Die dunklen Flügel des Wahnsinns / The Gloomy Wings of Madness

Anna Achmatowas Gedichte gegen den Terror, Teil 2 / Anna Akhmatova’s Poems against Terror, Part 2

In der Zeit der stalinschen Säuberungen sah sich auch Anna Achmatowa Repressionen ausgesetzt. Besonders die schwierigen Haftbedingungen ihres Sohnes trieben die Dichterin an den Rand des Wahnsinns.

English Version

Mit seinen schwarzen Flügeln schon beschattet
der Wahnsinn meiner Seele Land.
Mit Wein aus purem Feuer tränkt er mich
und lockt mich in sein finst’res Tal.

Ich weiß, er wird der Sieger sein,
die Festung meines Geistes ist zu schwach.
Schon scheint mein eig’nes Sinnen mir
wie das Geflatter eines fremden Wahns.

Vergebens ist mein Kinderflehen
und mein inbrünstiges Beten.
Ich weiß, er lässt sich nicht erweichen:
Er wird mich in sein Reich entführen.

Nur Nahrung für sein Feuer sind
der Tag, an dem der Sturm uns packte,
die Augen meines Sohnes, alptraumschwer,
frierende Worte im Gefängnishof.

Noch spüre ich das Zittern seiner Hand
in meiner, wie eine blasse Rabenfeder,
und widerhallend fernes Trostgeflüster
im flackernden Schatten der Linde.

Anna Achmatowa: Gedicht Nr. IX (1940); aus dem Zyklus Реквием (Requiem; 1934 – 1963)

Eine verfemte Dichterin

Nach der Oktoberrevolution geriet Anna Achmatowa, bis dahin eine anerkannte Dichterin, rasch ins Abseits. Ihre Dichtung passte nicht zu der von der von den neuen Machthabern ausgerufenen „proletarskaja kultura“. Nachdem ihr erster Mann, Nikolai Gumiljow, als vermeintlicher Konterrevolutionär erschossen worden war, sah zudem auch sie selbst sich zunehmenden Drangsalierungen durch die Behörden ausgesetzt.
Dabei hätte Achmatowas Leben nach der bolschewistischen Revolution auch in ruhigeren Bahnen verlaufen können. Nach der Trennung von Gumiljow im Jahr 1918 bot ihr der Kunsthandwerker Boris Anrep an, mit ihr ins westliche Ausland zu emigrieren. Sie lehnte das aber ab, weil sie nicht dauerhaft außerhalb der Heimat leben wollte.

Leben in schwierigen Verhältnissen

Stattdessen tat sie sich mit einem Literaturkritiker zusammen, der kurz darauf an Tuberkulose starb. Auch ihre vierjährige Ehe mit dem Assyrologen Wladimir Schilejko, der ihrer Dichtung kritisch bis feindselig gegenüberstand, verlief ausgesprochen unglücklich.
Die Ehe mit dem Kunsthistoriker Nikolaj Punin, den Achmatowa 1925 heiratete, scheint privat glücklicher gewesen zu sein. Die Verhältnisse, unter denen sie mit ihm lebte, waren jedoch ausgesprochen schwierig.
Als Intellektuelle im neuen Staat marginalisiert, konnten sie sich keine eigene Wohnung leisten und mussten stattdessen in einer Kommunalka mit Punins Ex-Frau zusammenleben. Es fehlte am Nötigsten, selbst das Essen war knapp, so dass Achmatowa diese Zeit später in bitterer Ironie als ihre „vegetarischen Jahre“ bezeichnete.

Verfolgung zur Zeit der stalinschen Säuberungen

Am meisten machten Achmatowa allerdings die Verfolgungen zu schaffen, denen ihr Ehemann und ihr Sohn seit den 1930er Jahren ausgesetzt waren. Wie in der Zeit der stalinschen Säuberungen üblich, ging es dabei nicht um konkrete staatsfeindliche Aktivitäten. Es reichte vielmehr – wie im Falle von Achmatowas Sohn Lew – von einem Vater abzustammen, der wegen vermeintlicher antibolschewistischer Aktivitäten erschossen worden war.
Nachdem Lew zunächst der Zugang zum Studium verwehrt worden war, wurde er schließlich inhaftiert und sogar zum Tode verurteilt. Anders als ihr Mann, der 1953 in einem Arbeitslager verstarb, entging Achmatows Sohn zwar dem Tod. Seine Mutter musste aber ständig darauf gefasst sein, dass das Todesurteil vollstreckt wurde.

Verzweifeltes Ringen um das Leben des Sohnes

Abgesehen von dieser emotionalen Ausnahmesituation war jedoch auch der physische Kampf um das Leben ihres Sohnes eine ungeheure Herausforderung für Achmatowa. Angehörige von Inhaftierten mussten stundenlang Schlange stehen, ehe sie eventuell zu diesen vorgelassen wurden, ihnen etwas zu essen oder warme Kleidung bringen durften.
Hinzu kam, dass Achmatowa selbst dafür die Mittel fehlten. Was sie ihrem Sohn brachte, musste sie sich buchstäblich vom Munde absparen und bei Bekannten zusammenbetteln.
Von der Verzweiflung, welche die Dichterin in dieser ausweglosen Lage oft erfasst haben muss, erzählt auch das diesem Beitrag vorangestellte Gedicht. Es ist Teil eines Zyklus mit dem Titel Requiem, in dem Achmatowa ihre Erlebnisse in der Zeit des stalinschen Terrors verarbeitet.

Alle Beiträge zu Achmatowa in einer PDF: Anna Achmatowa und die russische Seele

English Version

The Gloomy Wings of Madness

During the time of the Stalinist Purges, Anna Akhmatova was, like many others, subjected to repression. Especially the difficult prison conditions of her son drove the poet to the edge of madness.

The Fiend of Madness with his gloomy wings
already shadows my soul’s land.
He pours burning wine into my veins
and lures me into his dark valley.

I know he will be the victor,
the fortress of my mind is too weak.
My own musing already seems to me
like the fluttering of a foreign frenzy.

In vain are my child-like imploring
and my fervent prayers.
I know there’s no way to appease him:
He will carry me off to his realm.

Only food for his fire are
the day the tempest seized us,
my son’s eyes, nightmarishly dark,
frozen words in the prison yard.

Still I can feel the trembling of his hand
in mine, like a faded raven’s feather,
and the echoing whisper of comfort
in the flickering shade of the lime tree.

Anna Ackmatova: Poem no. IX (1940); from the cycle Реквием (Requiem; 1934 – 1963); English adaptation

An Ostracised Poet

After the October Revolution, Anna Akhmatova, until then a renowned poet, was quickly marginalised. Her poetry did not fit in with the „proletarskaya kultura“ proclaimed by the new rulers. After her first husband, Nikolai Gumilyov, was shot as an alleged counter-revolutionary, she herself was subjected to increasing harassment by the authorities.
Akhmatova’s life after the Bolshevik Revolution could have been more tranquil, though. After her divorce from Gumilyov in 1918, the artisan Boris Anrep offered her the opportunity to emigrate with her to a Western country. She refused, however, because she did not want to live permanently outside her homeland.

Living in Difficult Circumstances

Instead, she began a relationship with a literary critic who died of tuberculosis shortly afterwards. Her four-year marriage to the assyrologist Vladimir Shileyko, who was critical or even hostile towards her poetry, was also decidedly unhappy.
Her marriage to the art historian Nikolai Punin, with whom Akhmatova entered into wedlock in 1925, seems to have been privately happier. However, the circumstances in which the couple lived were decidedly difficult.
Marginalised as intellectuals in the new state, they could not afford their own flat and instead had to live in a Kommunalka with Punin’s ex-wife. They lacked the most basic necessities, even food was scarce, so that Akhmatova later referred to this period as her „vegetarian years“ in bitter irony.

Persecution at the Time of the Stalinist Purges

What bothered Akhmatova the most, however, was the persecution to which her husband and son had been subjected since the 1930s. In keeping with the usual practice during the Stalinist Purges, this was not a matter of specific anti-state activities. As in the case of Akhmatova’s son Lev, it was enough to be the descendant of a father who had been shot for alleged anti-Bolshevik activities.
After being denied access to study, Lev was eventually imprisoned and even sentenced to death. Unlike her husband, who died in a labour camp in 1953, Akhmatov’s son did escape death. But his mother had to be constantly prepared for the death sentence to be carried out.

Desperate Struggle for the Life of Her Son

Apart from this exceptional emotional situation, the mere physical fight for her son’s life was a tremendous challenge for Akhmatova. Relatives of detainees had to queue for hours before they were allowed to see them and bring them food or warm clothes.
On top of that, Akhmatova herself lacked the means for this. She had to go hungry herself and beg from acquaintances to keep her son from starving.
The poem reproduced above tells of the despair that apparently often gripped the poet in this hopeless situation. It is part of a cycle entitled Requiem, in which Akhmatova deals with her experiences during the time of the Stalinist terror.

All Posts about Anna Akhmatova in one PDF: Anna Akhmatova and the Russian Soul

Bilder / Images: Olga Della-Wos-Kardowskaja (1875 – 1952): Porträt von Anna Achmatowa (1914); Moskau, Tretjakow-Galerie; Wikimedia commons / Olga Della-Vos-Kardovskaya (1875 – 1952): Portrait of Anna Akhmatova (1914); Moscow, Tretyakov Gallery (Wikimedia Commons); Ausschnitt aus einem Foto, das Anna Achmatowa zusammen mit der Schauspielerin Olga Glebowa-Sudejkina zeigt; vor 1917 (Wikimedia commons) / Detail from a photo showing Anna Akhmatova together with the actress Olga Glebova-Sudejkina; before 1917 (Wikimedia commons)

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