Es gibt keine Zeit für den Krieg! / There is No Time for War!

Antikriegsgedichte von Jacques Prévert / Anti-war Poems by Jacques Prévert

English Version

Der französische Dichter Jacques Prévert (1900 – 1977), Zeitzeuge zweier Weltkriege, war ein überzeugter Pazifist. Dies spiegelt sich auch in seiner Dichtung auf vielfältige Weise wider.

Friedensreden

Staatstragende Schwüre die Statuen der Worte
der Frieden die Freiheit „la fraternité!“
doch plötzlich ein Stutzen ein Stolpern ein Sturz
in den Schlund einer hohlen Phrase
in den Abgrund eines staunenden Verstehens:
der Mund, weit geöffnet, zeigt die kariöse Wahrheit
hinter dem blütenweißen Lächeln
die Fäulnis der polierten Phrasen
der Frieden die Freiheit „la fraternité!“
zerfressen von der Karies des Krieges
dem Kapital.

Jacques Prévert: Le discours sur la paix; aus: Paroles (Worte, 1946)

Izis (1911–1980): Jacques Prévert, Paris, 1946

Pazifismus abseits des Mainstreams

Der Krieg als Spiegel einer kriegerischen Ökonomie

Der Krieg als Teil des Alltags

Nachweise

Brest: ein von Préverts Gedicht Barbara inspiriertes Sonett von Ilona Lay

Pazifismus abseits des Mainstreams

Pazifist zu sein, war im Frankreich der Nachkriegszeit keine einfache Sache. Von konservativer Seite wurde der Einsatz der französischen Armee gegen die Freiheitsbewegungen in den Kolonien – insbesondere in Algerien – patriotisch überhöht. Und ganz Frankreich glorifizierte den Kampf der Résistance gegen die nationalsozialistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.
So sah sich Jacques Prévert für seine pazifistische Haltung sowohl von linker als auch von rechter Seite Kritik ausgesetzt. Dies galt gerade auch für eines seiner berühmtesten Gedichte, das den Titel Barbara trägt. Darin wird die Zerstörung einer Liebesbeziehung in der vom Krieg besonders betroffenen Hafenstadt Brest rückblickend mit den Worten kommentiert: „Quelle connerie la guerre“ („Was ist der Krieg doch für eine Sauerei“; 1).
Prévert hält seinen Kritikern entgegen, dass es keinesfalls einen „guten“ und einen „schlechten“ Krieg gebe (2). Der Krieg kenne keine Sieger (ebd.), er gleiche immer einer „schrecklichen Krankheit“, gegen die es keine Impfstoffe gebe (3).

Der Krieg als Spiegel einer kriegerischen Ökonomie

Dabei ist Prévert allerdings weit davon entfernt, den Krieg als quasi naturhaftes Geschehen zu verharmlosen. Vielmehr verweist er ausdrücklich auf die wirtschaftlichen Interessen, die mit dem Krieg verbunden seien, und kritisiert das ökonomische Kalkül, aus dem heraus Kriege geführt würden.
Die Überlegung, „ob ein Massaker als wirtschaftlich sinnvoll angesehen wird oder es an der Zeit sei, sparsam mit Massakern umzugehen“, brandmarkt er als zutiefst inhuman. Diese Zweckrationalität sei sogar beim Umgang mit den im Krieg getöteten Kindern zu beobachten: Anstatt deren Tod generell zu beklagen, bedaure man nur, eventuell versehentlich künftige Genies oder „kleine Mozarts“ getötet zu haben (4).
Ausdrücklich verwahrt sich Prévert vor diesem Hintergrund auch gegen die biblische Sprachregelung, wonach es für alles – und damit, wie es im Buch Kohelet (3,8) explizit heißt, auch „für den Krieg“ – eine Zeit gebe. Selbst eine Bemerkung, wonach es an der Zeit sei, einen Krieg zu beenden, wird von ihm zurückgewiesen, da dies ja impliziere, dass es irgendwann auch mal an der Zeit gewesen sei, den Krieg zu beginnen (5).

Der Krieg als Teil des Alltags

Ein Beispiel für Préverts dichterischen Umgang mit der Verbindung von Krieg und Wirtschaft ist das Gedicht Le discours sur la paix (Die Friedensrede). Darin werden die faulen Zähne des Redners mit der Heuchelei seiner hohlen Friedensphrasen assoziiert, durch die der wahre „Nerv“ des Krieges – „die heikle Frage des Geldes“ – bloßgelegt wird (6).
Das Gedicht spielt damit zugleich auf einen anderen Aspekt an, den Prévert beim Umgang mit der Thematik des Krieges beklagt – nämlich die euphemistischen Begriffe, mit denen über kriegerische Handlungen geredet werde. Prévert erwähnt in dem Zusammenhang u.a. den Begriff der „Säuberung“, mit dem die faktisch verübten Massaker an der Bevölkerung kaschiert würden (7).
Zusätzlich verweist das Gedicht auch auf die von Prévert konstatierte zunehmende Vermischung von Krieg und Frieden. Die moderne Kriegsführung führe dazu, dass alle Bereiche der Gesellschaft vom Krieg und der Vorbereitung auf diesen affiziert würden. Diese Diagnose ist heute, angesichts von hybrider Kriegsführung, globalisierter Wirtschaftskriege und der teilweisen Verlagerung kriegerischer Aktivitäten in den Cyberraum, noch zutreffender als zu Préverts Lebzeiten.
Die Durchdringung des Alltags vom Krieg führt nach Prévert dazu, dass auch vermeintliche Friedenszeiten von militärischen Belangen affiziert werden. Dies lasse einen, wie Prévert sarkastisch anmerkt, fast nostalgisch an jene Zeiten zurückdenken, als das Militär noch „nichts mit dem Frieden zu tun“ und „nichts zu ihm zu sagen hatte“ (8).

Nachweise

(1) Prévert, Jacques: Paroles (1946), S. 206 f. Paris 1949: Gallimard.
(2) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), S. 104. Paris 1982: Gallimard.
(3) Ebd., S. 118.
(4) Ebd., S. 104.
(5) Ebd., S. 103.
(6) Prévert, Jacques: Paroles (1946), S. 222. Paris 1949: Gallimard.
(7) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), S. 106. Paris 1982: Gallimard.
(8) Ebd., S. 98.

Brest: ein von Préverts Gedicht Barbara inspiriertes Sonett von Ilona Lay

Brest

Der Regen eine Frau die singt
und hinter Schleiern Brest zerfließend
Lippen schweigend sich umschließend
Floß das sich durch Wolken schwingt

der Regen ein Gewehr das spuckt
und Brest ein bleigetränktes Bluten
Donner schrein zerrissne Fluten
Treibgut das im Hagel zuckt

im Regen singend tote Stimmen
murmelnd ein ergrautes Sinnen
Träume die zu Stahl gerinnen

Gewölk aus Hunden die sich krümmen
Brest ein Meer aus Friedhofsmauern
starrend ein verlassnes Trauern.

Jacques Préverts Gedicht Barbara findet sich u.a. auf lesvoixdelapoésie.com.

Ausführliches Essay zu Jacques Prévert: Der Poet des Alltags; rotherbaron.com, 18. März 2018.

Ferdinand Perrot (1808 – 1841): Brest, von der Rade de Brest (Brester Bucht) aus gesehen / Brest, seen from the Rade de Brest (Brest Bay); Brest, Museum der Schönen Künste (Museum of Fine Arts)

English Version

There is No Time for War!

Anti-war Poems by Jacques Prévert

The French poet Jacques Prévert (1900 – 1977), witness to two world wars, was a committed pacifist. This is also reflected in his poetry in many ways.

Peace Speeches

Statesmanlike oaths statue-like words
Freedom! Peace! Fraternity!
but all of a sudden a stumble a fall
into the maw of a hollow phrase
into the abyss of an astonished understanding:
the mouth, wide open, reveals the carious truth
behind the immaculate white smile
the rottenness of the polished phrases
Freedom! Peace! Fraternity!
eaten away by the caries of war
the rapacity of profit.

Jacques Prévert: Le discours sur la paix; from: Paroles (Words, 1946)

Izis (1911–1980): Jacques Prévert, Paris, 1946

Pacifism Outside the Mainstream

War as a Mirror of a Warlike Economy

War as Part of Everyday Life

References

Brest: a Sonnet by Ilona Lay, Inspired by Prévert’s Poem Barbara

Pacifism Outside the Mainstream

Being a pacifist in post-war France was no easy matter. From the conservative side, the deployment of the French army against the freedom movements in the colonies – especially in Algeria – was patriotically inflated. And the whole of France glorified the fight of the Résistance against the National Socialist occupiers in the Second World War.
Jacques Prévert thus faced criticism for his pacifist position from both the left and the right. This was especially true of one of his most famous poems, entitled Barbara. In it, the destruction of a love affair in the port city of Brest, which was particularly affected by the war, is addressed in retrospect with the words: „Quelle connerie la guerre“ („What a bloody mess war is“; 1).

Prévert counters his critics by saying that there is no such thing as a „good“ and a „bad“ war (2). In war, he states, there are no winners (ibid.), it always resembles a „terrible disease“ for which there are no vaccines (3).

War as a Mirror of a Warlike Economy

However, Prévert is far from downplaying war as a quasi-natural event. On the contrary, he explicitly refers to the economic interests associated with war and criticises the economic calculations that lead to wars.
The consideration of „whether a massacre makes economically sense or whether it is time to be economical with massacres“ is something he denounces as profoundly inhumane. This utilitarian rationality, he says, can even be observed in the treatment of children killed in war: Instead of lamenting their deaths in general, it is only a matter of regret that future geniuses or „little Mozarts“ may have been killed by mistake (4).
Against this background, Prévert emphatically rejects the biblical saying that there is a time for everything – and thus, as it is explicitly stated in the Book of Ecclesiastes (3:8), also „for war“. He even disapproves of a remark stating that it is time to end a war, since this implies that at some point it was also time to start the war (5).

War as Part of Everyday Life

An example of Prévert’s poetic treatment of the close connection between war and economics is the poem Le discours sur la paix (The Peace Speech). In it, the speaker’s rotten teeth are associated with the hypocrisy of his hollow peace phrases, through which the true „nerve“ of war – „the delicate question of money“ – is revealed (6).
The poem thus also alludes to another aspect that Prévert complains about when dealing with the subject of war – the euphemistic terms used to talk about acts of war. In this context, Prévert mentions, among other things, the term „cleansing“, which is used to disguise massacres of the civilian population (7).
In addition, the poem also refers to the increasing intermingling of war and peace, as stated by Prévert. Modern warfare, he says, causes all areas of society to be affected by war and the preparation for it. This diagnosis is even truer today than it was in Prévert’s lifetime, given hybrid modes of warfare, globalised economic wars and the partial shift of warlike activities into cyberspace.
According to Prévert, the penetration of everyday life by war means that even supposedly peaceful times are affected by military concerns. This, as Prévert sarcastically remarks, makes one think back almost nostalgically to those times when the military had „nothing to do with peace“ and „nothing to say about it“ (8).

References

(1) Prévert, Jacques: Paroles (1946), p. 206 f. Paris 1949: Gallimard.
(2) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), p. 104. Paris 1982: Gallimard.
(3) Ibid, p. 118.
(4) Ibid, p. 104.
(5) Ibid, p. 103.
(6) Prévert, Jacques: Paroles (1946), p. 222. Paris 1949: Gallimard.
(7) Prévert, Jacques / Pozner, André: Hebdromadaires (1972), p. 106. Paris 1982: Gallimard.
(8) Ibid, p. 98.

Brest: a Sonnet by Ilona Lay, Inspired by Prévert’s Poem Barbara

Brest

Pouring rain a singing woman
Brest dissolving behind veils of fog
lips intertwining silently
seagulls drifting through the clouds

Pouring rain a spitting gun
Brest a bleeding wound a wreck
thunder screaming floods collapsing
flotsam twitching in the hail

Pouring rain forlorn desires
murmuring forgotten voices
dreams congealing into steel

Veils of fog like writhing dogs
Brest enclosed by graveyard walls
staring a deserted mourning

Jacques Prévert’s poem Barbara can be found on various websites, for instance on lesvoixdelapoésie.com.

Titelbild / Title Image: Félix Valloton (1865 – 1925): Krieg / War (1915); Wikimedia commons

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