Charles Baudelaire: La mort des amants (Der Tod der Liebenden)

Zum heutigen Geburtstag Charles Baudelaires hier noch einmal eines der bekanntesten Werke des Dichters:  La mort des amants (Der Tod der Liebenden). Gemessen an den Vertonungen, handelt es sich sogar um das am intensivsten rezipierte Gedicht Baudelaires. So listet die Website baudelairesong.org – ein Projekt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Übersicht über die Vertonungen der Werke Baudelaires in verschiedenen Sprachen zu geben – für das Gedicht nicht weniger als 70 Liedfassungen auf. Die Übersicht ist keineswegs vollständig, so dass es sich sowohl bei der Gesamtzahl der aufgeführten Vertonungen (über 1.600) als auch bei der Zahl der Vertonungen von La mort des amants nur um einen ungefähren Wert handelt.

Interessant ist daran zum einen die offensichtliche Affinität der Dichtung Baudelaires zur Musik. Dies entspricht zunächst dessen eigener Wertschätzung der Musik, die er auch in einem Gedicht herausgestellt hat (La musique; vgl. den unten aufgeführten Essay zu Baudelaire). Zum anderen war die besondere Musikalität der Dichtung aber auch eine der zentralen Forderungen, die aus der Gegenbewegung gegen die formstrenge Parnasse-Dichtung hervorgingen.

Wenn etwa Paul Verlaine 1874 in seinem programmatischen Gedicht Art poétique forderte, die Dichtung müsse vor allem musikalisch sein („de la musique avant toute chose“), so nahm er damit zentrale Vorstellungen der späteren symbolistischen Dichtung vorweg. Die Lyrik sollte sich hier eben nicht mehr in den Dienst einer Wiedergabe der äußeren Wirklichkeit stellen. Stattdessen sollte sie durch eine besondere Metaphorik und Musikalität eine neue, eigene Welt erschaffen und sich eben dadurch in ihrem Eigen-Sinn gegenüber der äußeren Realität behaupten.

Interessant ist nun, dass die Gedichte Baudelaires zu vielen verschiedenen Vertonungen einladen. La mort des amants etwa wurde schon früh von Claude Debussy vertont. Hierzu gibt es im Netz zahlreiche Varianten. Besonders gelungen erscheint dabei die zurückgenommene Interpretation von Véronique Dietschy, bei der die Stimme sich harmonisch in das Miteinander von Text und Musik einfügt, anstatt die Partitur als Mittel zur Selbstinszenierung zu nutzen.

Zwei neuere Vertonungen zeigen zwei andere Formen der Interpretation des Gedichts auf. Die eine stammt von David Babin (Künstlername „Babx“) und lässt sich wohl am ehesten im Sinne von „Psychedelic Rock“ beschreiben. Bei der anderen handelt es sich um eine Vertonung des franco-kanadischen Singer-Songwriters Joce Ménard im Stil des „chanson poétique“, mit Klavierbegleitung.

Alle drei Vertonungen geben die Stimmung des Gedichts auf je eigene Weise wider. Damit sind sie zugleich ein Beleg dafür, dass die Dichtung Baudelaires für ganz unterschiedliche Menschen in ganz verschiedenen sozialen Kontexten von Bedeutung sein kann. Hieran zeigt sich nicht zuletzt die ungebrochene Aktualität der Gedichte Baudelaires.

Freie Übertragung:

Der Tod der Liebenden

Flüchtiger Düfte voll werden unsere Betten
und unsere Kissen tief wie Gräber sein,
und selt’ne Blumen werden stehn auf den Regalen,
für uns erblühend unter schön’ren Himmeln.

Wetteifernd im Verzehren ihrer Wärme,
werden wie große Fackeln uns’re Herzen sein,
die ihre Doppelflammen reflektieren
in den Zwillingsspiegeln uns’res Geistes.

An einem rosenroten, mystisch-blauen Abend wird
ein nie geseh’ner Glanz, getränkt von Abschied,
wie ein Schluchzen gehn vom einen zu dem andern.

Und später wird ein Engel, die Tore einen Spaltbreit öffnend,
den matten Spiegeln und den toten Flammen
in treuer Freude neues Leben schenken.

 

Charles Baudelaire: La mort des amants

 

Ein ausführliches Essay zu Baudelaire mit weiteren Nachdichtungen findet sich auf rotherbaron: Charles Baudelaires Fleurs du mal („Blumen des Bösen“). Ein Überblick mit neu übersetzten Gedichten

Vertonungen:

Claude Debussy (aus : Cinq poèmes de Charles Baudelaire, 1890; Komposition von 1887); Interpretin: Véronique Dietschy (2015)

David Babin (Babx); Pigalle-Session vom 31. August 2010

Joce Ménard; aus: Y’a des jours (2010)

 

Weitere Links:

Website baudelairesong.org mit einer Übersicht über Vertonungen von Gedichten Baudelaires

RB: Der Anti-Genius. Zum 120. Todestag Paul Verlaines.

 

Bild: George William Joy (1844-1925): Laodameia

2 Antworten auf „Charles Baudelaire: La mort des amants (Der Tod der Liebenden)

  1. Jakob Elias Münster

    Ein wirklich schöner und gelungener Blog. Die Übertragung ist sehr gekonnt. Die Musik ist interessant. Mein Favorit ist hier in der Tat die Interpretation von Ménard. Übrigens: Ich besuche Ihre Seite immer gerne. Das ist ein Ausgleich in einer gehetzten und oberflächlichen Welt!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Ostern mit Baustelle – LiteraturPlanet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s