Neues aus der analogen Welt / News from the Analogue World

Neue Bücher auf LiteraturPlanet / New Books on LiteraturPlanet

Der zweite Teil von Ilka Hoffmanns Tagebuch eines Schattenlosen und Zacharias Mbizos literarische Miniaturen über die Ukrainische Apokalypse liegen nun auch in (analoger) Buchform vor. Dazu ein paar Überlegungen zu analogen und digitalen Texten und Textlektüren.

Zeitreisen und das Zerreißen der Zeit

Manchmal, den Blick in die unendlichen Weiten des Alls gerichtet, auf Sterne, deren Licht eine Gegenwart vortäuscht, die in Wahrheit seit Jahrmillionen vergangen ist, fallen für uns auf dem Literaturplaneten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Punkt zusammen.
Dann kann es vorkommen, dass unser Geist uns in eine ferne Zukunft entführt, in der niemand mehr seine Gedanken niederschreibt, sondern sie stattdessen unmittelbar in das Gehirn anderer überträgt.
Zuweilen geschieht es aber auch, dass der Blick in die unendlichen Weiten des Universums uns in eine scheinbar unendlich ferne Vergangenheit entführt. Dann finden wir uns vielleicht plötzlich in der Schreibstube eines Klosters wieder, an jener Wetterscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit, nach der die Welt auf einmal ein anderes Gesicht hatte.

Klösterliche Schreibstuben und die Erfindung des Buchdrucks

Einem Mönch bei seiner konzentrierten Kopierarbeit über die Schulter schauend, fragen wir uns bei solchen Gelegenheiten: Wie wird sich der Klosterbruder wohl gefühlt haben, als er von der Erfindung des Buchdrucks erfuhr?
Hatte der Gedanke, dass künftige Generationen von Mönchen der mühseligen Kopierarbeit enthoben sein würden, etwas Befreiendes für ihn? Lag darin die Verheißung einer neuen Zeit für ihn, in welcher der Geist frei wäre für andere, kreativere Formen der Betätigung?
Oder sah er seine Arbeit vielleicht gar nicht als unkreativ an? War das intensive Sich-Einlassen auf jede Wendung des zu kopierenden Textes eine Art Meditation für ihn? Eine Brücke zum tieferen Verständnis fremder Texte, die er durch entsprechende Randbemerkungen dokumentierte – und die er keinewegs missen wollte?
Verband er mit dem Buchdruck also eher den Gedanken eines kulturellen Verlusts? Einer geistigen Verarmung, die er in dem schnelleren, oberflächlicheren Konsumieren von Texten sah – mochte es sich dabei auch um eine quantitativ ungleich größere, ganze Bibliotheken umfassende Menge von Texten handeln?

Hyperlinks und Ohrensessel

Ein wenig könnte es dem Mönch also gegangen sein wie uns heute, wenn wir an die sukzessive Verdrängung des analogen Buchs durch Ebooks und andere Formen elektronischer Textpublikationen denken. Auch für uns bedeutet diese Entwicklung eine leichtere Zugänglichkeit einer größeren Anzahl von Texten. Gleichzeitig befürchten manche durch die neuen Formen der Textrezeption aber auch geistige Einbußen.
Jüngere Menschen können darüber nur den Kopf schütteln. Sie kennen es ja auch nicht anders, als dass alles jederzeit irgendwo in irgendeiner Form verfügbar ist. Sie sind es gewohnt, von einem Text zum anderen zu springen, immer der Fährte der Hyperlinks folgend, die einen unversehens in ganz neue geistige Kontinente entführen.
Andererseits ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die rasche Entdeckung geistigen Neulands mit dem Auszug aus dem Prunkpalast des einen geistigen Zusammenhangs bezahlt werden muss, wie ihn ein einzelnes Buch darstellt. Jedes Buch ist eine geistige Welt für sich – auch ein Ebook, selbstverständlich. Aber der Ausstieg in eine andere Welt ist bei einer elektronischen Publikation nun einmal leichter als bei dem analogen Buch, von dem wir uns in unserem Ohrensessel in seine Welt hinüberziehen lassen.

Die Technik und der kulturkritische Diskurs

Stimmt doch gar nicht, werden jetzt manche sagen – auch ein analoges Buch kann ich jederzeit weglegen, auch in diesem Fall ist der Übertritt in ganz andere Welten jederzeit möglich. Und überhaupt: Ist ein analoger Schmöker denn, rein geistig betrachtet, etwas anderes als das Surfen im Internet? Dient nicht das eine wie das andere der Zerstreuung?
Letzten Endes sind das alles wohl müßige Diskussionen. Die Technik bestimmt die Entwicklung, nicht der kulturkritische Diskurs. In absehbarer Zeit wird das analoge Buch wahrscheinlich nur noch zu Schmuck- und Präsentzwecken existieren, es wird etwas für Liebhaber sein, so wie heute die Vinylplatte in der Musik.
Trotzdem: Noch ist das analoge Buch nicht ganz aus der Mode gekommen. Noch gibt es Fans des guten alten Knister-Staub-Mediums. Das gibt auch allen anderen die Möglichkeit, für sich selbst auszuprobieren, was eigentlich am Lesen eines analogen Buchs anders ist als am Lesen eines Ebooks. Verändert das wirklich den geistigen Erfahrungsraum? Oder ist es nur ein geistig folgenloser Austausch eines Mediums?
So gibt es auch auf dem Literaturplaneten die Texte einstweilen in elektronischer und analoger Form. Auf diese Weise können alle literature lovers selbst entscheiden, welches Raumschiff sie besteigen wollen, um sich unserem Planeten zu nähern.

Neu in der analogen Welt:

Zacharias Mbizo: Die ukrainische Apokalypse. Literarische Miniaturen.
Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 2: Bei den Dunkelmännern.

Link:

Rother Baron: Das Geistesprodukt in der digitalen Welt. Chancen und Risiken. Überarbeitete Fassung November 2021.


Mystic Art Design: Bibliothek / Library (Pixabay)

English Version

News from the Analogue World

New Books on LiteraturPlanet

The second part of Ilka Hoffmann’s Diary of a Shadowless Man and Zacharias Mbizo’s literary miniatures on the Ukrainian Apocalypse are now also available as analogue books (in German). On this occasion, a few reflections on analogue and digital texts and their reception.

Time Travel and the Dissolving of Time

Sometimes, gazing into the infinite expanse of space, at stars whose light feigns a present that in truth has been gone for millions of years, past, present and future coincide in one point for us on Planet Literature.
Then it can happen that our minds whisk us away to a distant future in which no one writes down their thoughts anymore, but instead transmits them directly into the brains of others.
Sometimes, however, it also happens that the view into the infinite expanse of the universe takes us to a seemingly infinitely distant past. Then we might suddenly find ourselves in the scriptorium of a monastery, at that watershed between the Middle Ages and Modern Times after which the world suddenly had a different face.

Monastic Writing Rooms and the Invention of Letterpress Printing

Watching a monk doing his concentrated copying work, we ask ourselves on such occasions: How might the monk have felt when he heard about the invention of letterpress printing?
Was there something liberating for him in the thought that future generations of monks would be relieved of the laborious task of copying? Did he see in it the promise of a new age in which the mind would be free for other, more creative forms of activity?
Or did he perhaps not consider his work uncreative at all? Was the intensive engagement with every nuance of the text to be copied a kind of meditation for him? A bridge to a deeper understanding of the texts, which he documented with appropriate marginal notes – and which he did not want to miss in any way?
Did he associate printing with the idea of cultural loss? With an intellectual impoverishment, which he saw in the faster, more superficial consumption of texts – even if this involved an incomparably larger quantity of texts?

Hyperlinks and Wing Chairs

Thus, the monk might have felt a little like we do today when we think of the gradual replacement of the analogue book by ebooks and other forms of electronic publications. For us, too, this development means easier access to a greater number of texts. At the same time, however, some people fear intellectual losses as a result of the new forms of text reception.
Younger people can only shake their heads at this. After all, they don’t know it any differently than that everything is always available somewhere in some form. They are used to jumping from one text to another, always following the trail of hyperlinks that suddenly take you to completely new spiritual continents.
On the other hand, it cannot be completely denied that the rapid discovery of new spiritual realms must be paid for by leaving the palace of the one spiritual context that a single book represents. Every book is a spiritual world in itself – including ebooks, of course. However, it is easier to leave an electronic publication than an analogue book that draws us into its world in our wing chair.

Technology and Cultural Discourse

But that’s not true at all, some will say – I can also put aside an analogue book at any time, and in this case, too, it is possible to cross over into completely different worlds at any time. And anyway, from a purely intellectual point of view, is reading a dime novel any different from surfing the internet? Doesn’t both serve the same purpose of distraction?
Ultimately, these are all futile discussions. Technology is the domininant force, not cultural-critical discourse. In the near future, the analogue book will probably only exist for decorative and presentational purposes, it will be something for connoisseurs, just like the vinyl record in music today.
Nevertheless, for the time being, the analogue book is not yet completely out of fashion. There are still fans of the good old crackling, dusty medium. This also gives everyone else the opportunity to try out for themselves what is actually different about reading an analogue book than about reading an ebook. Does it really change the way of mental experience? Or is it just a spiritually inconsequential exchange of a medium?
So until further notice, German texts are available on Planet Literature in analogue as well as in electronic form. In this way, at least all German speaking literature lovers can decide for themselves which spaceship they want to board in order to approach our planet. Our English-speaking friends, however, we have to refer to the electronic world for cost reasons.

Books(German)

Zacharias Mbizo: Die ukrainische Apokalypse. Literarische Miniaturen.
Tagebuch eines Schattenlosen, Teil 2: Bei den Dunkelmännern.

Link

Rother Baron: Das Geistesprodukt in der digitalen Welt. Chancen und Risiken. Überarbeitete Fassung November 2021. (Rother Baron: The Brainchild in the Digital World. Chances and Risks. Revised version November 2021; German.)

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