Der Duft der Ewigkeit / The Scent of Eternity

Zu Charles Baudelaires Gedicht Recueillement (Andacht) / On Charles Baudelaire’s poem Recueillement (Devotion)

English Version

Charles Baudelaires dichterischer Blumengarten verströmt die unterschiedlichsten Düfte. Die erlesensten unter ihnen ermöglichen das, was Baudelaire als vornehmstes Ziel seiner Dichtung ansah: Sie lassen „einen Blick ins Paradies erhaschen“.

Wenn man Baudelaires Gedichte – wie es der Titel Fleurs du Mal nahe legt – mit Pflanzen vergleichen möchte, muss man sie sich wohl wie jene exotischen Blumen vorstellen, die nur selten und auch nur ganz kurz erblühen, dazu noch völlig unerwartet und oft mitten in der Nacht. Die Liebhaber dieser Blumen müssen daher stets bereit sein für den einen Augenblick, in dem der leuchtende Duft ihrer Blüten sich wie eine Gloriole um sie verbreitet und die Glücklichen, die dem seltenen Schauspiel beiwohnen dürfen, alles um sie her vergessen lässt.
Dieser eine, außergewöhnliche Augenblick, der einen aus dem Strom der Zeit heraushebt, ist es, worauf Baudelaires Dichtung im Kern abzielt. Sie möchte die wesensmäßige Unvollkommenheit des menschlichen Daseins für einen kurzen Augenblick durchbrechen, indem sie ein flüchtiges Erahnen des Vollkommenen in eine künstlerische Form gießt und dieses so für die Lesenden nachvollziehbar macht.
Dies muss keineswegs bedeuten, dass der zugrunde liegende „Erregungszustand“ selbst vollkommen war. Die Vollkommenheit kann vielmehr – wie etwa in La mort des amants (Der Tod der Liebenden) – gerade auch im Leiden an der Unvollkommenheit, in der Sehnsucht nach einem Leben, das nicht von Vergänglichkeit, Ungerechtigkeit und Niedertracht gekennzeichnet ist, aufscheinen. In Baudelaires Worten:

„Wenn ein erlesenes Gedicht einem Tränen in die Augen treibt, so sind diese Tränen nicht Ausdruck überbordender Freude. Sie verweisen vielmehr auf die verfeinerte Melancholie (…) eines im Unvollkommenen ausgesetzten Wesens, das in eben diesem Augenblick, auf eben dieser Erde, einen Blick ins Paradies erhaschen möchte“ (NN IV).

Das Ziel der Dichtung muss es vor diesem Hintergrund sein, in den Lesenden denselben Sinn für das Schöne – und damit auch für Harmonie in einem umfassenden Sinn – zu wecken, der den Dichter bei seiner Arbeit inspiriert. Denn das „Streben nach einer höheren Schönheit“, auf dem die Dichtung nach Baudelaire beruht, manifestiert sich ihm zufolge „in einem bestimmten Enthusiasmus, einem seelischen Erregungszustand“, der sich „fundamental von der Leidenschaft“, aber auch von der „Wahrheit, dem Weidegrund der Vernunft“, unterscheidet (ebd.).
Die blinde Euphorie menschlicher Leidenschaften und das kalte Sezieren des menschlichen Verstandes sollen folglich in den Zustand eines meditativen Erahnens oder „Erschauens“ des Wahren, Gerechten und Schönen überführt werden. Dem entspricht eine Dichtung, die nicht nach einer objektiven Darstellung der Realität strebt, sondern sie bewusst durch den Filter subjektiver Stimmungen evoziert.
Diese Sichtweise von Dichtung führt auch zu einer anderen Sicht auf das „L’art-pour-l’art“-Konzept. Folgt man Baudelaire, so handelt es sich dabei keineswegs um eine wirklichkeitsfremde Kunst, die sich von der sozialen Realität abkoppelt. Vielmehr kann die Kunst aus dieser Perspektive gerade dadurch auf Letztere einwirken, dass sie sich nicht direkt auf sie bezieht.
Eine so verstandene Dichtung weist zudem stets über sich selbst hinaus. Zentral ist nicht das, woraus sie besteht – das sprachliche Material –, sondern die Komposition, für die sie dieses verwendet. Diese Komposition wirkt ebenso oder sogar noch stärker durch den Sprachrhythmus, den Klang der Worte und die durch sie evozierten Bilder wie durch den tradierten Verweisungscharakter der Begriffe. Denn das Gedicht soll nach diesem Verständnis ja nicht zum Nachdenken anregen, sondern die Lesenden unmittelbar berühren und eben dadurch eine „erhebende“, den Sinn für das Schöne, Wahre und Gerechte öffnende Gestimmtheit in ihnen auslösen. Dadurch ist diese Art von Lyrik in ihrer Wirkung der Musik zuweilen näher als der traditionellen Dichtung.
Das Gedicht Recueillement (Andacht) verweist sowohl auf die kontemplative Haltung, die als Voraussetzung für die entsprechenden Gedichte erscheint, als auch auf den Trost, der aus ihnen zu ziehen ist.

NN: Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (Neue Notizen zu Edgar Allan Poe; 1857). Preface to Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordinaires Paris 1884: Quantin.

Ausführliches Essay mit Nachdichtungen zu Charles Baudelaires Fleurs du Mal

Originaltext

Nachdichtung

Andacht

(Recueillement; FM 104, S. 239)

Nur Mut, Melancholie, du meine dunkle Schwester!
Schon wirft der Abend, deine Heimat, seinen Schleier
auf die hochmütige Stadt und breitet
seinen Schattenmantel über wunde Seelen.

Reich mir, gebeugte Schwester, deine Hand!
Die Peitsche der Zerstreuung, die die Zeit,
der gnadenlose Henker, schwingt, Verlangen
aus Verlangen zeugend, lass uns fliehen!

Lass vom Altan des Himmels auf die Jahre,
die verblich’nen, andächtig uns schaun
und auf ihr lächelndes Bedauern.

Und während die Wolken die sterbende Sonne wiegen,
lass uns, du traumgebor’ne Schwester, lauschen
dem Rauschen der trauervoll tröstenden Schleppe der Nacht.

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, 2nd, expanded and revised edition 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Vertonungen / Musical settings

Léo Ferré: Recueillement (1967)

Claude Debussy (1862 – 1918): Cinq poèmes de Baudelaire, No. 4: Recueillement; Gesang (singer): Dawn Upshaw; Klavier (piano): James Levine

English Version

The Scent of Eternity

On Charles Baudelaire’s poem Recueillement (Devotion)

Charles Baudelaire’s poetic flower garden exudes a great multitude of fragrances. The most exquisite among them make possible what Baudelaire considered the most sublime goal of his poetry: they allow us to „catch a glimpse of paradise“.

If we want to compare Baudelaire’s poems – as the title Fleurs du Mal suggests – with plants, we should perhaps imagine them as those exotic flowers that blossom only rarely, very briefly and moreover unexpectedly, often in the middle of the night. Lovers of these flowers must therefore always be ready for the extraordinary moment when the luminous fragrance of the blossoms spreads around them like a gloriole, making those who are lucky enough to witness the rare spectacle forget everything around them.
This exceptional moment that lifts one out of the stream of time is what Baudelaire’s poetry is essentially aiming at. It wants to break through the inherent imperfection of human existence for a brief moment by transforming a fleeting glimpse of perfection into a work of art and thus making it accessible to the reader.
This does not at all mean that the underlying „state of excitement“ has to be perfect itself. Rather, perfection can – as for example in the poem La mort des amants (The death of the lovers) – also arise precisely from the suffering of imperfection, from the longing for a life that is not marked by transience, injustice and baseness. In Baudelaire’s words:

„When an exquisite poem brings tears to one’s eyes, these tears are not an expression of exuberant joy. Rather, they refer to the refined melancholy (…) of a being chained to a state of imperfection, who at this very moment, on this very earth, would like to catch a glimpse of paradise“ (NN IV).

Against this background, the aim of poetry must be to arouse in the reader the same sense of beauty – and thus also of harmony in a comprehensive sense – that inspires the poet in his work. Indeed, according to Baudelaire, the „striving for a higher beauty“ that animates poetry manifests itself „in a certain enthusiasm, a state of mental excitement“ that is „fundamentally different from passion“, but also from „truth, the pasture of reason“ (ibid.).
The blind euphoria of human passions and the cold dissection of the human mind are consequently to be transferred into the state of a meditative envisioning of the true, the just and the beautiful. This corresponds to a poetry that does not strive for an objective representation of reality, but deliberately evokes it through the filter of subjective moods.
This view of poetry also leads to a different view of the „L’art-pour-l’art“ concept. If we follow Baudelaire, we are by no means dealing here with an art detached from reality and disconnected from social life. Rather, from this perspective, art can have an effect on the latter precisely because it does not refer directly to it.
Furthermore, poetry understood in this way always points beyond itself. The decisive aspect is not what it consists of – the linguistic material –, but the composition it creates from the material. Such a composition has just as much or even more effect through the rhythm of the language, the sound of the words and the images they evoke as through the ordinary referential character of the terms.
This corresponds to the intended effect of this poetry. It is not meant to stimulate reflection, but to touch the readers directly and thereby trigger an „uplifting“ mood in them that opens their sense for the beautiful, the true and the just. As a result, this type of poetry is sometimes closer to music in its effect than to traditional poetry.
The poem Recueillement (Devotion) refers both to the contemplative attitude that appears as a prerequisite for the corresponding poems and to the consolation to be drawn from them.

NN: Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (New notes on Edgar Allan Poe; 1857). Preface to Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordinaires (New extraordinary stories) [19 pages in four sections]. Paris 1884: Quantin.

Original text

Free translation

Devotion

(Recueillement; FM 104, p. 239)

Take courage, melancholy, my dark sister!
Your homeland, the evening, is already casting its veil
on the haughty town. Soon it will spread
its shadowy cloak over wounded souls.

Reach out your hand to me, dejected sister!
The whip of distraction that time,
the merciless executioner, wields, desire
begetting from desire – let’s leave it behind!

Let us gaze devoutly from the balcony
of heaven on the faded years
and on their smiling regrets.

And while the clouds cradle the dying sun,
let us listen, dream-born sister.
to the comfortingly mournful murmur of the night.

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, 2nd, expanded and revised edition 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Bildnachweis / Picture credits: John Atkinson Grimshaw (1836 – 1893): Evening Glow (Abendleuchten), ca. 1884; Yale Center for British Art, Yale University (New Haven, Connecticut); Edvard Munch (1863 – 1944): Melancholie (1894); Wikimedia commons

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