Umnachtung / Obscuration

Ein Terrorangriff auf ein ganzes Land – die dunkle Nacht der Luftschutzbunker ist auch die Nacht des menschlichen Geistes.

A terrorist attack on an entire country – the dark night of the air raid shelters is also the night of the human spirit.

Als das Bombardement begann, bist du mit den anderen in den Luftschutzbunker geflohen. Tausendmal hattet ihr das geübt – der Angriff war ja abzusehen gewesen. So lag auch jetzt noch ein Hauch von Routine, ja – zumindest für die Kinder – von Spiel darin. Es dauerte eine Weile, bis euch klar wurde, dass der Bunker nichts anderes war als der Vorhof zur Hölle.
Kalt ist es hier unten, kalt und dunkel. Irgendwo flackert noch eine Kerze ihrem Ende entgegen, bald wird es ganz finster sein. Dann wird auch der äußere Eindruck dem entsprechen, was deine Realität ist: Du bist lebendig begraben.
Anfangs war das Wehklagen groß hier unten, auch wenn alle sich bemühten, sich zusammenzureißen. Niemand wollte seinen Schmerz den anderen aufdrängen. Alle wussten ja, dass jeder genug mit sich selbst zu tun hatte. Familien waren getrennt worden, viele Angehörige harrten in anderen Städten aus, und die Männer zwang der Angriff ohnehin dazu, sich mit ihren steinschleuderartigen Waffen der Hightech-Armee des Gegners in den Weg zu stellen.
Mittlerweile ist es ganz still geworden. Ab und zu das dumpfe Hallen der Detonationen, ansonsten – Schweigen. Der Tod spricht nicht. Stumm geht er durch eure Reihen und führt einen nach dem anderen ab in sein leeres Nichts.
Längst ist der Weg nach draußen blockiert. Und selbst wenn dem nicht so wäre, hätte es keinen Sinn mehr, auf die Straße zu gehen und sich dem Bombenhagel auszusetzen. Von Trümmern kann sich niemand ernähren.
Jetzt wärest du froh, du hättest dich mit deinem Mann an die Front gemeldet. Aber ihr hattet euch nun einmal früh entschieden, dass du im Fall der Fälle bei Sascha, eurem kleinen Sohn, bleiben solltest.
„Im Fall der Fälle …“ Das war die Umschreibung, mit der ihr damals auf das Unvorstellbare angespielt habt, so wie man früher „Gottseibeiuns“ sagte statt „Teufel“. Als könnte man das Grauen davon abhalten, Wirklichkeit zu werden, indem man es nicht beim Namen nennt.
Und jetzt ist das Unvorstellbare deine Realität – und das, was früher deine Realität war, wird von Minute zu Minute unvorstellbarer. Ja, wenn Sascha neben dir wimmert – „Mama, ich habe solchen Hunger …“ –, dann versuchst du ihn zu trösten, indem du ihm die Rückkehr in jene unvorstellbare Realität ausmalst.
„Hab keine Angst, mein Kleiner, es wird alles gut“, beruhigst du ihn dann, indem du deine Lippen auf sein staubiges Haar drückst. „Bald werden wir in unsere Wohnung zurückkehren, dann koche ich dir dein Lieblingsessen. Eine doppelte Portion, wenn du willst! Morgens kuscheln wir dann wieder im Bett, bevor Mama und Papa zur Arbeit gehen und du, wie jeden Morgen, viel zu spät zur Bushaltestelle stürmst, um wenigstens einmal nicht zu spät zur Schule zu kommen. Und am Sonntag gehen wir in den Park und spielen Fußball, diesmal spiele ich auch mit – versprochen!“
Ein seltsames Gefühl ist das, ein Leben, das gestern noch ganz normal war, wie ein Märchen zu erzählen. Aber was bleibt dir schon anderes übrig? Sollst du deinem Kind etwa die Wahrheit gestehen? Sollst du ihm von den zwei Gesichtern der menschlichen Zivilisation erzählen? Von der Technik, die ihm all die Annehmlichkeiten seines früheren Alltags ermöglicht hat, die gleichzeitig aber auch das entwickeln geholfen hat, was diesen Alltag jetzt für immer zerstört?
Noch ein kurzes Aufflackern, dann erlischt auch eure letzte Kerze. Irgendwo tropft es von der Decke, wie zum Hohn. Längst habt ihr eure Wasserreserven rationiert, trotzdem werden sie nicht mehr lange reichen.
Ist es Tag? Ist es Nacht? Egal – der Tod kennt keine Zeit.
Warum, so fragst du dich immer wieder, hast du die Stadt nicht früher verlassen? Aber wohin hättest du fliehen sollen? Und hätte man dich dort aufgenommen?
Ja, es hatte ernst zu nehmende Drohungen gegeben, und ja, es war vor der Apokalypse gewarnt worden, die du jetzt durchlebst. Aber wenn alle vor den Drohungen fliehen würden, die andere gegen sie aufstoßen, wäre die ganze Welt auf der Flucht.
Und die Apokalypse will eben niemand wahrhaben. Vulkanausbrüche können die Atmosphäre verdunkeln, Erdbeben können Städte unter sich begraben, Asteroiden können auf die Erde stürzen. Der Weltuntergang – oder zumindest der Untergang einzelner Welten – ist jederzeit möglich. Aber wer ein ruhiges Alltagsleben haben will, muss das nun einmal verdrängen.
Weiter hinten im Bunker stöhnt eine alte Frau. Sie litt schon unter Bronchitis, bevor ihr in dieses feuchte Verlies fliehen musstet. Lange wird sie nicht mehr durchhalten.
Sascha ist eingeschlafen. Du deckst ihn zu und legst den Arm um ihn. Gleichmäßig geht der Wellenschlag seines Atems auf dich über. Du spürst seine Wärme, diese weiche, unendlich fragile Hülle, unter der das Wunder des Lebens pocht.
Du denkst wieder an das, was du deinem Kind nicht gestehen kannst: an die zwei Gesichter der Zivilisation. An die Vulkane, die auch inmitten der Zivilisation ausbrechen können, von ihr selbst erschaffen, von ihr selbst geduldet. An die Eruption der Gewalt, die Tobsuchtsanfälle der Menschheit, in denen auf einmal Einzelne aufstehen und die dunkle Seite der Technik nutzen, um alles auszulöschen, was sie mit ihrer hellen Seite geschaffen hat. Diese blindwütige Raserei, die mit ihrem Bekenntnis zur orgiastischen Gewaltanwendung auch alles andere Licht zerstört, das der menschliche Geist hervorgebracht hat.
Das Tropfgeräusch ist lauter geworden. Vielleicht hat jemand einen Eimer untergestellt, um das kostbare Wasser zu sammeln. Auch der rasselnde Atem der alten Frau ist jetzt deutlicher zu hören – oder kommen dir die Geräusche in der Dunkelheit einfach nur lauter vor?
Was für eine Finsternis! Wird noch einmal eine Kerze angezündet werden? Oder wird diese Nacht des menschlichen Geistes am Ende alles unter sich begraben, woran du je geglaubt hast?

Gustave Doré (1832 – 1883): L’enfant blessé (Das ver­letzte/verwundete Kind; Blessed child um 1870)

English Version

Obscuration

When the bombing began, you fled with the others into the air-raid shelter. All of you had practised this a thousand times – after all, the attack had been foreseeable. So even now, there was a touch of routine in it, and for the children it was still a bit like a game. It took you a while to realise that the bunker was nothing else than the forecourt of hell.
It is cold down here, cold and dark. Somewhere a candle is still flickering towards its end, soon it will be completely dark. Then the outer impression will correspond to what your reality is: you are buried alive.
In the beginning, there was a lot of wailing down here, even though everyone tried to pull themselves together. No one wanted to impose their pain on the others. After all, everyone knew that each had enough to do with their own problems. Families had been separated, many relatives were holding out in other cities, and at the front, the men tried to resist the enemy’s high-tech army with their stone-slinging weapons.
In the meantime, it has become completely quiet. Now and then the dull echo of detonations, apart from that – silence. Death does not speak. Silently he walks through your ranks and leads one after the other away into his empty nothingness.
The way out has long been blocked. And even if that were not the case, there would no longer be any point in going out into the streets and exposing oneself to the hail of bombs. No one can feed on rubble.
Now you’d be glad you had signed up for the front with your husband. But together you had decided early on that just in case, you should stay with Sasha, your little son.
„Just in case …“ That was the euphemism you used back then to allude to the unimaginable, the way people used to say „adversary“ instead of „devil“ in former times. As if you could stop the horror from becoming reality by not calling it by its name.
And now the unimaginable has become your reality – and what used to be your reality is becoming more and more unimaginable. Only when Sasha whimpers beside you – „Mummy, I’m so hungry …“ –, you try to comfort him by depicting the return to that unimaginable reality for him.
„Don’t be afraid, my little one, everything will be all right,“ you then reassure him, pressing your lips onto his dusty hair. „Soon we will return to our flat, then I will prepare your favourite meal for you. A double portion if you like! In the morning we’ll cuddle in bed again before Mum and Dad go to work and you, like every morning, rush to the bus stop far too late so as not to be late for school for once. And on Sunday we’ll go to the park and play football, this time I’ll join in – I promise!“
It’s a strange feeling, telling a life that was quite normal yesterday like a fairytale. But what else can you do? Should you confess the truth to your child? Should you tell him about the two faces of human civilisation? About how technology has made possible all the comforts of his former everyday life, but at the same time has helped to develop what is now destroying that everyday life forever?
Another brief flare-up, then your last candle extinguishes. Somewhere it is dripping from the ceiling, as if in mockery. You have long since rationed your water reserves, but they will not last much longer anyway.
Is it day? Is it night? It doesn’t matter – death knows no time.
Why, you keep asking yourself, didn’t you leave the city earlier? But where should you have fled to? And would you have been taken in there?
True, there had been serious threats, there had even been warnings of the apocalypse that you are now experiencing. But if everyone would flee from the threats that others raise against them, the whole world would be on the run.
In fact, no one wants to admit that the apocalypse can happen at any time. Volcanic eruptions can darken the atmosphere, earthquakes can bury cities beneath them, asteroids can crash into the earth. The end of the world – or at least the demise of individual worlds – is possible at any moment. But if you want to have a quiet everyday life, you have to suppress that thought.
From the back of the bunker, the groaning of an old woman can be heard. She was already suffering from bronchitis before you had to flee into this damp dungeon. Now she probably won’t withstand the situation much longer.
Sasha has fallen asleep. You cover him up and put your arm around him. The ripple of his breath evenly passes over to you. You feel his warmth, this soft, infinitely fragile shell under which the miracle of life is throbbing.
Once again your thoughts turn to what you can’t confess to your child: to the two faces of civilisation. To the volcanoes that can erupt even in the midst of civilisation, created by it, tolerated by it. To the eruptions of violence, the rages of humanity in which some individuals suddenly stand up and use the dark side of technology to wipe out everything it has created with its bright side. This blind frenzy that, with its commitment to orgiastic use of violence, also destroys all other light that the human spirit has brought forth up to now.
The dripping noise has become louder. Perhaps someone has placed a bucket underneath to collect the precious water. The old woman’s rattling breath can also be heard more clearly now – or do the sounds just seem louder to you in the darkness?
What a deep gloom! Will a candle be lit once more? Or will this night of the human spirit end up burying everything you ever believed in?

Titelbild /Title image: Ludwig Meidner: Brennende Stadt, 1912



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