Der Ennui des Symbolisten / The Ennui of the Symbolist Artist

Zu Stéphane Mallarmés Gedicht Le Sonneur (Der Glöckner) / On Stéphane Mallarmé’s poem Le Sonneur (The Bell Ringer)

Als symbolistischer Künstler strebt Stéphane Mallarmé nach einer vollkommenen Dichtung jenseits des grauen Alltags. Das dichterisch beschworene Ideal vertieft dabei allerdings auch die Kluft zum Alltag und nährt so die Melancholie.

Der Glöckner

Derweil die Glocke ihre klare Stimme schwingt
in die reine, taugesättigte Luft des Morgens
und eine junge Mäherin, ihr zu Gefallen, singt
ein Angelus, das nach Lavendel und nach Thymian duftet,

vernimmt im fahlen Kerzenflackern
nur einen dumpfen Widerhall der Glöckner.
Lateinische Litaneien murmelnd, greift er
über den Stein, der das uralte Glockenseil spannt.

Dieser Mann bin ich. So viel ich auch in dunkler Nacht
das glockenhelle Ideal erklingen lasse –
dem finst’ren Herzen bleibt das Finstere doch treu,

die Glockenstimme klingt gebrochen ihm und hohl.
Doch eines Tages, müde vom vergeblichen Geläute,
wird das Seil, o Satan, schwerelos zu dir mich tragen.

Stéphane Mallarmé: Le Sonneur (Erstveröffentlichung 1862)

Für die Nachdichtung wurde auch eine frühere handschriftliche Fassung berücksichtigt; vgl. Mallarmé: Sämtliche Gedichte (1957), S. 310.Heidelberg 4. Aufl. 1984: Lambert Schneider.

Die Dichtung konstituiert bei Mallarmé eine eigene Welt. Sie ist hermetisch in dem Sinne, dass sie sich jeder Berührung mit dem flüchtigen Alltagsleben verweigert.
Dies gilt für die Dichtung, die sich einer raschen „Konsumierbarkeit“ entzieht, ebenso wie für den Dichter, dessen Wirken sich grundsätzlich abseits des Tagesgeschehens vollzieht. Seine Aufgabe ist es nicht, auf unmittelbare Veränderungen hinzuwirken. Vielmehr hat er mit seinem Werk dazu beizutragen, dass Dinge neu und anders gesehen und dadurch einem verändernden Handeln zugänglich werden.
Um diesem Ziel gerecht zu werden, darf die dichterische Sprache nicht mimetisch sein. Anstatt die Gegenstände des Alltags unmittelbar abzubilden, werden sie sprachlich verwandelt, um der Erfahrung unabhängig von den alltäglichen Deutungs- und Verweisungszusammenhängen zugänglich zu werden.
Mallarmé operiert dabei jenseits der Ebene der rationalen Wahrnehmung. Sein Ziel ist es, durch eine andeutend-beschwörende Wortwahl innere Seelenzustände so unmittelbar abzubilden und wachzurufen, wie es sonst nur in der Musik möglich ist. Die „träumerische“ Qualität eines Gedichts ergibt sich für Mallarmé somit gerade daraus, dass der „Gegenstand“, um den die Verse kreisen, „in der Schwebe“ gelassen wird. Eben dadurch werde er zu einem „Symbol“, das auf einen bestimmten „Seelenzustand“ verweise.
Der hierin zum Ausdruck kommende symbolistische Kern von Mallarmés Dichtungsverständnis lässt sich beispielhaft an seinem Gedicht Le Sonneur (Der Glöckner) veranschaulichen. Der Glöckner steht hier für den Künstler, der mit seiner Kunst zwar das „Ideal“ beschwören, ihm aber gleichwohl nicht nahe kommen kann. Die „reine“ Luft des Morgens bleibt außerhalb der Kirchenmauern, unerreichbar für ihn. Er, der anderen den Weg zum Himmel weist, fühlt deshalb in seinem Innern einen satanischen Ennui aufsteigen, der seine Seele verdüstert und sogar den Gedanken an den Freitod heraufbeschwört.
Das Gedicht evoziert damit den Seelenzustand von Menschen, die zwischen dem Streben nach dem Ideal eines vollkommenen, mit sich selbst versöhnten Daseins und ihrem Bewusstsein von der Unmöglichkeit, dieses Ideal zu erreichen, hin- und hergerissen sind.

Mallarmé-Zitate entnommen aus: Huret, Jules: Enquête sur l’évolution littéraire, S. 55 – 65 [Gespräch mit Mallarmé]. Paris 1891: Bibliothèque-Charpentier.

Mallarmé in seinem literarischen Salon / in his literary salon

English Version:

The Ennui of the Symbolist Artist

On Stéphane Mallarmé’s poem Le Sonneur (The Bell Ringer)

As a symbolist artist, Stéphane Mallarmé strives for perfect poetry beyond the grey everyday life. The poetically conjured ideal, however, makes the gap to everyday life even more palpable and thus feeds melancholy.

The Bell Ringer

While the bell lifts its clear voice
into the pure, dew-soaked morning air
and a mowing maiden joins in the peal of bells
with an Angelus that smells of lavender and thyme,

only a muffled echo resounds to the bell ringer
in the pale flickering candlelight.
Murmuring Latin litanies, he reaches
over the stone that stretches the age-old bell rope.

That man is me. No matter how much I make
resonate the bright ideal in the gloomy night –
the darkness still sticks to the gloomy heart,

the bell’s voice sounds broken and hollow to me.
But one day, tired of the futile ringing,
the rope, o Satan, will weightlessly carry me to you.

Stéphane Mallarmé: Le Sonneur (first published in 1862)

For the English adaptation of the poem, an earlier handwritten version was also taken into account; cf. Stéphane Mallarmé: Sämtliche Gedichte (Collected Poems, 1957), p. 310. Heidelberg 4th ed. 1984: Lambert Schneider.

For Mallarmé, poetry constitutes a world of its own. It is hermetic in the sense that it refuses any contact with the volatile everyday life.
This applies to a poetry that eludes rapid „consumability“ as well as to the poet, whose work takes place outside daily life. His task is not to bring about immediate change. Rather, he has to contribute with his work to a new and different way of perceiving things and thus make them accessible to a transformative action.
To achieve this goal, poetic language must not be mimetic. Instead of directly depicting the objects of everyday life, things are linguistically transformed in order to become accessible to experience independently of the everyday contexts to which they are normally attached.
To this end, Mallarmé operates beyond the level of rational perception. His aim is to evoke inner states of mind through a suggestive choice of words, in a way that is otherwise only possible in music. For Mallarmé, the „dreamlike“ quality of a poem thus results precisely from the fact that the „object“ around which the verses revolve is left „in abeyance“. According to him, this is precisely what makes it a „symbol“ that refers to a certain „state of mind“.
The symbolist core of Mallarmé’s poetics expressed here can be exemplified by his poem Le Sonneur (The Bell Ringer). Here, the bell ringer stands for the artist who, although his art conjures up the „ideal“, is nevertheless unable to come close to it. The „pure“ air of the morning remains outside the church walls, inaccessible to him. He, who shows others the way to heaven, therefore feels a satanic ennui rising within him, darkening his soul and even triggering thoughts of suicide.
The poem thus evokes the state of mind of people who are torn between striving for the ideal of a perfect existence reconciled with itself and their awareness of the impossibility of achieving this ideal.

Mallarmé quotations taken from: Huret, Jules: Enquête sur l’évolution littéraire, pp. 55 – 65 [Conversation with Mallarmé]. Paris 1891: Bibliothèque-Charpentier.

Bild:  Vincent van Gogh: Der alte Friedhofsturm von Nuenen in der Dämmerung (1884); private Sammlung (Wikimedia)

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