Die unbotmäßige Stimme / The Insubordinate Voice

Hat ein Psychopath ein Gewissen? Und wie reagiert er, wenn es sich regt?

Does a psychopath have a conscience? And how does he react when it stirs?

Mitten in der Nacht klopft es an deiner Schlafzimmertür. Wie ist das möglich, denkst du, seit wann darf denn der Zar nachts aus dem Bett geholt werden?
Verärgert drehst du dich auf die andere Seite, fest entschlossen, das Klopfen zu ignorieren. Aber es hört einfach nicht auf. Na gut, sagst du dir, das muss wohl doch etwas Wichtiges sein. Vielleicht brennt ja der Palast.
Schlaftrunken torkelst du zur Tür. Du öffnest sie – und erblickst eine wahrhaft lächerliche Gestalt. Sie trägt eine bodenlange, dunkelrote Robe, das Gesicht ist vollständig von einem Schleier verdeckt, den Kopf ziert eine altmodische Kapuze, ähnlich den Kardinalshüten. In der Hand hält die Gestalt einen Holzstab mit je einer Kugel an beiden Enden.
„Was soll denn das?“ schimpfst du los. „Darf man hier noch nicht einmal mehr in Ruhe …“
Aber die Gestalt lässt dich nicht ausreden. Ohne auf deine Worte zu achten, verkündet sie: „Wladimir Wladimirowitsch, ich klage dich des Mordes und des versuchten Mordes an deinen Brüdern und Schwestern an!“
„Wie bitte?“ entrüstest du dich. „Soll das ein Scherz sein? Was erlauben Sie sich eigentlich, mich mitten in der Nacht …?“
Aber da hat sich die Gestalt auch schon in Luft aufgelöst. Du trittst vor die Tür, schaust nach links, schaust nach rechts – aber es ist nichts zu sehen.
Seltsam, denkst du, da will dir wohl irgendjemand einen üblen Streich spielen. Aber wer? Die Morde an deinen Brüdern und Schwestern hast du doch extra in den Keller verlegt! In deinem eigenen Palast kann folglich niemand etwas davon mitbekommen haben. Verdankst du den Schabernack also einem der Nachbarpaläste? Aber was geht die an, was du in deinem Keller treibst?
Entrüstet legst du dich wieder schlafen. Dein Herz schlägt noch eine Zeitlang die Wuttrommel, aber dann setzt du doch wieder ins Reich der Träume über. Der Tag war anstrengend, du bist einfach zu müde, um dich lange mit solchen Nebensächlichkeiten aufzuhalten.
Kaum bist du jedoch fest eingeschlafen, da klopft es schon wieder an deiner Tür. Das darf doch nicht wahr sein, denkst du, jetzt reicht’s aber!
Du beschließt, das Problem auf deine Art zu lösen. Entschlossen greifst du nach dem Gewehr, das immer griffbereit neben deinem Bett liegt.
Als du die Tür aufreißt, steht dort tatsächlich wieder die Spottgestalt mit der roten Robe. „Wladimir Wladimirowitsch“, beginnt sie erneut, „ich klage dich des Mordes …“
Dieses Mal hörst du dir den Redeschwall nicht bis zu Ende an. Stattdessen antwortest du mit einer Salve aus deinem Automatikgewehr, die eine ganze Armee von Spottgestalten dahingerafft hätte.
So, knurrst du grimmig, jetzt ist Ruhe – obwohl du dich wunderst, dass die seltsame Gestalt sich schon wieder in Luft aufgelöst zu haben scheint. Aber dieses Mal hast du ja auch die Tür gleich wieder zugeschlagen – vielleicht hast du einfach nicht gesehen, wie sie in sich zusammengesackt ist.
Endlich schlafen, denkst du, als du dich genüsslich unter deiner Bärenfelldecke einrollst. Nicht lange, und der Schlummer schließt dich wieder in seine Arme. Gewehrsalven hatten auf dich schon immer eine ausgesprochen beruhigende Wirkung, fast wie ein Wiegenlied aus Kindertagen.
Leider ist es aber auch dieses Mal nicht anders als zuvor: Sobald du im Traum in den herrlichen Weiten deines neuen Großreichs lustwandelst, reißt dich erneut das Klopfen aus dem Schlaf.
Du ziehst dir die Decke über den Kopf, du hältst dir die Ohren zu – aber es hilft alles nichts. Dieses Mal ist der feierliche Singsang der Stimme sogar schon zu hören, bevor du dich von deinem Bett erhebst: „Wladimir Wladimirowitsch“, beginnt sie erneut, „ich klage dich des Mordes und des versuchten Mordes an deinen Brüdern und Schwestern an!“
Wütend springst du aus dem Bett, hastest mit deinem Gewehr zur Tür, reißt sie auf – aber da ist niemand. Dennoch hörst du weiter die Stimme: „Wladimir Wladimirowitsch, ich klage dich an, Mord und versuchter Mord, ich klage dich an, Wladimir Wladimirowitsch, du entgehst mir nicht, ich klage dich an …“
Panik ergreift dich. Du rückst einen Schrank vor die Tür, stopfst dir Stöpsel in die Ohren, ziehst dir die Decke noch fester über den Kopf – vergeblich! Die Stimme ist überall, sie durchdringt jedes Material, sie hallt von überallher wider. Es ist, als würde sie mit deinem Blut in dir pulsieren.
Gut, denkst du dir, dann eben kein Schlaf – ich habe ohnehin noch viel zu viel zu tun.
Missmutig steigst du hinab in den Keller. Ein paar Brüder und Schwestern sind noch übrig, an ihnen willst du deine Wut abreagieren. Vielleicht kannst du ja mit ihren Schreien diese nervtötende Stimme übertönen.

François Chifflart (1825-1901): La Conscience (d’après Victor Hugo) / Das Gewissen / The Conscience; 1877
Quelle http://poetes.com/hugo/conscience.htm

The Insubordinate Voice

In the middle of the night someone knocks on your bedroom door. How is that possible, you think, since when is it allowed to get the Tsar out of bed at night?
Annoyed, you roll over to the other side, determined to ignore the knock. But it just won’t stop. All right, you say to yourself, it’s probably something important after all. Maybe the palace is on fire.
Drowsy, you stagger to the door. You open it – and look at a truly ridiculous figure. It wears a floor-length, dark red robe, the face is completely covered by a veil, the head is adorned with an old-fashioned hood, similar to the cardinals‘ hats. In the right hand of the figure a wooden staff with a golden ball at each end is hovering.
„What the hell are you doing here?“ you start grumbling. „Don’t you know that …“
But the figure doesn’t let you finish. Without paying attention to your words, it announces: „Vladimir Vladimirovich, I charge you with the murder and attempted murder of your brothers and sisters!“
„Excuse me?“ you ask indignantly. „Is this some kind of joke? How dare you disturb me in the middle of the night for just …?“
But by then the figure has already vanished into thin air. You step out into the corridor, look to the left, look to the right – but there is nothing to be seen.
Strange, you think, someone must be playing a dirty trick on you. But who? After all, you deliberately transferred the murders of your brothers and sisters to the cellar! So no one in your own palace can have noticed anything about it. Does that mean that you owe the prank to one of the neighbouring palaces? But why should they care what you’re doing in your cellar? That’s none of their business at all!
Outraged, you go back to sleep. Your heart still beats the drum of rage for a while, but then you finally drift back into the realm of dreams. The day was exhausting, you are simply too tired to dwell on such trivialities.
But no sooner are you fast asleep than there’s another knock at your door. That’s enough, you think, that’s true lèse-majesté now!
So you decide to solve the problem in your own way. Determined, you pick up the rifle that is always within reach next to your bed.
As you pull open the door, the ridiculous figure in the red robe is indeed standing there again. „Vladimir Vladimirovich,“ it begins once more, „I charge you with the murder …“
This time you don’t wait for the torrent of words to end. Instead, you answer with a volley from your automatic rifle that would have taken down a whole army of ridiculous figures.
Well done, you growl grimly, now it’s quiet at last. True, you are surprised that the strange figure seems to have vanished into thin air again. But this time you slammed the door shut again immediately – maybe you just didn’t see it fall down.
Time to sleep at last, you think, curling up with relish under your bearskin blanket. It is not long before slumber embraces you again. Gun salvos have always had an extremely calming effect on you, almost like a lullaby from childhood.
But unfortunately, this time it’s no different than before: as soon as your dreams carry you away into the wonderful expanses of your new empire, the knocking snaps you out of your sleep again.
You pull the blanket over your head, you cover your ears – but it’s all in vain. This time the solemn chant of the voice can be heard even before you rise from your bed: „Vladimir Vladimirovich,“ it begins again, „I charge you with the murder and attempted murder of your brothers and sisters!“
Furious, you jump out of bed, reach for your rifle, go to the door, pull it open – but there is no one around. Yet you continue to hear the voice: „Vladimir Vladimirovich, I charge you with murder and attempted murder, Vladimir Vladimirovich, murder and attempted murder, you do not escape me, I charge you …“
Panic seizes you. You move a cupboard in front of the door, stuff plugs into your ears, pull the blanket even tighter over your head – to no avail! The voice is everywhere, it penetrates every material, it echoes from everywhere. It feels as if it were pulsating with your blood inside you.
All right, you think, sighing, then I’ll do without sleep – I’ve got far too much to do anyway.
Disgruntled, you descend into the cellar. A few brothers and sisters are still left there, maybe you can vent your anger on them. Possibly you can even drown out that annoying voice with their screams.

Bild / Image: Die Ermordung Abels; aus: Richmond, E. J.: True stories for little people (1894; Library of Congress / Wikimedia commons) / The Murder of Abel; from: Richmond, E. J.: True stories for little people (1894; Library of Congress / Wikimedia commons)


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