein Lied der portugiesischen Band Ornatos Violeta.

Kapitänsromanze

Meine Sehnsucht sucht sich keine Ziele.
Nur reiten will sie auf den Wellenbergen,
ohne Träume, ohne Tränen,
ohne Wünsche, ohne Wehmut
und den Mütterblick des Hafens.

Ich reite auf den Frühling zu,
der tief in mir verborgen ist.
Alles, was ich wusste, möchte ich vergessen.
Alles, was ich konnte, möchte ich verlernen.
Ich will nur eins sein mit dem Meer.

Durch ewige Wellen werde ich reiten,
Wellen, die finster mich umfangen,
die stets aufs Neue krachend kentern
wie Menschen, die sich ihrem Ziel entziehen
vor dem Sturz in die ewige Tiefe.

Des Kerkers meines Lebens müde,
hab‘ ich dem Wellenspiel mich hingegeben.
Nun reis‘ ich als mein eig’ner Schatten –
und habe nichts von alledem berührt,
was du in mir berührt hast.

/ Ich habe es gesehen,
aber nicht danach gegriffen. /

Ich segle dem Wunder entgegen
und dem Schmerz, der darin wohnt.
Wenn mich die Wellenpferde
auf eine einsame Insel werfen,
werde ich dort nach dem Sinnschatz graben.

Die Sprache des Mutes möchte ich lernen,
des Mutes, auf mein Herz zu hören
und eines Tages aus der Trunkenheit
der Reise zu neuem Frieden zu erwachen
und noch einmal neu in See zu stechen.

/ Ich habe es gesehen,
aber nicht danach gegriffen. /

Ornatos Violeta mit Gordon Gano: Capitão Romance

aus: O Monstro Precisa de Amigos (Das Monster braucht Freunde; 1999)

Albumfassung: https://www.youtube.com/watch?v=rNNxqUHx8_w

Live (unplugged, 2012):

Falsche Ausfahrt auf der Autobahn des Lebens

Es ist ein Gefühl, das wir alle kennen: dieses Gefühl, auf der großen Autobahn des Lebens falsch abgebogen zu sein. Hätten wir nur eine andere Ausfahrt genommen – dann hätten wir das herrlichste Leben!

In dem Lied der portugiesischen Band Ornatos Violeta scheint sich dieses Gefühl auf eine verlorene Liebe zu beziehen; auf den fehlenden Mut, sich ganz auf einen anderen Menschen einzulassen. Die verpasste Ausfahrt hat dann vielleicht so ausgesehen: Ein anderer Mensch hat eine Saite in einem zum Klingen gebracht, die das ganze Leben in einem anderen Licht erscheinen ließ. Alles war auf einmal von Sinn erfüllt, alles hatte ein Ziel, allem wohnte eine nie gekannte Harmonie inne.

Um auf diesem Weg weiterzugehen, hätte man aber das bisherige Leben hinter sich lassen müssen. Unbedingte Liebe geht immer auch mit einer anderen Sicht auf die Welt einher. Gewissheiten, die bis dahin als unhinterfragbar galten, geraten auf einmal ins Wanken. Davor schrecken nicht wenige zurück.

Daneben kann sich das verlorene Glück aber auch auf andere Erfahrungsbereiche beziehen: eine Arbeit, die einen ganz ausgefüllt hat, oder auch einen Wohnort, an dem man sich ganz mit sich und der Welt im Einklang gefühlt hat. Das Entscheidende ist, dass das Glück unwiederbringlich verloren ist. Die Erkenntnis, dass die frühere Lebenssituation einem mehr Erfüllung gebracht hat als die aktuelle, kommt zu spät. Es gibt keinen Weg zurück.

Die Saudade: Sehnsucht nach dem Unerreichbaren

Bei alledem dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass wir uns mit dem Lied in Portugal befinden. Im Land der Saudade, jenem Gefühlskomplex aus Fernweh, Melancholie und unbestimmter Sehnsucht, der in der Musik so eng mit einem nationalen Kulturgut Portugals, dem Fado, verbunden ist.

Ein Charakteristikum der Saudade ist es, dass sie das vollkommene Glück immer in unerreichbaren Sphären verortet: in der Kindheit, in fernen Ländern oder einer idealisierten Vergangenheit. Die Saudade hängt damit auch eng mit der portugiesischen Geschichte zusammen, mit dem Fernweh einer Seefahrernation und dem Phantomschmerz eines verlorenen Weltreichs.

Es ist daher auch bezeichnend, dass der Schmerz in dem Lied durch einen Aufbruch ins Unbekannte geheilt werden soll, eine Schiffsfahrt ins Nirgendwo des unendlichen Meeres. Daneben zeugt dies allerdings auch von einem Gefühl des grundsätzlichen Unbehaustseins im Leben, einer existenziellen Fremdheit in der Welt.

„Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!“: Saudade und romantischer Weltschmerz

Dieses Gefühl ist nichts originär Portugiesisches, sondern etwas allgemein Menschliches. Seinen Ursprung hat es in der Erkenntnis, auf dieser Welt nur zu Gast zu sein und nicht – wie dies die Religionen lehren – in eine das eigene Leben überdauernde Form von überirdischem Sein eingebunden zu sein.

So berührt sich die portugiesische Saudade auch eng mit dem romantischen Weltschmerz, wie er sich im 19. Jahrhundert im Gefolge von Aufklärung und Säkularisierung ausgebreitet hatte. Denn auch dieser Weltschmerz beruht ja im Kern auf einem Gefühl wehmütiger Sehnsucht, die sich der grundsätzlichen Unerreichbarkeit ihres Ziels bewusst ist.

Seinen vielleicht bekanntesten Ausdruck hat dieses Gefühl in dem Gedicht Des Fremdlings Abendlied von Georg Philipp Schmidt von Lübeck gefunden. In der Liedfassung von Franz Schubert (mit dem Titel Der Wanderer) lautet der abschließende Vers: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!“

Über Ornatos Violeta und Gordon Gano

Die 1991 gegründete Gruppe Ornatos Violeta (Violette Ornamente) wurde mit zwei 1997 und 1999 erschienenen Alben zu einer Kult-Band in Portugal. Nach ihrer Auflösung im Jahr 2002 erfolgte 2012 eine kurzzeitige Reunion für einige Auftritte anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bandauflösung. 2018 kam es zu einer erneuten, dieses Mal dauerhaften Wiedervereinigung. Ein weiteres Album ist jedoch bislang nicht erschienen.

Neben und nach der Arbeit bei Ornatos Violeta haben die Bandmitglieder auch in anderen Musikprojekten mitgewirkt. Dies gilt insbesondere für Frontmann Manel Cruz, der die meisten Songtexte der Band geschrieben hat. Cruz hat neben der Arbeit an Soloprojekten mit den – teilweise von ihm mitgegründeten – Bands  Pluto, Foge Foge Bandido und SuperNada zusammengearbeitet.

Der 1963 geborene Gordon James Gano, der in der Studioaufnahme von Capitão Romance als Gastmusiker mitwirkt, ist vor allem als Mitbegründer der Folk-Punkband Violent Femmes aus Milwaukee/Wisconsin bekannt. Dem baptistischen Glauben nahestehend, hat er zudem eine Gospel-Punkband (The Mercy Seat) gegründet. Neben der Zusammenarbeit mit anderen Musikern ist er auch als Solo-Künstler in Erscheinung getreten.

Zu Des Fremdlings Abendlied / Der Wanderer

Das ursprünglich fünf Strophen umfassende Gedicht wurde zuerst 1808 veröffentlicht. Erste Vertonungen stammen von Carl Friedrich Zelter und Friedrich Kuhlau, wobei jeweils auch der Text partiell verändert wurde. 1813 überarbeitete der Dichter sein Werk und ergänzte es um drei Strophen.

Franz Schuberts Vertonung des Gedichts stammt aus dem Jahr 1816 und wurde 1821 veröffentlicht. Der Komponist stützte sich dabei auf eine weitere, erneut fünfstrophige Druckfassung und nahm abermals Veränderungen am Text vor. Aufgrund der Popularität des Liedes ist die darin benutzte Textfassung heute die bekannteste.

Die verschiedenen Fassungen von Gedicht- und Liedtext finden sich mit Angaben zur Entstehungs- und Editionsgeschichte sowie einer Liedfassung von Peter Schöne (Gesang) und Boris Cepeda (Klavier) in: Schöne, Peter: Der Wanderer – Dritte Fassung. D 489 – Opus 4 / 1; schubertlied.de.

English Version

Wave Ride into the Unknown

About the Song Capitão Romance (Captain’s Romance) by the Portuguese Band Ornatos Violeta

Happiness is like a butterfly that eludes us as soon as we try to catch it. But if we could catch it, happiness would no longer be what it is. – About a song by the Portuguese band Ornatos Violeta.

Captain’s Romance

My longing does not look for destinations.
It only wants to ride the crests of the waves,
without dreams, without tears,
without wishes, without melancholy
and the harbour’s motherly gaze.

I am riding towards the spring
hidden deep inside of me.
Everything I knew, I want to forget.
Everything I was capable of, I want to unlearn.
I only want to be at one with the sea.

Through eternal waves I will ride,
waves that gloomily embrace me,
that always capsize anew with a crash
like people who elude their goal
before falling into the eternal depths.

Tired of the dungeon of my life,
I have devoted myself to the dance of the waves,
sailing as a shadow of my former self –
and have touched none of the things
that you have touched in me.

/ I could see it,
but I didn’t reach for it. /

I am sailing towards the miracle
and the pain that dwells in it.
When the wave horses
cast me on a desert island,
I will dig there for the treasure of meaning.

I want to learn the language of courage,
the courage to listen to my heart
and to wake up one day from the drunkenness
of the voyage to a revived peace
and set sail once more into my life.

/ I could see it,
but I didn’t reach for it. /

Ornatos Violeta with Gordon Gano: Capitão Romance

from: O Monstro Precisa de Amigos (The Monster Needs Friends; 1999)

Album version:

Live (unplugged, 2012): https://www.youtube.com/watch?v=eBN-ruyacSs

Wrong Exit on the Highway of Life

It is a feeling we all know: that feeling of having taken a wrong turn on the great highway of life. If only we had taken a different exit, we would have the most wonderful life!

In the song by the Portuguese band Ornatos Violeta, this feeling seems to refer to a lost love; to the lack of courage to fully commit oneself to another person. The missed exit might then have looked like this: Another person had struck a chord in you that made your whole life appear in a different light. Everything was suddenly filled with meaning, everything had a goal, everything emanated an unprecedented harmony.

In order to continue on this path, though, it would have been necessary to leave the previous life behind. Unconditional love always entails a different view of the world. Certainties that were previously considered unquestionable are suddenly shaken. Quite a few people shy away from this.

However, the lost happiness can also refer to other areas of experience: a job that allowed for self-fulfilment, or a place of residence where a life in harmony with oneself and the world was possible. The crucial thing is that happiness is irretrievably lost. The insight that the previous life situation brought more satisfaction than the current one comes too late. There is no way back.

Saudade: Longing for the Unattainable

In all this, however, we must not forget that we are in Portugal with the song. In the land of saudade, that emotional complex of faraway yearning, melancholy and indefinite nostalgia that is so closely associated in music with one of Portugal’s most famous cultural treasures, the fado.

One characteristic of saudade is that it always locates complete happiness in unattainable spheres: in childhood, in distant lands or an idealised past. Saudade is thus also closely connected with Portuguese history, with the faraway yearning of a seafaring nation and the phantom pain of a lost world empire.

It is therefore telling that the pain in the song is supposed to be cured by a departure into the unknown, a voyage into the nowhere of the endless sea. In addition, however, this also testifies to a feeling of fundamental unhousedness in life and existential strangeness in the world.

„Where you are not, there is happiness!“ – Saudade and Romantic World-weariness

This feeling is not originally Portuguese, but something generally human. It has its origins in the awareness that we are only guests in this world and not – as promised by religion – integrated into a form of supernatural existence that outlasts our own lives.

Thus, the Portuguese saudade is also closely related to the romantic Weltschmerz (world-weariness) that spread in the 19th century in the wake of Enlightenment and secularisation – because this emotion, too, is essentially based on a wistful longing that is aware of the fundamental unattainability of its goal.

The best-known expression of this feeling is perhaps the poem Des Fremdlings Abendlied (The Stranger’s Evening Song) by Georg Philipp Schmidt von Lübeck. In the song version by Franz Schubert (entitled Der Wanderer), the concluding verse reads: „There, where you are not, there is happiness!“

About Ornatos Violeta and Gordon Gano

Formed in 1991, Ornatos Violeta (Violet Ornaments) became a cult band in Portugal with two albums released in 1997 and 1999. After disbanding in 2002, a short-term reunion took place in 2012 for a few performances to mark the tenth anniversary of the band’s break-up. In 2018, there was another reunion, this time permanent. However, another album has not yet been released.

Alongside and after their work with Ornatos Violeta, the band members have also been involved in other musical projects. This is especially true for frontman Manel Cruz, who has written most of the band’s lyrics. Apart from working on solo projects, Cruz has worked with the bands Pluto, Foge Foge Bandido and SuperNada, some of which he co-founded.

Gordon James Gano (born 1963), guest musician on the studio recording of Capitão Romance, is best known as the co-founder of the folk-punk band Violent Femmes from Milwaukee, Wisconsin. Moreover, as he is close to the Baptist faith, he has formed a gospel punk band (The Mercy Seat). In addition to collaborating with other musicians, he has also performed as a solo artist.

About The Stranger’s Evening Song / The Wanderer

The poem, originally comprising five stanzas, was first published in 1808. The first musical settings were by Carl Friedrich Zelter and Friedrich Kuhlau, with partial changes to the text in each case. In 1813, the poet revised his work and added three stanzas.

Franz Schubert’s setting of the poem dates from 1816 and was published in 1821. The composer based this on another printed version, again with only five stanzas, and made further changes to the text. Due to the popularity of the song, the version of the text used in it is the most familiar today.

The various versions of the poem and song text can be found with information on the genesis and publishing history as well as a song version by Peter Schöne (voice) and Boris Cepeda (piano) in: Schöne, Peter: Der Wanderer – Dritte Fassung (Third Version). D 489 – Opus 4 / 1; schubertlied.de.

An English translation of the poem with annotations is available on The LiederNet, here with reference to the first verse: Ich komme vom Gebirge her (I come down from the mountains).

Bilder /Images: Michael Zeno Diemer (1867 – 1939): Dreimaster auf hoher See / Three-master on the high seas (Wikimedia Commons); Thomas Moran ( 1837 – 1926): Sunset at Sea / Sonnenuntergang am Meer (ca. 1906); New York, Brooklyn Museum (Wikimedia Commons)

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