Wie alles begann / How it all began

Aus: Ukrainische Apokalypse. Literarische Miniaturen. From: Ukrainian Apocalypse. Literary Miniatures.

Der Überfall der russischen Armee auf die Ukraine war von langer Hand geplant. Die propagandistische Begleitmusik lieferte eine bewusste Kriminalisierung des Nachbarvolkes.

The Russian invasion of Ukraine was planned long in advance. It was accompanied by propaganda that deliberately criminalised the neighbouring people.

Das Anwesen deines Nachbarn hat dir schon immer gefallen. Geräumig ist es, mit zahlreichen Nebengebäuden und einem Haupthaus, das über etliche Seitentrakte verfügt. Die meisten Fenster sind nach Westen ausgerichtet – eine ideale Ergänzung zu deinem eigenen Anwesen, in dessen Häusern sich die Fenster eher nach Osten hin öffnen.
Schon lange hast du deshalb den Plan gehegt, dir das Anwesen deines Nachbarn anzueignen. Du bist stark, viel stärker als dein Nachbar. Wenn du gewollt hättest, hättest du dir seinen Besitz auch einfach nehmen können.
Das aber hätte deinem Ansehen bei den anderen Nachbarn geschadet. Schließlich hat niemand es gerne, wenn andere sich an seinem Besitz vergreifen. Derartige Vorkommnisse führen deshalb zu einem reflexhaften Mitgefühl mit dem Überfallenen.
So bist du lieber behutsam vorgegangen. Zuerst hast du behauptet, dein Nachbar sei gar nicht der rechtmäßige Besitzer seines Anwesens. In Wahrheit wärst du es, der darauf Anspruch habe, da deine Vorfahren dort gelebt hätten.
Dies hat die Situation grundlegend geändert. Auf einmal musste es allen – außer dem Nachbarn mit dem Anwesen, auf das du ein Auge geworfen hattest – als nette Geste erscheinen, dass du andere auf deinem Grund und Boden wohnen ließest. Gleichzeitig gestand man dir das Recht zu, über die Angelegenheiten des Nachbaranwesens mitzubestimmen – da du ja nun als dessen rechtmäßiger Besitzer erschienst.
Nun war der Boden bereitet für die Übernahme des fremden Anwesens. Um deine Nachbarn – aber auch die Mitbewohner auf deinem eigenen Anwesen – von der Notwendigkeit dieser Übernahme zu überzeugen, hast du dich wieder deines erzählerischen Talents bedient.
Erneut kreiste deine Geschichte um deine Vorfahren. In Kellern und Seitentrakten des fremden Anwesens, so verkündetest du mit entrüsteter Stimme, würden Verbrechen an ihnen verübt. Ja, nach außen hin gebe sich dein Nachbar als Menschenfreund. In Wahrheit sei er jedoch ein skrupelloser Foltermeister.
Da dein Nachbar die Anschuldigungen natürlich zurückwies, hast du – nach einer gewissen Schamfrist, in der du das Gift deiner Geschichte seine Wirkung tun ließest – die Keller und Seitentrakte deinem Anwesen einverleibt. Dann hast du dich wieder zurückgelehnt und abgewartet.
Selbstverständlich war die Empörung bei deinen anderen Nachbarn groß. Aber mit der Zeit trat doch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Irgendwann hatten alle stillschweigend akzeptiert, dass die Teile des fremden Anwesens, die du dir genommen hattest, nun zu deinem Anwesen gehörten.
Da hast du zum entscheidenden Schlag ausgeholt. Lange habest du, so erklärtest du eines Tages, mit Engelszungen auf deinen Nachbarn eingeredet, damit er aufhöre, die Nachkommen deiner Vorfahren zu drangsalieren. Dein Nachbar aber habe dich noch nicht einmal angehört. Nun sei deine Geduld am Ende. Es sei einfach deine moralische Pflicht, dort für Ordnung zu sorgen. Was, wenn dein Nachbar sein menschenverachtendes Verhalten am Ende noch auf andere Anwesen übertragen sollte?
So müssten deine Leute nun eben eine Säuberungsaktion auf dem fremden Anwesen durchführen. Angesichts der Inhumanität deines Nachbarn bleibe dir gar nichts anderes übrig, als dort selbst die Kontrolle zu übernehmen.
Natürlich sind die anderen Nachbarn ganz und gar nicht einverstanden mit deiner Vorgehensweise. Aber damit hast du gerechnet. Sollen sie dich ruhig tadeln und dein Verhalten verurteilen – Hunde, die bellen, beißen nicht.
Am Ende werden sie sich auch dieses Mal wieder mit den neuen Verhältnissen abfinden, für die du sorgen wirst. Zwar können sie sich alle gut in die Situation desjenigen hineinversetzen, dessen Anwesen du an dich reißt. Ihr Mitgefühl reicht jedoch nicht aus, ihrem überfallenen Nachbarn zu Hilfe zu eilen. Schließlich ruft dein Verhalten außer Mitleid noch ein anderes Gefühl bei ihnen hervor – Angst. Angst, dass du auch auf ihr Anwesen Anspruch erheben könntest.
Vielleicht ist das ja auch wirklich keine schlechte Idee, denkst du dir. Fürs Erste wirst du aber die Gebäude auf dem Anwesen deines Nachbarn abreißen. Wenn du dort erst einmal schöne neue Häuser errichtet hast und deine eigenen Leute darin eingezogen sind, wird ohnehin bald vergessen sein, dass dort einmal dein Nachbar mit seiner Sippe gewohnt hat.
Nach einer Weile werden sich die Wogen geglättet haben, und deine Nachbarn werden wieder ganz normal mit dir verkehren.
Dann wirst du zum nächsten Schlag ausholen.

English Version

How it all began

The estate of your neighbour has always appealed to you. It is spacious, with numerous outbuildings and a main house that has several side wings. Most of the windows are oriented towards the west – an ideal complement to your own estate, in whose houses the windows are rather east-facing.
For a long time, you have therefore been planning to take over your neighbour’s property. You are strong, much stronger than your neighbour. If you had wanted to, you could have simply seized his property.
But that would have damaged your reputation among the other neighbours. After all, no one appreciates it when others take their possessions. Corresponding incidents consequently lead to a reflexive sympathy for the person being robbed.
So you preferred to proceed cautiously. First you claimed that your neighbour was not the rightful owner of his property. In fact, it would be you who had a claim to it, because your ancestors had lived there.
This changed the situation fundamentally. Suddenly it appeared to everyone – except the neighbour with the property you had an eye on – as a nice gesture that you were allowing others to live on your land. At the same time, you were granted the right to have a say in the affairs of your neighbour’s property – since you now appeared to be its legitimate owner.
Now the ground was prepared for the takeover of the neighbouring estate. In order to convince your other neighbours – but also your fellow residents on your own estate – of the necessity of this takeover, you again made use of your narrative talent.
Once more, your story revolved around your ancestors. In the cellars and side wings of the foreign estate, you declared in an indignant voice, crimes were being committed against them. Outwardly your neighbour would pretend to be a philanthropist. In reality, however, he would be a ruthless torturer.
Since your neighbour naturally denied the accusations, you – af¬ter a decent interval in which you let the poison of your story unfold its effect – incorporated the cellars and side wings into your estate. Then you sat back again and waited.
Of course, your behaviour caused some uproar among your other neighbours. But over time, a certain habituation effect set in. At some point, everyone had tacitly accepted that the parts of the neighbouring property that you had seized now belonged to your estate.
This was when you struck the decisive blow. For a long time, you proclaimed one day, you had been trying to convince your neigh-bour to stop harassing the descendants of your ancestors. Your neighbour, however, had not even listened to you, no matter how gently you had spoken to him. Now your patience, you de¬clared, had come to an end. It would simply be your moral duty to restore order there. What if your neighbour ended up spreading his inhumane behaviour to other estates?
Thus, you would have to carry out a clean-up operation on the foreign property. In view of your neighbour’s inhumanity, you would have no choice but to take control of his estate yourself.
Of course, the other neighbours do not agree at all with your ap-proach. But that does not worry you – you have reckoned with it. In fact, you are even reassured to hear their indignant rebuke and condemnation of your behaviour – dogs that bark don’t bite.
In the end, they will once again come to terms with the new cir-cumstances you are establishing. It was to be expected that they would put themselves in the shoes of the person whose estate you are taking over. However, their compassion is not enough to rush to the aid of their assaulted neighbour. After all, your be¬haviour evokes yet another feeling in them besides compassion – fear. Fear that you could lay claim to their estate as well.
That might indeed not be a bad idea, you think to yourself. But first of all, you will demolish the buildings on your neighbour’s estate. Once you have built beautiful new houses there and your own people have moved in, it will soon be forgotten that your neighbour once lived there with his clan.
After a while, the dust will have settled and your neighbours will be on normal terms with you again.
Then you will strike the next blow.

Bilder / Images: Alexey Druzhinin: Wladimir Putin mit einem AK-74-Gewehrsimulator auf einem elektronischen Schießstand während seines Besuchs des Zentrums für wissenschaftliche und technische Entwicklung der Russischen Eisenbahnen im Rigaer Bahnhof / Putin with a rifle simulator (Wikimedia commons) modifiziert, modified; BakeNecko: Putin, April 2020; modifiziert, modified (Wikimedia commons)

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