Krankheitssymptome / Disease Symptoms

Literarisches Corona-Tagebuch: Teil 1/ Literary Corona Diary Part 1

Als du an jenem Morgen erwachst, ist alles wie immer. Der Kalender an der Wand gegenüber deinem Bett zeigt dieselben schneebedeckten Berge wie am Abend zuvor. An der Pinnwand herrscht noch immer dasselbe Zettelchaos, und deine Tiffany-Nachttischlampe glitzert in dem Sonnenstrahl, der sich wie jeden Morgen durch die Lücke in der Gardine stiehlt. Und doch hast du das Gefühl, dass sich etwas verändert hat.

Schläfrig streckst du dich und versuchst, dir die Traumwelt der Nacht aus den Augen zu wischen. Im Bad lässt du gebirgsbachkaltes Wasser deine Poren durchdringen, in dem unbestimmten Wunsch, dich von etwas reinzuwaschen. Dann beauftragst du die Kaffeemaschine mit einem extra starken Erweckungstrank. Surrend fügt sie sich deinen Anweisungen.

Du setzt dich an den Küchentisch. Du schaltest das Radio ein. Du blätterst in der Zeitung. Du nippst an dem Kaffee.

Aber die Musik klingt schriller als sonst, sie lässt sich nicht zu dem Klangteppich zähmen, mit dem sie sonst dein Frühstück untermalt. Die Zeitung spricht nicht zu dir – es ist, als würde sie über ein anderes Universum berichten. Und der Kaffee schmeckt bitter, als hätte ihn jemand mit Gift versetzt.

Du kommst dir vor wie ein Schauspieler, der das Leben eines anderen vorführen soll. Das, was sonst selbstverständlich war, musst du dir nun mühsam vortäuschen: Normalität.

Ist etwa jemand bei dir eingebrochen? Ja, sagst du dir, das  muss es sein! Wie sonst ist es zu erklären, dass dir alles anders erscheint, obwohl nichts sich verändert hat?

Du springst von deinem Stuhl auf und stürzt von einer Ecke der Wohnung in die andere. Hastig erstellst du eine imaginäre Inventarliste deiner Habseligkeiten: Smartphone? Hattest du schon in der Hand! Tablet? Auf dem Couchtisch! Fernseher? Hängt unversehrt an der Wand! Geldbeutel? Unangetastet in deiner Manteltasche – was ja auch kein Wunder ist, denn es klimpern nur ein paar nutzlose Münzen darin!

Nein, musst du dir eingestehen, es fehlt nichts. Ein Einbrecher kann nicht in der Wohnung gewesen sein. Da beschleicht dich auf einmal ein ungutes Gefühl: Wenn der Einbrecher nun noch in der Wohnung ist? Wenn du aufgewacht bist, bevor er sein Werk vollenden konnte?

Reflexartig drehst du dich um: Hat sich da nicht etwas in deinem Rücken bewegt? Etwas, das sich unmerklich an dich anschleicht?

Beunruhigt trittst du ans Fenster. Auch die Menschen unten in der Straße scheinen sich hektischer zu bewegen als sonst. Auch sie drehen sich ständig nach allen Seiten um, als würden sie von einem unsichtbar Gegner verfolgt.

So bricht sich die Welle deiner inneren Unruhe nur an der äußeren und stürzt mit doppelter Kraft in dich zurück. Als du dich wieder an den Tisch setzt, steht es dir auf einmal klar vor Augen: Es ist niemand bei dir eingebrochen. Nein, es ist jemand bei dir eingezogen. Jemand, den du nicht siehst. Jemand, den du nicht kennst. Jemand, mit dem du nicht reden kannst, weil er nicht deine Sprache spricht.

Vielleicht hat dieser Jemand deine Wohnung gerade für ein paar Augenblicke verlassen. Aber du weißt: Er wird wiederkehren. Von jetzt an wird er als Untermieter bei dir leben, er wird dir nahe sein, ohne dass du ihm nahekommen kannst.

Du möchtest fliehen, fort aus dieser Wohnung, in der du dich auf einmal nicht mehr zu Hause fühlst. Aber du erhebst dich noch nicht einmal von deinem Stuhl. Zu deutlich spürst du, dass der, der sich bei dir eingenistet hat, dir überallhin folgen würde, ganz egal, an was für entlegenen Orten du Zuflucht suchen solltest.

Du fühlst dich wie ein schuldlos Verurteilter. Mechanisch schleichst du ins Bad, um dich fertig zu machen für einen Tag, der nicht mehr dir gehört. Als du in den Spiegel schaust, blickst du in das Gesicht eines Fremden.

English Version:

Disease symptoms

When you woke up that morning, everything was as usual. The calendar on the wall opposite your bed showed the same snow-covered mountains as the evening before. On the pinboard, the same chaos of notes still prevailed, and your Tiffany bedside lamp glistened in the ray of sunshine that stealed through the gap in the curtain as it did every morning. And yet you had the feeling that something had changed.

Drowsily you stretched and tried to wipe the dream world of the night from your eyes. In the bathroom you let mountain stream cold water penetrate your pores, in the vague desire to wash yourself clean from something. Then you charged the coffee machine with an extra strong awakening potion. It followed your instructions with a whirring sound.

You sat down at the kitchen table. You turned on the radio. You flipped through the newspaper. You sipped your coffee.

But the music sounded shriller than usual, it couldn’t be tamed to the sound carpet it usually added to your breakfast. The newspaper did not speak to you – as if it was reporting about another universe. And the coffee tasted bitter, as if someone had poisoned it.

You felt like an actor who was supposed to portray the life of another person. What used to be taken for granted, you now had to tediously pretend to yourself: normality.

Did someone break into your house? Yes, you said to yourself, that had to be it! How else could it be explained that everything seemed different to you, although nothing had changed?

You jumped up from your chair and hurried from one corner of the apartment to the other. Hastily you created an imaginary inventory of your belongings: Smartphone? In your hand! Tablet? On the coffee table! Television set? Hanging on the wall! Purse? Untouched in your coat pocket – which was no surprise, because only a few useless coins were jingling in it!

No, you had to admit to yourself, nothing was missing. A burglar could not have been in the apartment. All of a sudden an unpleasant feeling arose in you: What if the burglar was still in the apartment? If you woke up before he could finish his work?

Reflexively you turned around: Wasn’t there something moving in your back? Something that imperceptibly crept up on you?

Worried, you stepped to the window. Even the people down in the street seemed to move more hectically than usual. They, too, were constantly turning around in all directions, as if they were being pursued by an invisible enemy.

Thus the wave of your inner restlessness broke only at the outer one and crashed back into you with double force. When you sat down at the table again, it suddenly became clear to you: no one had broken in on you. No, someone had moved in with you. Someone you did not see. Someone you did not know. Someone you could not talk to because he did not speak your language.

Maybe this someone had just left your apartment for a few moments. But you knew: He would return. From now on, he would live with you as a subtenant, he would be close to you without you being able to get close to him.

You wanted to flee, flee from this house where you suddenly no longer felt at home. But you did not even rise from your chair. Too clearly you felt that the one who had moved in with you would follow you everywhere, no matter in what remote places you should seek refuge.

You felt like someone innocently convicted. Mechanically you snuck into the bathroom to get ready for a day that no longer belonged to you. When you looked in the mirror, you stared into the face of a stranger.

Bilder: MysticArtDeseign: Ghosts (Pixabay); Stefan Keller: Gespenst (Pixabay)

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