Das bretonische Volkslied Tri Martolod

Mit Links zu zahlreichen Fassungen des Liedes.

Die Weihnachtsgrüße des LiteraturPlaneten kommen in diesem Jahr aus der Bretagne – mit einem Lied, das nicht von Weihnachten handelt, aber vielleicht doch ganz gut dazu passt.

Im Kern handelt Tri Martolod (‚Drei Matrosen‘) von einem Matrosen und einer Magd, die sich das Jawort geben, obwohl sie rein gar nichts zum Leben haben. Die beiden sind sogar noch ärmer als Maria und Josef: Sie haben noch nicht einmal ein Strohlager für die Nacht, geschweige denn einen Stall als Zufluchtsort. Alles, was sie besitzen, ist die Hoffnung, dass die Kraft ihrer Liebe ihnen einen Weg durchs Leben weisen wird. Et voilà – eine wunderbare Verbindung zu Weihnachten!

Drei Matrosen

Drei junge Matrosen sind auf Reisen gegangen,
der Wind hat sie bis nach Neufundland getragen.
Neben einem Mühlenfelsen
sind sie vor Anker gegangen.
Und in dieser Mühle gab es eine Magd.
Und sie fragt mich: „Woher kennen wir uns?“

In Nantes, auf dem Markt,
haben wir einen Ring ausgesucht,
einen Verlobungsring,
und wir wollten Hochzeit feiern.
Wir werden heiraten,
selbst wenn wir nichts besitzen.

Ihr könnt euch glücklich schätzen, Mutter,
ihr wisst nicht, wer Not leidet.
Wir haben weder Haus noch Stroh,
noch nicht einmal ein Bett für die Nacht.

Wir haben weder Bettlaken noch -decke
und auch kein Kissen unter dem Kopf.
Wir haben weder Napf noch Löffel
und auch nichts, um Brot zu backen.

Wir werden es machen wie das Rebhuhn:
Wir werden auf dem Boden schlafen.
Wir werden es machen wie die Waldschnepfe,
die bei Sonnenaufgang umherzustreifen beginnt.

Mein Lied ist zu Ende,
aber vielleicht willst du es ja fortsetzen …

Trotz der materiellen Not der Liebenden kommt das Lied alles andere als larmoyant daher. Im Stil einer Gavotte gehalten, lädt es bei entsprechender Instrumentierung sogar zum Tanzen ein. Dies entsrpicht einer Einstellung, die jahrhundertelang auf dem Land vorherrschend war. Alte Gemälde von ausschweifenden Dorffesten zeugen noch heute von der Bereitschaft, die materielle Not – wenn sie sich schon nicht aus der Welt schaffen ließ – wenigstens für ein paar Stunden „hinwegzutanzen“.

Entstanden ist das Lied Ende des 18. Jahrhunderts in der „Basse Bretagne“, wo im Gegensatz zur näher am französischen Kernland liegenden „Haute Bretagne“ die bretonische Sprache und Kultur von jeher stärker verankert war. Es handelt sich um einen für die Bretagne typischen Ringkanon, bei dem die einzelnen Liedzeilen jeweils von anderen Sängern aufgegriffen und wiederholt werden.

Die aktuelle Popularität des Liedes in Frankreich verdankt sich vor allem einer Interpretation durch Nolwenn Leroy aus dem Jahr 2010, die Folk-Elemente in gefälliger Weise mit der Pop-Kultur verbindet. Hierzu passt auch ein Video, in dem die Sängerin in einem goldenen Kleid durch einen dunklen Wald tanzt. Dazu streift eine Gruppe von Kindern durchs Unterholz, auf der Suche nach dem Geheimnis, das die tanzende Sängerin personifiziert.

Die eingängigen Klänge und die ansprechende Optik des Videos haben zwar der bretonischen Musik-Tradition zu vermehrter Aufmerksamkeit verholfen. Gleichzeitig hat die Annäherung an den Mainstream jedoch zur Folge, dass charakteristische Element des Liedes verloren gehen. So wird etwa der Text nur noch bruchstückhaft vorgetragen. Dabei muss man der Sängerin allerdings zugute halten, dass mehrere Versionen des Textes existieren und dieser, schon durch die mündliche Form der Überlieferung, bei öffentlichen Vorträgen sicherlich immer wieder abgewandelt worden ist. Ein noch stärkerer Eingriff in den ursprünglichen Charakter des Liedes ist es daher wohl, dass die Vortragsweise auf das Element des Kanons verzichtet.

Nolwenn Leroy: Tri Martolod; Videoclip (2011) mit der hier zugrunde gelegten Fassung des ursprünglichen Liedtextes in den Kommentaren; aus: Bretonne (2010)

Beispiel für einen Tanz zur Melodie des Liedes: Gavotte de Lannilis sur l’air de „Tri Martelod“

Weitere Versionen des Liedes

Anders als Nolwenn Leroy hat sich Alan Stivell, der der bretonischen Musik mit seinem kunstvollen Harfespiel in den 1970er Jahren zu einer Renaissance verholfen hat, dezidiert um eine Anknüpfung an die Tradition bemüht. In seiner Interpretation von Tri Martolod – der zuvor schon eine Einspielung des Liedes durch die bretonische Band An Namnediz vorausgegangen war – ist das klassische bretonische Mit- und Ineinanderschwingen der Stimmen, wie es in Kanon und Wechselgesang zum Ausdruck kommt, deutlich zu erkennen. Dies gilt auch für die Interpretationen des Liedes durch die bretonische Band Micamac, die polnische Band Shannon, die russische Folkgruppe Mervent, den belgischen Sänger Gérard Jaffrès sowie für die sehr kunstvolle Version, die das multinationale Musikprojekt Cantus Lunaris eingespielt hat.

Eng auf die bretonische Musiktradition bezogen ist prinzipiell auch die Musikgruppe Tri Yann. Während Stivell allerdings zumindest in der Anfangszeit den Schwerpunkt auf die Wiederentdeckung der alten Klänge und das Zuhören legte, steht bei Tri Yann das tänzerisch-spielerische Element im Vordergrund. Dies verdeutlichen die Bandmitglieder auch durch ihre bunte, an Mittelalterfeste erinnernde Kostümierung.

Stärker an dem frühen, enger an die bretonische Gesangs- und Instrumententradition anknüpfenden Stivell orientiert ist die Version von Tri Martolod, die Bran, eine bretonisch-tschechische Musikgruppe, vorgestellt hat. Von der Band existiert bei BalconyTV auch eine sehr schöne Version eines anderen bretonischen Seemannsliedes (Trois matelots du port de Brest).

In der Folk-Tradition stehen auch die Versionen, die die spanische Sängerin Faitissa sowie der ungarische Sänger Arany Zoltán eingespielt habem (allerdings jeweils unter Verzicht auf die Kanonelemente). Eine ebemfalls traditionell-folkloristische Fassung des Liedes – mit Anlehnungen an die Tradition der russischen Volksmusik – gibt es von dem rusisschen Musikerinnendo Kukara4a freedom.

Eine fast schon klassische, meditative Version des Liedes hat der Pianist und Komponist Didier Squiban verfasst. Als Sänger fungiert hier Yann-Fañch Kemener. Etwas schwärmerischer, aber ebenfalls eher getragen präsentieren sich die Fassungen, die Annwn und die kanadische Sängerin Claire Pelletier vorgelegt haben.

Ebenfalls „klassisch“ kommt die Version daher, die der holländische Violinist Andé Rieu zusammen mit dem von ihm geleiteten Johann-Strauß-Orchester eingespielt  hat. Es handelt sich dabei allerdings um eine eher opulente als meditative Fassung, die zudem auf Gesang verzichtet. Noch opulenter ist die recht pathetische Fassung, die der Rotarmistenchor 2012 auf seiner Frankreichtournee gesungen hat. Eine Chorfassung, die eher der tradtionellen bretonischen Vortragsweise folgt,  ist 2011 von Les Marins d’Iroise eingespielt worden (unter dem Titel Tri Martolod Yaouank).

Eine ganz andere orchestrale Fassung des Liedes bieten Olli and the Bollywood Orchestra. Das Musikprojekt des bretonischen Sängers und Komponisten Ollivier Leroy hat das Stück unter dem Titel Teen Aazaad Naavik in die indische Sprache und Musikkultur übertragen.

Die andere Seite des Interpretationsspektrums von Tri Martolod repräsentieren die Rock-Fassungen, die von dem Lied existieren. Beispiele hierfür sind etwa die Versionen, die die bretonische Band Daonet, das polnische Ryczace Shannon Project (mit einer Einspielung in polnisccher Sprache) oder auch der korsische Sänger Jean-Marc Ceccaldi (auf Korsisch) vorgelegt haben.

Auch in der Folk-Metal-Szene ist das Lied aufgegriffen worden. So existiert etwa eine Fassung des Liedes von der deutschen Band Dunkelschön. Auch von dem polnischen Musiker Werman existiert eine Metal-Version, bei der es sich allerdings um eine reine Instrumentalfassung handelt. Darüber hinaus hat die Schweizer Band Eluveitie ihre Songs Inis Mona (2008) und Celtos (2014) mit Metal-Fassungen der Melodie des Liedes unterlegt (allerdings jeweils zu einem völlig anderen Text). Eine traditionelle Folk-Fassung der Melodie hat die Band 2017 für den Song Ognios genutzt (ebenfalls mit abweichendem Text).

Eine Techno-Fassung des Liedes – die aber interessanterweise Elemente des tradtionellen Wechselsgesangs und auch Folk-Anklänge einbindet  –  hat die russische Band Deep Forest vorgelegt.

Zwischen Folk und Rock changieren die Interpretationen der hessischen Band Poeta Magica, der belgischen Band Yew sowie von Julien Jaffrès, einem Sohn des belgischen Sängers Gérard Jaffrès, der das Lied ebenfalls eingespielt hat (s.o.). Folk-Rock bietet auch die Version, die die russische  Band Nachalo Veka (‚Anfang des Jahrhunderts‘) zusammen mit der Harfenistin Chelawissa (auf Russisch) veröffentlicht hat (unter dem Titel Tebja zhdala – ‚Ich habe auf dich gewartet‘).

Die unterschiedlichen Zugangsweisen zu dem Lied hindern die Musizierenden allerdings nicht daran, immer wieder gemeinsam aufzutreten und ihre Interpretationen miteinander zu verbinden. So hat Nolwenn Leroy das Lied etwa auch im Duett mit Alan Stivell gesungen – und dabei ihre Hochachtung für Stivells musikalische Leistung zum Ausdruck gebracht, ohne die auch sie nicht an die bretonische Musiktradition hätte anknüpfen können. Auch Tri Yann haben Tri Martolod schon gemeinsam mit Stivell gesungen, wobei beide auch noch von den bretonischen Sängern Dan Ar Braz und Gilles Servat unterstützt worden sind.

Dass das Lied länderübergreifend und über die Grenzen der verschiedenen Musikgenres hinweg geschätzt wird, zeigt, dass in ihm eine Sehnsucht zum Ausdruck kommt, die von allen gleichermaßen geteilt wird: die Sehnsucht nach einer Kraft, die materielle Not und Zwist auf wundersame Weise überwinden hilft. Eben diese Kraft, die auch das Bild des göttlichen Kindes in der Krippe beschwört, machen das Lied und seine leidenschaftlichen InterpretInnen spürbar.

Links zu den verschiedenen Versionen von Tri Martolod:

Interpretationen, die die klassischen Elemtente des bretonischen Wechselgesangs und Kanons aufgreifen:

Alan Stivell (Bretagne): Live-Aufnahme; Studio-Aufnahme; zuerst auf: À l’Olympia (1972)

Micamac (Bretagne): Studio-Aufnahme; aus: Froggy Dew (1996)

Shannon (Polen): Studio-Aufnahme; aus Shannon (2000)

Mervent (Russland): Studio-Aufnahme; aus: Mervent 5 (2006)

Gérard Jaffrès (Belgien): Studio-Aufnahme; aus: Viens dans ma maison / Chansons bretonnes et celtiques (2003)

Cantus Lunaris (multinationale Musikgruppe): Studio-Aufahme; aus: Fabula Antiqua (2013)

Tri Yann (Bretagne): Live-Aufnahme; Studio-Aufnahme (unter dem Titel Tri Martelod); aus: An Naoned (1972)

Bran (Bretagne/Tschechien): Live-Aufnahme (2007); Lied Trois matelots du port de Brest auf BalconyTV (2011); Liedtext

Weitere Fassungen im traditionellen Folk-Stil:

Faitissa (Spanien): Studio-Aufnahme; aus: Terra Aviatica (2014)

Arany Zoltán (Ungarn) : Studio-Aufnahme; aus: Celtica (2011)

Kukara4a freedom (Russland): Live-Aufnahme (2009)

Meditativere Versionen:

Yann-Fañch Kemener / Didier Squiban (Bretagne): Studio-Aufnahme (unter dem Titel Tri Martelod) aus dem Album Enez Eusa (1995); auch auf der Gesamtausgabe der Gemeinschaftsarbeiten von Kemener und Squiban (L’intégrale Kemener-Squiban, 2009)

Annwn (Bretagne): Studio-Aufnahme; aus: Enaid (2016)

Claire Pelletier (Québec/Kanada): Live-Aufnahme von einem Konzert in Saint-Denis; aus: En Concert au St-Denis (2003)

Orchester- und Chorfassungen:

André Rieu (Niederlande): Studio-Aufnahme mit dem Johann-Strauss-Orchester; aus: Dansez maintenant (2011)

Les Choeurs de l’Armée Rouge (Alexandrow-Ensemble, Russland): Live-Aufnahme (2012); enthalten auf: The Red Army Choir: Their Standards and Top Pop Hits (2016)

Les Marins d’Iroise (Bretagne): Live-Aufnahme vom Festival du Chant de Marin in Paimpol, 2011 (unter dem Titel Tri Martolod Yaouank); aus: Chants de mer et de marins – Keltia Musique (2011)

Olli and the Bollywood Orchestra (Bretagne/Indien): Studio-Aufnahme (unter dem Titel Teen Aazaad Naavik); aus: Olli goes to Bollywood (2013)

Rock- und Metal-Versionen:

Daonet (Bretagne): Live-Aufnahme vom Celtival on the rock (2010); Studio-Aufnahme aus: Rock a raok (2008)

Ryczace Shannon Project (Polen): Studio-Aufnahme; aus: Ryczace Shannon Project (2005)

Jean-Marc Ceccaldi (Korsika): Live-Aufnahme (unter dem Titel Tré Marinari); aus: Scelta Celta (2015)

Dunkelschön (Deutschland): Live-Aufnahme; aus: Zauberwort (2011)

Werman (Polen): Aufnahme von dem You-Tube-Kanal werman1981

Techno-Fassung:

Deep Forest (Russland): Studio-Aufnahme; aus: Dao Dezi (1994)

Folkrock-Versionen:

Poeta Magica (Hessen/Deutschland): Studio-Aufnahme; aus: Ragnar (2001)

Yew (Belgien): Live-Aufnahme mit Erwan von Atomique Deluxe (2011)

Julien Jaffrès (Belgien): Live-Aufnahme vom Mondial’Folk de Plozévet (2015)

Nachalo Veka / Chelawissa (Russland): Live-Aufnahme (auf Russisch, unter dem Titel Tebja zhdala – ‚Ich habe auf dich gewartet‘) für nasche.ru (Unser Radio)

Gemeinsame Aufnahmen meherer InterpretInnen:

Alan Stivell, Tri Yann, Dan Ar Braz und Gilles Servat (Bretagne): Live-Aufnahme vom Konzert Bretagnes à Bercy, 1999 (enthalten auf Teil 2 der Doppel-CD zum Konzert)

Alan Stivell und Nowenn Leroy (Bretagne): Live-Aufnahme vom Festival Francofolies de La Rochelle (2011)

Bild: Postkarte Liebespaar 1908

2 Antworten auf „Das bretonische Volkslied Tri Martolod

  1. Pingback: Musikalische Streifzüge: Übersicht nach Ländern und Regionen – rotherbaron

  2. Morgenroth

    Ich kannte das Lied von Tri Yann. Es ist doch erstaunlich, dass ein so relativ einfaches Volkslied eine solche Reise durch die Welt macht. Aber vielleicht haben Sie Recht, werter Baron: Es ist das Thema der reinen Liebe, dass die Menschen iom tiefsten Inneren anspricht. Danke für Ihre großartige und spannende Fleißarbeit!!

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