Alessandro Mannarino: Apriti cielo! („Öffne dich, Himmel!“)

Hoffnung und Mühsal der Flucht

Der 1979 in Rom geborene Alessandro Mannarino, der als Künstler nur unter seinem Nachnamen auftritt, begann seine Karriere nach eigenen Angaben als „DJ für World Music in den Multi-Kulti-Kneipen“ Roms (vgl. Mizzoni 2010). Diese Tätigkeit erweiterte er sukzessive zu einem komplexeren musikalischen Entertainment, für das er 2006 auch die Band Kampina gründete. Seine Musik blieb dabei von der „World Music“ beeinflusst und enthält Elemente so unterschiedlicher Stilrichtungen wie Klezmer, Blues oder Bossa Nova. Mannarinos Anspruch war es dabei von Anfang an, zu zeigen, „dass man Musik auch ganz anders machen kann, als ich es im hiesigen Radio hörte“.
Der kulturkritische Impetus seiner Musik spiegelt sich auch in seinen Texten wider, die sich gegen die von ihm ausgemachten Tendenzen zu Oberflächlichkeit und Materialismus richten. So sieht er es als „das große Problem Italiens“ an, dass man „mithilfe des Fernsehens einen Angriff auf die Gehirne der Italiener gestartet“, sie „durch sterile Programme abgestumpft“ und ihnen vermittelt habe, dass das Leben „so etwas wie ein Konsumgut“ sei, „wo alles möglich ist und keiner sich wehtut“.
Mannarinos mitreißende, häufig zum Tanzen einladende Songs dienen damit nicht nur der Unterhaltung, sondern verstehen sich stets auch als Einladung in eine andere Gefühlswelt oder zu einem Perspektivwechsel. Dem entspricht seine Forderung, dass „jedem Lied (…) eine Erschütterung, ein einzigartiger Funke innewohnen“ müsse, „der einen bestimmten Eindruck, eine Idee hinterlässt“.
Durch seine zahlreichen Auftritte in den verschiedenen römischen Szene-Treffs war Mannarino in den einschlägigen Kreisen bereits vor der Veröffentlichung seines ersten Albums, Bar della rabbia („Bar des Zorns“, 2009), hinreichend bekannt. Auch erste Radio- und Fernsehauftritte hatte er zu dem Zeitpunkt bereits absolviert. Dies begünstigte den großen Erfolg des Albums bei Publikum und Kritikern. Zahlreiche Tourneen und weitere Alben festigten seine Position in der italienischen Musikszene und brachten ihm 2014 bei den Auszeichnungen zum Premio Italiano della Musica Indipendente die Würdigung als „Bester Independent-Künstler des Jahres“ ein.
Der Ende 2016 veröffentlichte Song Apriti cielo („Öffne dich, Himmel!“) betont in einer interessanten Mischung aus bekennendem Atheismus (‚im Innern des Himmels ist nichts‘) und einer Anlehnung an katholische Fürsprachegebete das Recht jedes Menschen auf ein Leben in Würde. Unterstützt wird dies durch einen Videoclip, in dem der Sänger als Grenzpolizist zu sehen ist, der durch sein gezieltes Wegsehen den Flüchtenden den Weg in die Freiheit ermöglicht
„Apriti cielo“ dient im Italienischen auch als Ausruf der Verwunderung oder der Bestürzung (im Sinne von „O mein Gott!“ / „Um Himmels willen!“). Indem Mannarino die Wendung hier im wörtlichen Sinne benutzt, verknüpft er den Ausdruck der Bestürzung über das Schicksal der Flüchtenden mit dem Ausdruck der Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage.

Mannarino-Porträt:

Mizzoni, Simona: Alessandro Mannarino: Egal welcher Song, was zählt, ist der Rausch. In: Cafébabel vom 25. März 2010.

Alessandro Mannarino: Apriti cielo!

(aus dem gleichnamigen, Anfang 2017 erschienenen Album; Song vorab veröffentlicht Ende 2016)

Lied (Videoclip):

Text

Übersetzung:

Öffne dich, Himmel!

Öffne dich, Himmel,
und schick all jenen
ein wenig Sonne,
die alleine leben.

Öffne dich, Himmel,
und beleuchte wahrhaft
die Zeiten, als sie das gewesen sind,
was ich nie war.

Wir haben dieses Leben zwischen den Sternen gefunden,
dann haben wir die Höhlen verlassen
und sind an der Absperrung angekommen.

„Lasst mich durch, denn ich habe keine Zeit,
ich habe schon so lange geschlafen,
jetzt habe ich eine wichtige Verabredung

mit dem eilenden Wind,
mit dem fliegenden Himmel
und mit diesem einen Leben –
ich habe nur dieses eine Leben.“

Öffne dich, Himmel,
an der Grenze,
für die Flüchtenden,
für ein ungeteiltes Leben.
Öffne dich, Himmel,
für die, die keine Heimat haben,
für die, die keine Stimme haben,
für die, die taumelnd durch den Abend laufen.

Öffne dich, Meer,
und lass sie durch,
sie haben nichts getan,
nichts Schlechtes.

Inmitten des Himmels hängt ein Plakat:
„Wenn du gut zu leben wünschst,
musst du daheim bleiben.“
Aber ein Mädchen hat mir eines Tages erklärt,
dass das Meer so viele Wellen hat, dass es am Horizont nicht endet.

Also lass uns gehen!
Mein Herr, mit Hilfe einer Lupe hat man herausgefunden,
dass hinter dem Himmels nichts ist,
allenfalls ein schwarzes Tuch
kann man dort entdecken.

Öffne dich, Himmel,
fliegender Himmel
über dem einen Leben,
ich habe nur dieses eine Leben.

Öffne dich, Himmel,
an der Grenze …

Öffne dich, Himmel,
für die, die keine Heimat haben …

Der Wind des Krieges
ist ein Orkan,
amore mio, ich habe keine Kraft mehr,
lass uns fortlaufen.
„Hab keine Angst,
und gib mir die Hand,
die Nacht ist dunkel, aber ich und du, wir werden uns beschützen.“

Öffne dich, Himmel,
an der Grenze …

Öffne dich, Himmel,
für die, die keine Heimat haben …

Öffne dich, Himmel,
und schick denen ein wenig Sonne,
die keinen Namen haben,
die keine Rechte haben.

Öffne dich, Himmel,
und schick denen ein wenig Sonne,
die alleine laufen
zwischen Millionen anderen.

 

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Bild: Mohamed Nuzrad. Rail-Road (Pixabay)

2 Antworten auf „Alessandro Mannarino: Apriti cielo! („Öffne dich, Himmel!“)

  1. R. Schmitt

    Danke!- Das ist wirklich eine tolle Idee. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Türchen. Dieses Lied ist auch sehr interessant. Das Standbild schreckt ja etwas ab, aber der Text und die Musik sind klasse.

    Gefällt 1 Person

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