Stéphane Mallarmé: Renouveau („Erneuerung“)

Stéphane Mallarmé hat nie verhehlt, dass Charles Baudelaires 1857 erschienene Gedichtsammlung Les Fleurs du mal („Die Blumen des Bösen“) für ihn – wie für so viele andere Literaten seiner Zeit – eine Offenbarung war. Auch das Werk Paul Verlaines, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, war ein wichtiger Orientierungspunkt für sein dichterisches Schaffen.
Mallarmés Leben allerdings verlief ganz anders als das seiner literarischen Vorbilder. Bei Baudelaire und Verlaine entsprach der dichterischen Durchmessung des Abgrunds der menschlichen Existenz auch ein Leben am Abgrund. Drogenexzesse und die wiederholte ekstatische Hingabe an menschliche Leidenschaften führten hier zu einem Leben am Rande der Gesellschaft, das von ständigen Geldsorgen und einer früh zerrütteten Gesundheit geprägt war. Mallarmé hingegen lebte als Gymnasiallehrer und treuer Familienvater ein durchaus bürgerliches Leben.
Eines der wenigen Beispiele, an denen sich die geistige Nähe Mallarmés zu Baudelaire ablesen lässt, ist das Gedicht Renouveau („Erneuerung“). Wie Mallarmé in einem Brief an seinen Freund Henri Cazalis erläutert, sind die Verse eine Auseinandersetzung mit „der seltsamen Unfruchtbarkeit, die der Frühling in mir hervorgerufen hatte“.
Der Begriff, den Mallarmé in dem Zusammenhang prägt – „Frühlingsspleen“ („Frühlingsmelancholie“) –, verweist unmittelbar auf die drei „Spleen“ überschriebenen Gedichte in Baudelaires Fleurs du mal. Was sich hierin – wie in dem darauf aufbauenden Gedicht – ausdrückt, ist ein Gefühl des existenziellen Ausgeschlossenseins, wie es auch für das dichterische Schaffen Baudelaires und Verlaines charakteristisch ist. Ein Gefühl der Vertreibung aus dem Paradies der Einheit, des Geworfenseins in ein von Geburt an zum Tode verurteiltes Leben.
Während allerdings bei Baudelaire und Verlaine das Leiden am und im Dasein durchgehend in ihrer Dichtung präsent ist, ist dies bei Mallarmé nur in seinem Frühwerk der Fall. Die späteren Gedichte sind von einem hermetischen Symbolismus geprägt, der seinen eigenen Verweisungszusammenhang kreiert und sich so gegen das wesenhafte Chaos des Lebens abschottet.

Mallarmé-Zitate entnommen aus: Haug, Gerhard: Nachwort. In: Mallarmé, Sämtliche Gedichte, (1957),  Heidelberg 4. Aufl. 1984: Lambert Schneider, S. 287 – 299 (hier S. 290 f.).

Originaltext

Erneuerung

Den Winter, die Zeit der heiteren Kunst, den klaren Winter,
hat traurig der kränkliche Frühling verjagt.
Nun lähmt im trägen Strom des Blutes
ein gähnendes Erwachen meinen Geist.

Und während durch die Felder wuchernd
die Welle der Verwandlung wogt,
irre ich im Dornenkranz des weißen Lichtes
der Dämm’rung eines unbestimmten Traumes nach.

Ermattet von dem Duft der Bäume, versenke
ich den Traum im Grab meines Gesichts
und sinke in die veilchenwarme Erde;

sinke, bis mein Trübsinn mich umschließt,
derweil durch das Spalier der Hecken lachend
das zwitschernde Leuchten des Himmels bricht.

(Erstveröffentlichung 1866)

 

Ausführliches Essay zur Poesie Mallarmés: Ausfstand gegen das Leben. Stéphane Mallarmés hermetischer Symbolismus

 

Bild: Edvard Munch: Die Sonne (1911), Sammlung der Universität Oslo

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