Nachts wühlt die Angst in meinen Sachen / At night, fear rummages through my belongings

Anna Achmatowas Gedichte gegen den Terror, Teil 1 / Anna Akhmatova’s Poems against Terror, Part 1

Anna Achmatowa, vor der Oktoberrevolution eine anerkannte Dichterin, wurde im bolschewistischen Staat zur verfemten Außenseiterin. Dies spiegelt sich auch in ihren Gedichten wider. Auftakt zu einer dreiteiligen Reihe über die Dichterin. 

Anna Akhmatova, a renowned poet before the October Revolution, became an ostracised outsider in the Bolshevik state. This is also reflected in her poems. Opening of a three-part series on the poet. 

English Version

Nachts wühlt die Angst in meinen Sachen,

Nachts wühlt die Angst in meinen Sachen,
ein Beil blitzt auf im Schein des Mondes.
Hinter der Wand ein unheilvolles Rascheln:
Ratten? Ein Gespenst? Ein Dieb?

Im Küchendunst ein Zahlenspiel
aus tropfendem Wasser und knarrenden Dielen.
Vor dem Fenster ein heimliches Huschen,
aufblitzend schwarzes Bartgeflecht.

Streichholzreste, Kerzenstummel –
Gespenster lassen sich nicht fangen.
Dann schon lieber Mündungsfeuer,
die kalte Hand der Waffe auf der Brust!

Lieber auf dem großen Platz, umjubelt
und beweint, offen das Schafott besteigen
und den Durst der Erde stillen
stolzen Blicks mit meinem Blut.

Aus meinen angstgetränkten Laken
weht Pesthauch lähmend um mein Haupt.
Stumm fleht das Kreuz auf meiner Brust:
Herr, atme Frieden in mein Herz!

Anna Achmatowa: Gedicht Nr. 25 (1921); aus dem Band Anno Domini MCMXXI (1922)

Behütete Kindheit und Jugend

Verheißungsvolle Anfänge als Dichterin

Die Zäsur der Oktoberrevolution

Von der gefeierten Dichterin zur Staatsfeindin

Behütete Kindheit und Jugend

Als Anna Achmatowa 1889 – als Anna Gorenko – in einem Dorf bei Odessa geboren wurde, schien ihr ein Leben in behüteten und geordneten Bahnen vorgezeichnet zu sein. Beide Elternteile stammten aus privilegierten Verhältnissen: Ihr Vater, ein Ukrainer aus einem kosakischen Adelsgeschlecht, diente als Ingenieur bei der Marine. Bei ihrer Mutter handelte es sich um eine russische Adlige mit familiären Verbindungen nach Kiew.
In der Tat nahm Achmatowas Leben auch zunächst jenen Verlauf, der für ein Mädchen aus ihren Kreisen zu erwarten war. Nach dem Umzug der Familie nach Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg im Jahr 1890 besuchte sie dort das Gymnasium. Im Sommer zog sich die Familie auf einer Datscha bei Sewastopol auf der Krim zurück.

Nachdem sich die Eltern 1905 getrennt hatten, zog Achmatowa mit der Mutter und den Geschwistern vorübergehend ganz auf die Krim. Kurz darauf beendete sie in Kiew ihre Schulzeit und begann dort anschließend Rechtswissenschaften zu studieren – in einem für Frauen abgespeckten Studiengang. 1910 heiratete sie den Dichter Nikolai Gumiljow und reiste mit ihm durch Europa. Zwei Jahre darauf bekam das Paar einen Sohn – Lew blieb Achmatowas einziges Kind.
Auch in der Dichtung feierte Achmatowa rasch Erfolge. Zwar misstraute ihr Vater ihrem künstlerischen Talent, weshalb sie ihre Gedichte nicht unter ihrem Familiennamen, sondern unter dem ihres bulgarischen Urgroßvaters veröffentlichte. Die literarische Welt nahm ihre Gedichte jedoch mit großem Wohlwollen auf. Ihre ersten beiden, 1912 und 1914 erschienenen Gedichtbände stießen auf breite Anerkennung.

Verheißungsvolle Anfänge als Dichterin

Auch in Künstlerkreisen konnte Achmatowa sich rasch etablieren. Zusammen mit ihrem Ehemann, Ossip Mandelstam und anderen bildete sie den Цех поэтов (Tsech Poetow), eine „Dichterwerkstatt“, die sich einem dem Alltag zugewandten, im Vergleich zu anderer Lyrik der Zeit gegenständlicheren Stil verschrieb.
In der russischen Literaturgeschichte wird die entsprechende Poesie als „akmeistisch“ bezeichnet. Die griechische Wurzel des Wortes (akme: Höhepunkt, Gipfel) verweist zugleich auf die besondere Wertschätzung für diese Lyrik und für die Epoche insgesamt, in der sie entstand. Dem trägt auch die Etikettierung der Zeit von 1890 bis 1930 als „Silbernes Zeitalter“ Rechnung – in Abgrenzung zum von Dichtern wie Puschkin, Lermontow und Gogol geprägten Goldenen Zeitalter, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verortet wird.
Der Akmeismus wandte sich gegen die vorherrschende, symbolistisch-hermetische Stilrichtung, ohne allerdings in eine ideologisch-feindselige Konkurrenz zu dieser zu treten. So war einer der wichtigsten Vertreter des russischen Symbolismus, Alexander Blok, ein enger Freund von Achmatowa.

Die Zäsur der Oktoberrevolution

Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg waren demnach insgesamt eine glückliche Zeit für Achmatowa. Der Krieg aber veränderte ihr Leben von Grund auf – und zwar nicht nur durch die Kriegsereignisse selbst, sondern auch und vor allem als Folge der Machtübernahme durch die Bolschewisten, in die er mündete.
In der „proletarskaja kultura“ (kurz „Proletkult“), die die neuen Machthaber ausriefen, hatten Gedichte wie die von Achmatowa keinen Platz mehr. Schon als Mitglied der verachteten Bourgeoisie war sie verdächtig. Mit ihren auf das persönliche Empfinden konzentrierten Gedichten galt sie jedoch darüber hinaus auch im kulturideologischen Sinn als Volksfeindin, deren Schaffen quer zu der angestrebten Feier des neuen sozialistischen Alltags stand.

Von der gefeierten Dichterin zur Staatsfeindin

So begann für Achmatowa eine lange Leidenszeit, die letztlich bis zu ihrem Tod im Jahr 1966 andauerte. Ihre Gedichte wurden verboten, auch die Verbreitung per Samisdat – also durch Vervielfältigung unter der Hand – war gefährlich. Dies galt erst recht angesichts der zunehmenden Aggressivität der sowjetischen Kulturpolitik unter Stalin. Manche ihrer Gedichte konnten daher nur dadurch überleben, dass Bekannte sie auswendig lernten und mündlich an andere weitergaben.

Hinzu kam, dass Achmatowas Mann, von dem sie sich 1918 hatte scheiden lassen, der Verwicklung in konterrevolutionäre Aktivitäten verdächtigt und 1921 erschossen wurde. Daraufhin gerieten auch die Dichterin selbst und ihr Sohn ins Visier der Behörden und wurden auf Schritt und Tritt überwacht. Das Gefühl der Bedrohung, das hieraus erwuchs, hat Achmatowa in dem oben wiedergegebenen Gedicht verarbeitet.

English Version

At night, fear rummages through my belongings

Anna Akhmatova’s Poems against Terror, Part 1

At night, fear rummages through my belongings,
a hatchet flashes in the moonlight.
Behind the wall, an ominous rustling:
Rats? A ghost? A thief?

In the kitchen haze a numbers game
of creaking planks and dripping water.
Outside the window a stealthy scurry,
a black beard flashing past the window.

Match fragments, candle stubs –
you will never catch a ghost.
I’d rather choose muzzle flashes,
the cold hand of the gun on my chest!

I’d rather mount the scaffold openly
on the great square, cheered and bewailed,
and quench the thirst of the earth
proudly with my blood.

From my fear-soaked sheets a paralysing breath
of pestilence blows to my head.
Silently the cross beseeches on my breast:
Lord, breathe peace into my heart!

Anna Akhmatova: poem no. 25 (1921); from: Anno Domini MCMXXI (1922); English adaptation

Sheltered Childhood and Youth

Promising Beginning as a Poet

The Turning Point of the October Revolution

First a Celebrated Poet, Then an Enemy of the State

Sheltered Childhood and Youth

When in 1889 Anna Akhmatova – as Anna Gorenko – was born in a village near Odessa, she seemed to be destined for a life in sheltered and orderly ways. Both her parents came from privileged backgrounds: Her father, a Ukrainian from a Cossack noble family, served as an engineer in the navy. Her mother was a Russian noblewoman with family connections to Kiev.
Indeed, Akhmatova’s life initially took the course that was to be expected for a girl from her social milieu. After the family moved to Tsarskoye Selo near Saint Petersburg in 1890, she received there her secondary education. In the summer, the family used to retreat to a dacha near Sevastopol in the Crimea.

After her parents separated in 1905, Akhmatova moved completely to the Crimea with her mother and siblings for a time. Shortly afterwards, she finished her school education in Kiev and then began to study law there – in a reduced programme for women. In 1910 she married the poet Nikolai Gumilyov and travelled with him through Europe. Two years later, a son was born to the couple – Lev remained Akhmatova’s only child.
Akhmatova also quickly became successful with her poetry. Her father, though, distrusted her artistic talent, which is why she published her poems not under her family name, but under that of her Bulgarian great-grandfather. By contrast, the literary world received her poems with great favour. Her first two volumes of poetry, published in 1912 and 1914, met with broad recognition.

Promising Beginning as a Poet

Soon Akhmatova established herself in artistic circles. Together with her husband, Osip Mandelstam and others, she formed the Цех поэтов (Tsech Poetow), a poetry workshop dedicated to a style that was more representational than other poetry of the time and more oriented towards everyday life.
In Russian literary history, the poetry in question is called „acmeist“. The Greek root of the word (akme: climax, peak, maturity) points to the special appreciation for this poetry and for the epoch as a whole in which it was written. This is also reflected in the labelling of the period from 1890 to 1930 as the „Silver Age“ – in distinction to the Golden Age, characterised by poets such as Pushkin, Lermontov and Gogol, which is located in the first half of the 19th century.
Acmeism turned against the prevailing, symbolist-hermetic style, although without entering into ideologically hostile competition with it. Thus, one of the most important representatives of Russian Symbolism, Alexander Blok, was a close friend of Akhmatova.

The Turning Point of the October Revolution

The years until the First World War were all in all a happy time for Akhmatova. The war, however, changed her life fundamentally – not only through the events of the war itself, but also and above all as a result of the Bolsheviks‘ subsequent seizure of power.
Poems like Akhmatova’s no longer had a place in the „proletarskaya kultura“ („Proletkult“ for short) proclaimed by the new regime. Already as a member of the despised bourgeoisie, she was generally suspicious. But with her poems, in which personal feelings played a major role, she was also considered an enemy of the people in the cultural ideological sense, an author whose work ran counter to the desired celebration of the new socialist everyday life.

First a Celebrated Poet, Then an Enemy of the State

This was the beginning of a long period of suffering for Akhmatova, which ultimately lasted until her death in 1966. Her poems were banned, and distribution by samizdat – i.e. by copying them secretely, without official permission – was also dangerous.
This was all the more true in view of the increasing aggressiveness of Soviet cultural policy under Stalin. Some of Akhmatova’s poems only survived because friends learned them by heart and passed them on orally to others.

In addition, Akhmatova’s husband, from whom she had divorced in 1918, was suspected of counter-revolutionary activities and was shot in 1921. As a result, the poet herself and her son also came into the sights of the authorities and were observed at every turn. The feeling of threat that arose from this was expressed by Akhmatova in the poem reproduced above.

Bilder /Images: Kuuma Petrov-Vodkin (1878 – 1939): Anna Achmatowa (1922); St. Petersburg, Russisches Museum; Anna Achmatowa (1904); : von Eugène Lanceray gestaltetes Cover von Achmatowas erstem Gedichtband (Wjetscher/Abend), 1912;  Anna Achmatowa mit ihrem ersten Mann, Nikolai Gumiljow, und ihrem Sohn Lew (1915); Foto von L. Gorodetski (alle Bilder von Wikimedia commons) / Kuuma Petrov-vodkin (1878 – 1939): Anna Akhmatowa (1922); St. Petersburg, Russian Museum; Anna Akhmatova (1904); : Cover of Akhmatova’s first book of poems (Vyecher/Evening), designed by Eugène Lanceray (1912);Anna Akhmatova with her first husband, Nikolai Gumilyov, and her son Lev, 1915; photo by  L. Gorodetsky (all pictures from Wikimedia Commons)

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