Syrtos und Sirtaki

Tanz aus der Krise, Teil 2

Musikalische Sommerreise 2020
Mit einer Nachdichtung von Giorgos Seferis: Arnisi (Entsagung)

Unsere musikalische Sommerreise führt uns heute nach Griechenland. Syrtos und Sirtaki sollen uns, ob mit oder Ouzo, dabei helfen, die Krise hinter uns zu lassen. Für den poetischen Teil dieser Tanz-Session sorgt Giogos Seferis, dessen Gedicht Arnisi (Entsagung) von Mikis Theodorakis kongenial vertont worden ist.

Getanzte Krisenbewältigung: der Sirtaki
Gefeierte Gemeinschaft: der Syrtos
Gesungener Widerstand: Arnisi, ein Gedicht mit vielen Facetten
Nachdichtung: Giorgos Seferis: Arnisi
Videos und Links

Getanzte Krisenbewältigung: der Sirtaki

Die Krise im Tanz überwinden, sich tanzend aus ihr lösen … Da denke ich natürlich zuallererst an die famose Schluss-Szene aus Zorba the Greek (dt. „Alexis Sorbas“), in der die beiden Protagonisten den Schmerz über das Scheitern ihrer „hochfliegenden“ Seilbahn-Pläne in Grund und Boden tanzen.
Wenn der englische Intellektuelle Basil seinen griechischen Freund, den Lebenskünstler Sorbas, unvermittelt auffordert, ihn das Tanzen zu lehren, so erhält dies hier folglich eine tiefergehende Bedeutung. „Teach me to dance“, das bedeutet in diesem Fall zugleich: „Teach me to overcome my sorrow!“ So ist die Szene ein besonders eindrückliches Beispiel für die befreiende Kraft des Tanzens.
Leider ist der von Mikis Theodorakis konzipierte Sirtaki, der in dem Film seine Geburt feierte, allerdings für das Tanzen in Corona-Zeiten nicht unbedingt die erste Wahl – denn er ist alles andere als ein berührungsloser Tanz. Er setzt vielmehr noch stärker als die klassischen griechischen Kreistänze auf Körperkontakt, indem die Tanzenden sich an den Schultern umfassen.

Gefeierte Gemeinschaft: der Syrtos

balafas kostas1Für unsere spezielle Situation besser geeignet ist der Syrtos (auch: Sirtos), aus dem Theodorakis den Sirtaki (wörtlich „kleiner Sirtos“) entwickelt hat. Es gibt in Griechenland zwar eine Vielzahl von Syrtos-Varianten. Jede Insel hat ihre eigene Variante, auch viele Städte und Regionen auf dem Festland haben ihren eigenen Syrtos. Allen Syrta gemeinsam ist jedoch, dass es sich dabei um einen Reigen handelt, einen Kreistanz.
Zwar kommt auch der Syrtos nicht ohne Berührungen aus: Meist fassen die Tanzenden sich dabei an den Händen. Allerdings gibt es auch Varianten, bei denen an die Stelle der unmittelbaren Berührung das gemeinsame Anfassen eines Tuches tritt, das die Tanzenden miteinander verbindet. Mit etwas Phantasie und gutem Willen lässt sich der Tanz also durchaus „coronatauglich“ machen!
Ein Beispiel für einen Syrtos der zahmeren Art führt der slowenische Musiker Marijan Rudel im Internet mit einer Tanzgruppe vor. Um das Video zu dem Tanz hat es einige Verwirrung gegeben (siehe Kommentare unter dem Clip). Denn der Tanz wird dort als „Misirlou“ bezeichnet. Dieser Name ist aber eng mit einem Lied assoziiert, zu dem in der Regel eher der bauchtanzähnliche Tsifteteli getanzt wird (vgl. hierzu den nächsten Teil dieser Musikreise).
Der Grund für das Missverständnis ist offenbar, dass zu dem Lied „Misirlou“ 1945 an der Duquesne University in Pittsburgh (Pennsylvania) ein eigener Tanz entwickelt worden ist. Dieser orientiert sich an dem Syrtos Chaniotikos (Haniotikos). Der Tanz „Misirlou“ ist deshalb eine Variante des Syrtos und darf nicht mit dem gleichnamigen Lied und den dazu üblichen Tänzen gleichgesetzt werden.

Gesungener Widerstand: Arnisi, ein Gedicht mit vielen Facetten

Die Musik in dem Video stammt von Mikis Theodorakis. Er hat sie 1961 zu dem Gedicht Arnisi („Entsagung“) des griechischen Dichters und Diplomaten Giorgos Seferis komponiert. Dass der Syrtos zu einem Gedicht getanzt wird, passt übrigens durchaus zu der Tradition dieses Tanzes. Es wird angenommen, dass seine Grundform, der Wechsel aus Bewegungen der Tanzenden im Kreis und auf der Stelle, als tänzerische Entsprechung zum daktylischen Metrum der homerischen Epen konzipiert worden ist.

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Das Gedicht ist grundsätzlich für  mehrere Deutungen offen: Menschen sitzen am Strand und schreiben in den unschuldig-reinen weißen Sand einen Namen, der dann von den Wellen verwischt wird. Dies kann sich zunächst ganz allgemein auf verlorene Hoffnungen und Utopien, daneben aber auch konkret auf eine verlorene Liebe oder gescheiterte Lebensentwürfe beziehen.
1931 entstanden, reflektiert das Gedicht aber auch das Gefühl von Heimatverlust und Heimatferne, das Seferis in seinem Leben auf vielfältige Weise erfahren hat. Dabei ist weniger an die vielen Jahre zu denken, die er als Diplomat im Ausland verbracht hat. Entscheidend ist vielmehr die „kleinasiatische Katastrophe“, mit der in der griechischen Geschichtsschreibung die Zwangsumsiedlung der griechischen Bevölkerung Kleinasiens nach Griechenland im Jahr 1922, im Anschluss an den griechisch-türkischen Krieg, bezeichnet wird. Da auch Seferis‘ Familie aus Smyrna, dem heutigen Izmir, stammte, war er hiervon unmittelbar betroffen.
Dies ist auch die Brücke, durch die das Gedicht während der Zeit der griechischen Militärdiktatur (1967 – 1974) zu einer Hymne des Widerstands werden konnte. Der von den Wellen verwischte „Name“ war so auch auf Griechenland selbst und die Entstellung des Landes durch die Junta beziehbar. Da die weiße Farbe des Sandes in der ersten Strophe mit dem Gefieder einer Taube verglichen wird, lässt sich das Gedicht zudem im Sinne einer Zerstörung des Friedens durch die Militärherrschaft verstehen, die dessen „Namen“ und damit die Idee des Friedens auslöscht.
Das gemeinsame Singen des Gedichts zu der Musik von Theodorakis wurde so zu einem Akt des Widerstands, der auf subtile Weise die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Junta anprangerte. Besonders deutlich wurde dies 1971 bei der Beerdigung des 1963 mit dem Literaturnobelpreis geehrten Seferis, als Tausende auf den Straßen das Lied intonierten.

Nachdichtung: Giorgos Seferis: Arnisi

 Originaltext mit engl., ital., russ. Übersetzung

Nachdichtung:

pen-3542396_1920 (2)Monika Smigielska
 
Entsagung

In dem verschwiegenen Gefieder
des taubenweißen Sandes
dürsteten wir in der Mittagsglut.
Aber wie bitter schmeckte das Wasser!

In die weiche Haut des Strandes
haben wir unsere Hoffnung geritzt.
Aber der glühende Atem des Windes
hat uns’re Worte verweht.

Trunken vom Traumtanz des Meeres,
haben wir einst uns’ren Durst gestillt.
Gebrochen aber hat die brandende Gischt
den Flügel des Traums.

Videos und Links

Maria Farantouri singt Sto Perigali (= Arnisi); „Sto Perigali“ sind die Anfangsworte des Gedichts, unter denen die Vertonung von Mikis Theodorakis bekannt geworden ist:

Tanz zu dem Lied, vorgeführt von einer slowenischen Tanzgruppe unter Leitung von Marijan Rudel:

Schluss-Szene mit Sirtaki in Zorba the Greek (Alexis Sorbas):

 Zum Zusammenhang von Misirlou und Syrtos vgl. Pittman, Anne M. / Waller, Marlys S. / Dark, Cathy L.: Dance a while. A handbook for folk, square, contra and social dance (2009), S. 276. Long Grove (Illinois) 2015: Waveland Press.

Bildnachweise: Titelbild: Baldassare Peruzzi: Tanz Apollons mit den Musen (15.Jhd.); 1. Kostas Balafas (1920-2011): Tanzendes älteres Paar (um 1940); Fries der Chortänzer aus dem Heiligtum der Großen Götter in Samothraki (6. Jhd. v. Chr.), Wikimedia; Monika Smigialska: Feder am Strand (Pixabay)

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