Viktor Tsoj / Kino: Pjerjemjen! (Veränderungen!)

Der Wandel – ersehnt und gefürchtet

Die Inbrunst, mit der  in Viktor Tsojs Lied die Sensucht nach „Pjerjemjen!“ („Veränderungen!“)buzzard-3743247_1920 (2)analogicus herausgerufen wird, erzählt viel über die Zeit der Perestrojka, in der das in Russland sehr berühmte Lied entstanden ist. Über die Hoffnung, dass endlich alles anders wird, dass es einen wirklichen und echten Neuanfang geben wird. Und über den Zweifel, ob es tatsächlich gelingen wird, diesen kompletten Neustart im Alltag umzusetzen.
Wie wir alle wissen, hat das mit dem Neustart in Russland tatsächlich nicht so gut funktioniert. Es war eher ein wilder Ritt durch einen Kreisel, bei dem man am Ende wieder am Ausgangspunkt der Reise angelangt ist.
Der Song zeigt allerdings auch, dass es nicht immer das große Ganze – die Gesellschaft, die Welt, die Menschheit … – ist, was einen daran hindert, Veränderungen in Angriff zu nehmen. Zuweilen steht man sich dabei auch schlicht selbst im Weg. Die zentralen Hemmnisse sind dabei die eigene Bequemlichkeit und die Alltagsroutinen, die sich wie ein Kokon um unser Leben legen.
Hinzu kommt die gegenseitige Bestätigung in der Vergeblichkeit von Veränderungsversuchen. Diese Bestätigung kann auch schweigend erfolgen, durch das bloße Zusammensein von Freunden in den immer gleichen Settings, wie sie am Schluss des Liedes beschrieben werden.
Victor_Tsoi_1986_cropped Mukhin 1986Der Song ist in Russland längst zum Klassiker avanciert und vielfach gecovert worden. Er steht beispielhaft für Tsojs expressive Sprache, für seine Fähigkeit, mit wenigen Worten und Klängen bestimmte Gefühlslagen und Alltagssituationen zu evozieren.
Viele Lieder des 1962 als Sohn eines koreanischstämmigen Vaters und einer russischen Mutter geborenen Tsoj weisen eine resignative Grundstimmung auf. Sein letztes, erst nach seinem frühen Tod erschienenes und daher Tschornyj Album („Schwarzes Album“) getauftes Werk wurde denn auch vielfach als Vorausdeutung auf seinen Unfalltod im Jahr 1990 angesehen.
Dennoch zeugen Tsojs Lieder nicht von Eskapismus oder innerer Emigration. Das Bekenntnis zu inneren Zweifeln und einer melancholisch-skeptischen Haltung gegenüber den großen Zukunftsvisionen war vielmehr auch eine Form des sozialen Protests. Dieser richtete sich sowohl gegen die Fortschrittspropaganda der Sowjet-Zeit als auch gegen die Umgestaltungslitaneien der Perestrojka-Jahre. Eben dies machte Tsoj zu einem perfekten Anti-Helden und prädestinierte ihn so auch zu einem Idol der Jugend.

Viktor Tsoj (Zoi) mit der Band Kino: Pjerjemjen! (Veränderungen!)

aus: Posljednij Gjeroj (1989)

Live-Aufnahme (1986)

Albumfassung

Liedtext

Übersetzung:

Veränderungen!

Keine Wärme – nichts als der grüne Schimmer des Glases.
Kein Feuer – nichts als Rauch.
Der Tag herausgerissen
aus dem Netz der Zeit.

Die rote Sonne, die sich endgültig verzehrt.
Der Tag, der mit ihr verbrennt.
Kaum entflammt,
versinkt die Stadt im Schatten.

Veränderungen!
Das ist es, wonach unsere Herzen verlangen!
Veränderungen!
Das ist es, wonach unsere Augen verlangen!

Aus unserem Lachen wie aus unserem Weinen
und aus unseren pulsierenden Adern
ruft es:
Veränderungen!
Wir warten auf Veränderungen!

Das elektrische Licht verlängert unseren Tag.
Die Streichholzschachtel ist leer,
aber in der Küche blinzelt der Herd
mit seiner blauen Flamme dich an.

Zigaretten in der Hand, Tee auf dem Tisch –
es ist immer das gleiche Muster.
Und sonst ist da nichts:
Es liegt alles nur an uns.

Veränderungen! …

Aus unseren Augen spricht keine besondere Weisheit,
unsere Hände zeichnen keine ausgefallenen Gesten.
All das brauchen wir nicht,
um einander zu verstehen.

Zigaretten in der Hand, Tee auf dem Tisch –
so schließt sich der Kreis.
Und plötzlich kommt es uns schrecklich vor,
etwas zu verändern.

Veränderungen! …

 

Mehr Musik aus Russland: Putinistan und Russkij-Rockistan. Zur Kontinuität der musikalischen Gegenkultur in Russland.

 

Bilder: Viktor Tsoj 1985. Quelle: kinoman.net; Analogicus: Boussard (Pixabay);  Igor Mukhin: Viktor Tsoy 1986

2 Antworten auf „Viktor Tsoj / Kino: Pjerjemjen! (Veränderungen!)

  1. Ewa

    Vielen Dank für dieses Lied und die kongeniale Übertragung ins Deutsche. Ich bin sehr beeindruckt von dem Text, der mit so einfachen Worten so Vieles ausdrückt. Viktor Tsoj sollte nicht vergessen werden. Er hat uns auch heute noch etwas zu sagen!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Das süße Gift der Oblomowschtschina: Wenn aus Fatalismus Opportunismus wird – rotherbaron

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