Wenn Düfte sich mit Tönen mischen / When scents intermingle with sounds

Zu Charles Baudelaires Gedicht Correspondances (Entsprechungen) /On Charles Baudelaire’s poem Correspondances (Correspondences)

English Version

Der Weg zu Harmonie – äußerer wie innerer, naturhafter und kultureller, existenzieller und sozialer – führt für Baudelaire über die Vorstellungskraft. Deren Fähigkeit, scheinbar Unvereinbares miteinander zu verknüpfen und Gegensätze miteinander zu versöhnen, ist in seinen Augen zugleich ein Grundelement der Poesie.

Das „Schöne“ war für Baudelaire nicht einfach nur eine ästhetische Kategorie. Sein zentrales Kennzeichen war in seinen Augen vielmehr die vollkommene Abstimmung der Teile eines Ganzen aufeinander, im Sinne einer idealen Ausgewogenheit der in ihm bestehenden Verhältnisse. So ist das Schöne bei ihm eher Ausdruck einer allumfassenden Harmonie, die auch den sozialen Bereich mit einschließt.
Diese Harmonie ist Baudelaire zufolge sowohl durch die äußeren, naturhaften Gegebenheiten als auch in der Seele des Menschen selbst angelegt. Das verbindende Element zwischen beiden ist für ihn die Vorstellungskraft (imagination). Dabei betont er ausdrücklich, dass diese nicht gleichbedeutend sei mit der Phantasie oder der Sensibilität – auch wenn beide wichtige Voraussetzungen für die Vorstellungskraft darstellten:

„Die Vorstellungskraft ist eine fast schon göttliche Begabung, die unmittelbar, jenseits aller philosophischen Methoden, die intimen und geheimen Verbindungen zwischen den Dingen wahrnimmt, die Entsprechungen und Analogien“ (NN III).

Damit ist die Vorstellungskraft kein primär dichterisches oder allgemein künstlerisches Vermögen. Sie ist vielmehr in allen geistigen Bereichen eine unverzichtbare Voraussetzung für kreatives Denken und Handeln. Ein Politiker ohne Vorstellungskraft verwaltet nur, anstatt zu gestalten, und auch ein „Gelehrter ohne Vorstellungskraft erscheint (…) als ein unvollständiger Gelehrter“ (ebd.), da er unfähig ist, Visionen zu entwickeln, durch die sich die herrschenden Paradigmen in seinem Wissenschaftsbereich erneuern ließen.
Im künstlerischen Bereich dient die Vorstellungskraft dazu, den natürlichen Sinn für das Schöne mit Leben zu erfüllen. Baudelaires Ausführungen erinnern dabei an die platonische Lehre von den ewigen Ideen, den unvergänglichen Gestalten, die sich hinter den flüchtigen äußeren Erscheinungen der Dinge verbergen. So ist der „unsterbliche Sinn für das Schöne“ für ihn das, was

„uns in der Erde und ihren Schauspielen ein geistreiches Zitat, eine Entsprechung zum Himmel sehen lässt. Der unersättliche Hunger nach allem Überirdischen, das sich im Irdischen offenbart, ist der lebendigste Beweis für unsere Unsterblichkeit“ (NN IV).

Innere und äußere Harmonie werden so dadurch miteinander verbunden, dass der Mensch in der Sprache der Natur eine Entsprechung zu innerpsychischen Vorgängen erkennt und beides gleichzeitig in Analogie zum kosmischen Geschehen wahrnimmt. Das dichterische Mittel, in dem eine solche Verschmelzung verschiedener Sphären am ehesten zum Ausdruck kommen kann, ist die Synästhesie, also die gegenseitige Durchdringung der Sinneswahrnehmungen und ihre poetische Gestaltung.
Programmatisch steht hierfür das Gedicht Correspondances (Entsprechungen), das später zu einem wichtigen Impulsgeber für die Lyrik des Symbolismus wurde.

NN: Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (Neue Anmerkungen zu Edgar Allan Poe; 1857). Vorwort zu Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordinaires (Neue außergewöhnliche Geschichten) [19 Seiten in vier Abschnitten]. Paris 1884: Quantin

Ausführliches Essay mit Nachdichtungen zu Charles Baudelaires Fleurs du Mal

Originaltext

Nachdichtung

Entsprechungen

(Correspondances; FM 4, S. 92)

Die Natur ist ein Tempel, wo lebende Säulen
zuweilen sich in wirren Worten äußern.
Der Mensch streift durch die Wälder aus Symbolen,
die mit vertrauten Blicken ihn verfolgen.

Wie in der Ferne Echos sich vermählen
zu einem Ganzen, das in dunkeltiefer Nacht
und in der hellsten Klarheit gründet,
antworten sich die Düfte, die Farben und die Töne.

Mitunter sind die Düfte frisch wie Kinderhaut,
sanft wie Oboen, grün wie Weiden,
und andere – verdorbene – sind reich und triumphierend,

mit einem Anhauch der Unendlichkeit,
wie Ambra, Moschus, Benzoe und Weihrauch,
die Geist und Sinne in Verzückung singen.

Ambra (Amber): Duftstoff, der aus den Ausscheidungen des Pottwals extrahiert wird
Benzoe: in Ostindien und Indonesien gewonnenes Baumharz, das nach Vanille riecht und in der Heilkunde, als Räuchermittel sowie in der Parfumherstellung Verwendung findet

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, Zweite erweiterte und überarbeitete Auflage 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Vertonungen / Musical settings

Jean Cras (1879 – 1932): 7 Mélodies, No. 7: Correspondances; Gesang: Christophe Crapez; Klavier: Laurent Wagschal

Kaikhosru Sorabji (1892-1988): 3 Poèmes, No. 1: Correspondances; Gesang: Elizabeth Farnum; Klavier: Margaret Kampmeier

English Version

When scents intermingle with sounds

On Charles Baudelaire’s poem Correspondances (Correspondences)

For Baudelaire, the „beautiful“ was not simply an aesthetic category. In his eyes, its central characteristic was rather the perfect harmony between the parts of a whole, in the sense of an ideal balance of the relationships existing within it. Thus, beauty here is in fact the expression of an all-encompassing harmony that also includes the social sphere.
According to Baudelaire, this harmony is inherent both in the external, natural conditions and in the soul of the individual. The connective element between the two he sees in the power of imagination. However, he explicitly emphasises that this is not synonymous with fantasy or sensitivity – even though both are important prerequisites for imagination:

„Imagination is an almost divine gift that perceives directly, beyond all philosophical methods, the intimate and secret connections between things, the correspondences and analogies“ (NN III).

This means that the power of imagination is not primarily a poetic or generally artistic ability. Rather, it is an indispensable prerequisite for creative thinking and acting in all intellectual fields. A politician without imagination only administers instead of shaping things, and a „scholar without imagination appears (…) as an incomplete scholar“ (ibid.), since he is incapable of developing visions that could renew the prevailing paradigms in his field of science.
In the artistic sphere, imagination serves to fill the natural sense of beauty with life. Baudelaire’s remarks are reminiscent here of the Platonic concept of the eternal ideas, the imperishable figures that are hidden behind the fleeting external appearances of things. Hence, for him, the „immortal sense of the beautiful“ is that which

lets us see in the earth and its spectacles a spirit-filled quotation, a correspondence to heaven. The insatiable hunger for everything supernatural that reveals itself in the earthly life is the most vivid proof of our immortality“ (NN IV).

Inner and outer harmony are thus linked by the fact that we can recognise in the language of nature a correspondence to inner-psychic processes and at the same time perceive both in analogy to cosmic events. The poetic means by which such a fusion of different spheres can be expressed most vividly is synaesthesia, i.e. the mutual interpenetration of sensory perceptions and their poetic shaping. This is programmatically represented in the poem Correspondances (Correspondences), which later became an important source of inspiration for Symbolist poetry.

NN: Baudelaire, Charles: Notes nouvelles sur Edgar [Allan] Poe (New notes on Edgar Allan Poe; 1857). Preface to Poe, Edgar [Allan]: Nouvelles histoires extraordinaires (New extraordinary stories) [19 pages in four sections]. Paris 1884: Quantin.

Free translation

Correspondences

(Correspondances; FM 4, p. 92)

Nature is a temple, where living pillars
sometimes express themselves in bewildering words.
Man wanders through the woods of symbols
that follow him with familiar glances.

Like echoes blending in the distance
to a whole, founded in the darkest night
and in the brightest clarity, so the scents,
the colours and the sounds are intertwined.

Sometimes the scents are fresh like children’s skin,
soft as oboes, or green as willows,
while others – tainted ones – are rich and triumphant,

with a tinge of the infinite,
like ambergris, musk, benzoin and incense,
singing mind and senses into rapture.

Ambergris: fragrance extracted from the excrement of the sperm whale
Benzoin: resin extracted from trees in East India and Indonesia that smells like vanilla and is used in medicine, as an aromatic substance and in perfume production

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, 2nd, expanded and revised edition 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Bildnachweis / Picture credits: Wikimedia Commons: Claude Monet: Garten in Giverny / Garden in Giverny (1800); Musée d‘Orsay; Gustave Courbet: Charles Baudelaire (1848-49), Musée fabre, Montpellier

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