Charles Baudelaire: Spleen (Schwermut)

Baudelaires epochalen Gedichtband Les fleurs du mal kennen wir im deutschsprachigen Raum vor allem als Die Blumen des Bösen. Die Bedeutung von „le mal“ ist jedoch wesentlich komplexer. So ist „le mal du pays“ das Heimweh, und wer „mal au cœur“ hat, dem ist übel.

Die „kränklichen Blumen“, die Baudelaire in der Widmung seines Gedichtbandes an Théophile Gautier ankündigt, können demnach auch dem Schmerz entwachsen. „Ennui“ und „Spleen“ sind denn auch Schlüsselbegriffe der Fleurs du mal. Beide sind nur annäherungsweise zu übersetzen, verweisen mit ihrer assoziativen Verbindung von Lebensüberdruss und Schwermut, Langeweile und unbestimmtem Groll aber auf den charakteristischen Seelenzustand des modernen Menschen, seine Entfremdungsgefühle und sein Unbehaustsein in einer Welt, die ihr selbstverständliches Sinn- und Ordnungsgefüge verloren hat.

Indem Baudelaire diesen Empfindungen in seinen Gedichten Ausdruck verleiht, möchte er jedoch keineswegs die existenzielle Verzweiflung befeuern. Vielmehr soll durch die dichterische Form ein Weg zu deren Überwindung angedeutet werden: Indem die Unvollkommenheit des menschlichen Daseins im harmonischen Raum der Poesie bzw. allgemein der Kunst gespiegelt wird, ist sie zumindest in deren Bereich suspendiert.

So mögen die „Tränen“, die einem die von Baudelaire angestrebte Dichtung „in die Augen treibt“, zwar auf eine von den Versen zum Ausdruck gebrachte Melancholie zurückzuführen sein. Idealerweise handelt es sich dabei dann jedoch um „die verfeinerte Melancholie (…) eines im Unvollkommenen ausgesetzten Wesens, das in eben diesem Augenblick, auf eben dieser Erde, einen Blick ins Paradies erhaschen möchte“.

Das Gedicht leitet das Doppelalbum Léo Ferrés ein, auf dem der berühmte Chansonnier 1967 20 Werke Baudelaires vertont hat (Léo Ferré chante Baudelaire). Mit ihm endet die kleine Baudelaire-Reihe auf unserem Literaturplaneten. Wer auf den Geschmack gekommen ist, findet am 9. April, dem Geburtstag Baudelaires, auf rotherbaron einen ausführlichen Essay zu Baudelaire mit weiteren Übertragungen seiner Gedichte.

Charles Baudelaire: Spleen (viertes von vier Gedichten mit diesem Titel in den Fleurs du mal)

Freie Übertragung:

Schwermut

Wenn wie ein Sargdeckel der Himmel
lastet auf dem Geist, den Trübsinn kettet
an die Nacht, die ewige, die von Horizont
zu Horizont sich allumfassend dehnt;

wenn wie eine Fledermaus die Hoffnung
sich wund stößt an den Kerkerwänden
ihrer Welt und ihr Flügelschlagen hallt
gespenstisch durch die Gruft der Erde;

wenn der Regen, seine fahlen Flügel schüttelnd,
Gitterstäbe spannt um alle Wege,
heimtückisch ihre Nachtgedanken
die Schwermut spinnt um unser Herz –

dann rufen wie verlorene Seelen,
die heimatlos durch Himmel und Erde irren,
die Glocken mit wütendem, stöhnendem Klang
ihr sprachloses Gebet ins All.

Und lautlos schleichen lange Leichenwagen
um das Gerippe meiner Seele. Begraben ist
die Hoffnung unter den gebroch’nen Flügeln. Siegreich
sticht ihre schwarze Fahne in mein Herz die Angst.

 

Vertonung von Léo Ferré:

 

Nachweise:

Baudelaire-Zitat entnommen aus Notes nouvelles sur Edgar Poe (Neue Anmerkungen zu Edgar <Allan> Poe, 1857), Abschnitt IV.
Bild: Louis Jean François Lagrenée (1724-1805) : Die Melancholie (1785). Louvre

Eine Antwort auf „Charles Baudelaire: Spleen (Schwermut)

  1. Morgenroth

    Alles passt: Das Gemälde, die schöne und kluge Einführung, die einfühlsame, poetische Übertragung und die wundervolle musikalische Umsetzung Ferrés. Merci beaucoup, Baron rouge!

    Gefällt 1 Person

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