Jacques Préverts Poesie des Alltags / Jacques Prévert’s Poetry of Everyday Life

illustriert an seinem Gedicht Sables mouvants (Treibsand) / Illustrated by his Poem Sables Mouvants (Quicksand).

Der französische Dichter Jacques Prévert misstraute zeitlebens der traditionellen Schulbildung. Dies ging bei ihm auch mit einer bewussten Distanz gegenüber der Hochkultur einher.

Die kindliche Weltsicht als Voraussetzung von Dichtung

Poesie als „Beiname des Lebens“

Verwurzelung der Dichtung im Alltag

Spielerisches Aufbrechen verkrusteter Sprach- und Denkmuster

Nachweise

Jacques Prévert: Sables mouvants; mit deutscher Nachdichtung

Die kindliche Weltsicht als Voraussetzung von Dichtung

Wie in dem Post über das Gedicht Le cancre (Der Klassenclown) gezeigt, steht Prévert der traditionellen Schulbildung äußerst kritisch gegenüber.
Der Sinn der Schule (und des Verständnisses von Erziehung und Bildung, für die sie steht) ist es ihm zufolge nicht in erster Linie, den Kindern wichtige geistige Inhalte und Fertigkeiten beizubringen. Den hauptsächlichen Zweck der Schule sieht Prévert eher darin, den Kindern ihre geistige Unabhängigkeit auszutreiben. Diese spiegelt sich für ihn auch in dem speziellen Blick von Kindern wider, der die Maskerade des sozialen Alltags durchdringe und so bei den Erwachsenen Peinlichkeitsgefühle hervorrufe:

„Häufig habe ich Leute zu ihrem Kind sagen hören: ‚Senk die Augen!‘ Denn der Blick von Kindern erzeugt bei den Erwachsenen fast immer Scham“ (1).

Er selbst, so Prévert, habe sich deshalb eben diesen Kinderblick – und mit ihm die „Tränen“, das „Lachen“ und die „glücklichen Geheimnisse“ der Kindheit – zu bewahren versucht. Und so stelle er „zu meinem Vergnügen“ noch immer kindliche Fragen – also Fragen, die durch ihre Distanz zum Alltagsgeschehen zu Verfremdungseffekten führen und so einen neuen Blick auf dieses ermöglichen (2).

Poesie als „Beiname des Lebens“

Aus dieser Haltung lässt sich unmittelbar Préverts dichterisches Ideal ableiten. Im Kern geht es ihm dabei um eine der Wahrhaftigkeit verpflichtete Dichtung. Darunter versteht er eine Poesie, die eben dadurch, dass sie ein Teil des Alltags bleibt, auf diesen zurückwirkt. In letzter Konsequenz erscheint die Dichtung dabei nur als ein anderer Begriff für das Leben bzw. für eine bestimmte Sicht auf dieses:

„Die Poesie (…) ist das, was man träumt, was man sich vorstellt, was man sich wünscht und was oft auch eintritt. Die Poesie ist überall, so wie Gott nirgends ist. Die Poesie ist einer der wahrsten, einer der passendsten Beinamen des Lebens“ (3).

Verwurzelung der Dichtung im Alltag

Sprachlich drückt sich diese Konzeption von Dichtung bei Prévert darin aus, dass er sich gegen den bedeutungsschweren Gestus hochkultureller Werke wendet (4). Als Teil des Alltags bzw. als eine bestimmte Ausdrucksform des Lebens und der menschlichen Existenz dürfe dichterische Sprache nicht über den Köpfen der Menschen schweben und den Eindruck der Allwissenheit vermitteln. Prévert bevorzugt deshalb für seine Werke die „vom Volk geschaffene Sprache“, die „Sprache aller“, die der gewählten Ausdrucksweise „die Zunge herausstrecke“ (5).
Die Verwendung einfacher Ausdrucksformen erscheint dabei als sprachliche Entsprechung zu dem von Prévert gezielt eingesetzten kindlichen Blick auf die Welt. Dazu gehört freilich auch, dass er die Alltagssprache nicht einfach übernimmt und so ihre affirmative Wirkung verstärkt. Vielmehr erscheint diese in seinen Werken vielfach gebrochen. Hierfür operiert er mit verschiedensten Sprachspielen, in denen etwa Redewendungen wörtlich genommen werden oder in Aufzählungen scheinbar Unzusammenhängendes in einen neuen Bedeutungszusammenhang überführt wird (vgl. zu letzterem Stilmittel vor allem sein Gedicht Inventaire/Inventur; 6).

Spielerisches Aufbrechen verkrusteter Sprach- und Denkmuster

Prévert selbst vergleicht diese Art von Dichtung mit den konzentrischen Kreisen, die ein Kind mit einem ins Wasser geworfenen Stein auslöst. In ähnlicher Weise könnten dichterische Bilder die „aufgezwungenen Gedanken“ des Alltags durchdringen und so zu ihrer Auflösung beitragen (7).
Illustrieren lässt sich diese poetische Verfahrensweise an dem Gedicht Sables mouvants (Treibsand). Das Hauptthema des Versinkens im „Ozean der Liebe“ bringt hier eine Reihe von Bildern hervor, die sich gegenseitig ergänzen und so zwanglos eine eigene dichterische Sprache entfalten. Der so entstehende Eindruck einer Wellenbewegung greift zugleich das Motiv von Liebestod und Neugeburt in der Liebe auf.

Nachweise

(1) Äußerung von Prévert in einem Interviewband mit André Pozner: Prévert/Pozner: Hebdromadaires; 1972, S. 62. Paris 1982: Gallimard.
(2) Ebd.
(3) Ebd., S. 102.
(4) Ebd., S. 151.
(5) „La langue vulgaire tire la langue à la langue distinguée“ (ebd.).
(6) Das Gedicht ist enthalten in Prévert, Jacques: Paroles (1946), S. 208 – 210. Paris 1949: Gallimard.
(7) Prévert in Hebdromadaires (vgl. 1), S. 153.

Ausführliches Essay zu Prévert mit weiteren Nachdichtungen: Jacques Prévert – der Poet des Alltags; rotherbaron.com, 18. März 2018

Jacques Prévert: Sables mouvants; mit deutscher Nachdichtung

Originaltext

Nachdichtung:

Treibsand

Engel und Dämonen
Winde und Gezeiten
gleiten in flimmernder Ferne
deine schlafumschlungnen Augen
ins Meer gefallene Sterne

Engel und Dämonen
Winde und Gezeiten
im Treibsand sich kräuselnder Laken
deine traumbetupften Augen
unsichtbar kreisende Kraken

Engel und Dämonen
Winde und Gezeiten
ein Strudel ein sanftes Versinken
in deinen nachtbenetzten Augen
erträumtes Ertrinken

Gedicht als Video mit Musik

Essay mit weiteren Nachdichtungen: Jacques Prévert – Der Poet des Alltags

English Version

Jacques Prévert’s Poetry of Everyday Life

Illustrated by his Poem Sables Mouvants (Quicksand)

The French poet Jacques Prévert distrusted traditional school education throughout his life. This went hand in hand with a conscious distance from high culture.

The childlike world view as a prerequisite for poetry
Poetry as an „epithet of life“

Rootedness of poetry in everyday life

Playfully dissolution of encrusted patterns of language and thought

References

Jacques Prévert: Sables mouvants; with English adaptation

The childlike world view as a prerequisite for poetry

As shown in the post about the poem Le Cancre (The Class Clown), Prévert is highly critical of traditional schooling.
According to him, the point of school (and the understanding of education for which it stands) is not primarily to teach children intellectual content and skills. The main purpose of school, in his view, is rather to deprive children of their intellectual independence. For him, this is also reflected in the special look of children, which permeates the masquerade of everyday social life and thus causes feelings of embarrassment among adults:

I have often heard people say to their child, ‚Lower your eyes!‘ For the look of children almost always produces shame in adults“ (1).

He himself, Prévert says in an interview, has therefore tried to maintain precisely this special gaze of children – and with it the „tears“, the „laughter“ and the „happy secrets“ of childhood. In this way, he states, he has also preserved the ability to ask childlike questions – questions that lead to alienation effects through their distance from everyday events and thus enable a new view of them (2).

Poetry as an „epithet of life“

Prévert’s poetic ideal can be derived directly from this attitude. In essence, he is aiming for a poetry that is committed to truthfulness. By this he means a poetry that, precisely because it remains a part of everyday life, has an effect on it. In the final analysis, poetry thus appears only as another term for life or for a certain view of it:

„Poetry (…) is what you dream, what you imagine, what you wish for and what, as a consequence, often comes to pass. Poetry is everywhere, just as God is nowhere. Poetry is one of the truest, one of the most fitting epithets of life“ (3).

Rootedness of poetry in everyday life

In terms of language, Prévert’s conception of poetry is expressed in the fact that he rejects the weighty gesture of high-cultural works (4). As part of everyday life or as a particular form of expression of life and human existence, poetic language should, according to him, not hover over people’s heads and convey the impression of omniscience. Prévert therefore prefers for his works the „language created by the people“, the „language of all“, which „sticks its tongue out“ at the sophisticated mode of expression (5).
The use of simple forms of expression appears to be the linguistic equivalent of Prévert’s deliberate adoption of a child’s view of the world. Of course, this also means that Prévert does not simply adopt everyday language and thus reinforce its affirmative effect.
Rather, everyday language appears restructured in many respects in Prévert’s works. To this end, he operates with a wide variety of linguistic games in which, for example, idiomatic expressions are taken literally or seemingly unrelated things are transferred into a new context of meaning in enumerations (cf. on the latter stylistic device above all his poem Inventaire/Inventory; 6).

Playfully dissolution of encrusted patterns of language and thought

Prévert himself compares this kind of poetry to the concentric circles a child initiates with a stone thrown into water. In a similar way, poetic images might penetrate the „imposed thoughts“ of everyday life and thus contribute to their dissolution (7).
This poetic procedure can be illustrated by the poem Sables mouvants (Quicksand). Here, the main theme of sinking into the „ocean of love“ produces a series of images that mutually complement each other and thus casually unfold their own poetic language. At the same time, the resulting impression of wave motion reflects the motif of death and rebirth in love.

References

(1) Cf. Prévert’s statement in an interview with André Pozner: Prévert/Pozner: Hebdromadaires; 1972, p. 62. Paris 1982: Gallimard.
(2) Ibid.
(3) Ibid., p. 102.
(4) Ibid., p. 151.
(5) „La langue vulgaire tire la langue à la langue distinguée“ (ibid.).
(6) The poem is included in Prévert, Jacques: Paroles (1946), pp. 208 – 210. Paris 1949: Gallimard.
(7) Prévert in Hebdromadaires (cf. 1), p. 153.

Jacques Prévert: Sables mouvants; with English adaptation

French Text

Free English adaptation:

Quicksand

Angels and demons
winds and tides
gliding in glimmering distance
your sleep-shrouded eyes
stars fallen into the sea

Angels and demons
winds and tides
in the quicksand of rippling sheets
your dream-dabbed eyes
octopuses circling unseen

Angels and demons
winds and tides
a swirling a gentle sinking
in the abyss of your ocean eyes
drifting a dreamed drowning

Poem as video with music

Titelbild: Andrew Ostrovsky:  Spheres of dream (Fotolia)

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