Der Tanz: eine Sprache mit vielen Facetten

Mit einer Übersetzung des Songs Luna in piena der italienischen Sängerin Nada

Tanz aus der Krise, 10. und letzter Teil der musikalischen Sommerreise 2020

Zum Abschluss der diesjährigen musikalisch-tänzerischen Sommerreise werfen wir noch einmal einen Blick zurück und fragen uns: Über was haben wir hier eigentlich geredet? Was ist das überhaupt – der Tanz?
Nächste Woche folgt dann noch eine Pdf mit allen Beiträgen der Reihe.
 
Wesen des Tanzes
Tanz als eigenständiges Ausdrucksmittel
Nada: Luna in piena (Vollmond): Regellose Ekstase
Tanz mit den Klischees
Nada: Luna in Piena
Links

Wesen des Tanzes

people-2599441_1920 Stock SnapWarum tanzen Menschen? Warum singen sie? Ja, ich weiß, das klingt nach frühkindlichem Fragealter. Aber wie das so ist mit solchen Fragen: Sie sind schwerer zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint.
Deutlich wird dies, wenn ich zwei andere Fragen stelle: Warum sprechen Menschen? Warum gehen sie auf zwei Beinen? In diesem Fall ist die Antwort naheliegender: Die Sprache und der aufrechte Gang haben Kommunikation, Orientierung und das freie Hantieren erleichtert. Sie haben deshalb unmittelbar evolutionäre Vorteile geboten.
Aber das Tanzen? Der Gesang? Wie hat das die Entwicklung des Homo sapiens befördern können? Gut, man könnte argumentieren, dass dadurch die Gemeinschaft gestärkt worden ist, beides also indirekt einen Selektionsvorteil gegenüber anderen Arten geboten hat. Aber was machen wir dann, wenn die kindliche Fragelust zu folgender Nachfrage ausholt: Sind Tanzen und Singen also etwas Ähnliches wie das gemeinsame Ausweiden eines Mammuts?
Nein, Tanz und Gesang sind untrennbar verbunden mit einem Heraustreten des Menschen aus dem rein zweckgebundenen Handeln. Sie markieren eine Entwicklungsstufe, in der der Mensch sich nach seiner Stellung in der Welt und im Kosmos zu fragen beginnt; in der er vielleicht Götter erfindet und nach einer geeigneten Sprache für den Kontakt mit ihnen sucht; in der er sich aber vor allem zu sich selbst und zu seiner Existenz zu verhalten beginnt und nach Ausdrucksformen für diese grundlegende Weise des Re-Flektierens, des Sich-Zurückbeugens auf sich selbst, sucht. Die elementarsten Ausdrucksformen sind dabei die, die ihm der eigene Körper über die Stimme und die verschiedenen Möglichkeiten der Bewegung zur Verfügung stellt.

Tanz als eigenständiges Ausdrucksmittel

Sowohl dem Tanz als auch dem Gesang ist die Ekstase – verstanden im Sinne einesgirl-2203330_1920Public Co Heraustretens des Menschen aus sich selbst – immanent. Denn in beiden Fällen werden Körper und Stimme aus ihren konkreten Verwendungszusammenhängen herausgelöst. Der Körper wird nicht mehr in seiner Funktion als materielle Reproduktionsbasis der Existenz betrachtet, die Stimme nicht mehr als reines Kommunikationsmittel. Stattdessen wird Letztere zu einem Instrument und der Körper zum Medium einer Sprache, mit der sich mehr und anderes ausdrücken lässt als über die Sprache der Worte.
Dass die Stimme im Gesang zu einem Instrument wird, wird dort am deutlichsten, wo nicht der gesungene Text, sondern sie selbst mit ihren verschiedenen Modulationen im Vordergrund steht. Dies ist etwa bei gregorianischen Gesängen der Fall. Hier erschaffen die Stimmen einen eigenen Klangraum, der unabhängig von dem gesungenen Text seine Wirkung auf Singende und Zuhörende entfaltet.
Analog dazu lassen sich auch beim Tanzen verschiedene Ausprägungsstufen des Ausdrucksmittels – des Körpers und der von ihm vollführten Bewegungen – unterscheiden. Grundsätzlich tritt dieses dabei umso stärker in seiner Eigenständigkeit hervor, je mehr die Tanzenden aus sich heraustreten, sich also der Ekstase hingeben.
Cambodian_Dancers_(4289832944)Dies gilt für die verschiedenen Arten, in denen der Tanz als Ausdrucksmittel dienen kann, gleichermaßen: bei der Nutzung des Tanzes als einer anderen Form sozialer Kommunikation ebenso wie beim religiösen Tanz und dem künstlerischen Tanz im engeren Sinne. So reicht das Spektrum des kommunikativen Tanzes von den zeremoniellen Schreittänzen des Barock bis zu den Paarungswilligkeit signalisierenden Tänzen der Moderne. Im einen Fall galt die gezielte Zähmung der Triebe als Zeichen adliger Hochkultur, im anderen Fall das bewusste Bekenntnis zu diesen als Widerstandssignal gegenüber verstaubten Konventionen.
Auch religiöse Tänze können stärker und weniger stark reglementiert sein. Sie können zum einen aus genau vorgegebenen Schrittfolgen bestehen. Die Körpersprache hat dann, wie etwa bei den Tempeltänzen der kamodschanischen Apsara-Tänzerinnen, eine liturgische Funktion, durch die religiöse Inhalte auf andere, nonverbale Weise ausgedrückt werden können. Die Tänze können zum anderen aber auch dazu dienen,CPinaBausch_MAE_339978-9 sich unmittelbar mit der religiösen Welt in Beziehung zu setzen. Dies ist beispielsweise bei den türkischen Derwischen bzw. Sufis der Fall, die ihren Geist tanzend für das Göttliche öffnen.
Auch der künstlerische Tanz kann eher illustrativ sein, wie beim Ballett, bei dem das Tanzen dazu dient, der Musik durch körperliche Bewegungen eine visuelle Entsprechung zu geben. Auf der anderen Seite des Spektrums liegt hier der Ausdruckstanz, wie ihn etwa Pina Bausch in ihrem Tanztheater vorgeführt hat. Hier steht der Körper selbst als Ausdrucksmittel im Vordergrund. Anstatt der Veranschaulichung musikalisch vorgeprägter Emotionen zu dienen, wird die Körpersprache hier in ihrer Eigenständigkeit und mit den besonderen Möglichkeiten, die der Tanz ihr bietet, kultiviert.

Nada: Luna in piena (Vollmond): Regellose Ekstase

snapshotDas Lied Luna in piena (Vollmond) der italienischen Sängerin Nada, das die diesjährige musikalische Sommerreise beschließt, scheint auf den ersten Blick denkbar ungeeignet zu sein. Schließlich heißt es darin gleich zu Beginn: „Ich kann überhaupt nicht tanzen, / keinen Tango, keinen Walzer.“ Wie passt das zu einer Musikreise, in der das Tanzen im Mittelpunkt stehen soll?
Wenn ich gemein wäre, könnte ich jetzt sagen: Genau das spiegelt doch unsere aktuelle Situation wider. Schließlich stehen das gemeinsame Tanzen und Singen ja nach wie vor unter dem Generalverdacht des „Corona-Partytums“. Zu wenig Abstand, zu große Gefahr einer Tröpfcheninfektion. Der Mitmensch wird derzeit eben in erster Linie als potenzielle Virenschleuder wahrgenommen. Nähe ist unerwünscht, zu große Nähe suspekt.
Entscheidend ist allerdings nicht, wie wir das Lied in unserer momentanen Lage verstehen, sondern was es selbst aussagt. Und hier gilt nun: Nichts ist so, wie es scheint.
Zunächst einmal bedeutet das Bekenntnis der Sängerin zu ihren mangelnden tänzerischen Fähigkeiten keineswegs, dass sie der durch Tanz ermöglichten Ekstase abgeneigt wäre. Ganz im Gegenteil: Das ganze Lied handelt nur davon, dass sie aus den Fesseln ihres Ichs ausbrechen möchte. Die Absage an Tango und Walzer könnte deshalb auch so zu verstehen sein, dass die dabei zu beachtenden festen Schrittfolgen einer echten, durch keinerlei Regeln gebremsten Ekstase im Wege stehen.
Hinzu kommt, dass bei dem Lied streng zwischen der tatsächlichen Sängerin und der Rolle, die sie in dem Song spielt, unterschieden werden muss. Die 1953 geborene Nada Malanima  (Künstlername schlicht „Nada“) war 2007, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Liedes, bereits seit 40 Jahren im Geschäft. Als Vollblutprofi beherrscht sie natürlich die Bühnen-Show, die ohne tänzerische Bewegungen kaum vorstellbar ist.
Ein ähnlicher Gegensatz ergibt sich auch auf der Ebene des Textes. Im italienischen Original lässt er an ein säuselndes Püppchen denken, das sich nach männlicher Nähe sehnt. Dies kontrastiert allerdings auffallend mit der rauchigen Stimme der Sängerin, die eher an eine männerfressende Femme fatale erinnert. Dem entsprechen auch die in das Lied eingebauten katzenartigen Rufe, die ebenfalls eher nach einem fauchenden Raubtier als nach einem Schmusekätzchen klingen.
Vollends persifliert wird der schmachtende Text durch den Videoclip zu dem Lied. Die Gesangsdarbietung zerfällt hier wie in einem Zerrspiegel in ein Kaleidoskop bunter, teilweise grotesker Bilder. Wer möchte, kann darin eine Andeutung des emotionalen Aufruhrs und des Liebesrauschs sehen. Dieser wäre dann allerdings weit entfernt von der amourösen Romanze, die der Text nahelegt. Eher würde er einem LSD-Trip ähneln.

Tanz mit den Klischees

In der Tat hat der künstlerische Werdegang von Nada herzlich wenig zu tun mitsnapshot2 Sentimentalitäten in der Art von: „Ich bin dein, mein Herz ist rein …“ Die Sängerin ist zwar mit Erfolgen auf dem alljährlichen italienischen Schlagerfest – dem San Remo Festival – bekannt geworden. Sie hat sich danach allerdings bald aus der reinen Unterhaltungsbranche zurückgezogen und ist eigene Wege gegangen. Dabei hat sie sich auch nicht gescheut, brisante Themen aufzugreifen. Ein Duett, das sie im Jahr 2000 mit Adriano Celentano eingespielt hat (Il figlio del dolore / „Der Sohn des Schmerzes“), prangert etwa Vergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung an.
Von einem Püppchen-Image ist das alles sehr weit entfernt. So erweist sich das Lied bei näherer Betrachtung als raffinierter Tanz mit den Klischees. Zusammen mit dem Videoclip wird daraus ein Gesamtkunstwerk, in dem Gesang, Text, Musik und Bilder virtuos aufeinander abgestimmt sind.
Isoliert betrachtet, erweckt der Text allerdings einen falschen Eindruck. Bei der Übersetzung bin ich deshalb bewusst frei vorgegangen, um sprachliche Klischees und Geschlechterrollenstereotypen zu umschiffen.

Nada: Luna in Piena

Liedtext
 
Freie Übertragung ins Deutsche:
 
Vollmond

Ich kann überhaupt nicht tanzen,
keinen Tango, keinen Walzer,
ich kann überhaupt nicht tanzen,
ich schwanke nur hin und her,
getrieben von den Wellen des Lebens.

Im Meer meiner Schatten versinkend,
vergesse ich mich selbst
und steche in See mit dir.
Mein Möwenherz fliegt uns voraus,
aus Angst wird Aufbruchsfieber,
und zwischen deinen Händen
bin ich wie der Vollmond,
der dein Verlangen umschimmert.

Nimm mich mit dir auf nächtliche Fahrt,
lass unser Schiff mit vollen Segeln tanzen
über das aufgewühlte Meer.
Bette meinen Kopf im Nest deiner Hände,
hilf mir meine Angst zu überwinden
und die Fesseln meiner Schüchternheit zu lösen.

Ich kann überhaupt nicht tanzen,
keinen Tango, keinen Walzer,
ich kann überhaupt nicht tanzen,
ich schwanke nur hin und her.
Verloren in einem Meer von Schatten,
umstellen mich die Mauern meines Morgens.
Doch zwischen deinen Händen
bin ich wie der Vollmond,
der dein Verlangen umschimmert.

Nimm mich mit dir …

Links

Ballet royale du Cambodge: Ballet des Apsaras

 Viet Duong Hoang: Apsara-Tanz, eine Besonderheit der kambodschanischen Kultur; reisennachasien.com, 24. Juli 2015 [bebilderte Kurzbeschreibung der Apsara-Tänze].

 
Ausschnitt aus Pina Bauschs Choreographie zu Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus und Eurydike (Paris 2008)

Pina Bausch im Gespräch mit Eva-Elisabeth Fischer (Venedig, 1992): „Das hat nicht aufgehört, mein Tanzen … “ Bayerischer Rundfunk, 1994.

 

Bildnachweise: 1. Alina Osipova: Tanz (Pixabay); 2. StockSnap: Tanzende Kinder (Pixabay); 3. Public Co: Mädchen (Pixabay); 4. ChristineZenino (Chicago): Cambodian Apsara Dancers, 2009 (Wikimedia); 5. Jozep Aznar: La Companyia Pina Bausch interpretant „Café Müller i la consagració de la primavera“ al Gran Teatre de Liceu de Barcelona. 2009 (Wikimedia); 6.u.7. Snapshots aus dem Musikvideo „Luna in Piena“

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