Mein fliegender Teppich

Nicht jeder, den das Reisefieber packt, kann seinem Fernweh einfach nachgeben. Glücklicherweise bleibt uns aber selbst dann, wenn wir uns in der Realität kaum von unserem Heimatort wegbewegen können, noch die Möglichkeit der Phantasiereise. Wir alle haben einen kleinen fliegenden Teppich im Kopf, der uns, sobald wir ihn im Geiste herbeirufen, an jeden Ort der Welt entführt, ganz egal, wie weit er entfernt ist.

Und das Schöne ist: Dort, wohin dieser Teppich uns fliegt, wird es ganz bestimmt keinen Massentourismus geben. Keine Bettenburgen, die uns die schöne Illusion vom anderen Leben am anderen Ende der Welt schon bei unserer Ankunft am Urlaubsort austreiben; keine leiernden Touristenführer, keine überdrehten Animateure, keine Prozessionen keuchender Flachländer vor dem Berggipfel, keine sonnenverbrannten Scheinleichen am Strand. Wir selbst können entscheiden, wer uns auf unserer Reise begleitet. Wen wir auf unseren fliegenden Teppich einladen, ob wir Anhalter mitnehmen und welche das sein werden – all das liegt ganz allein an uns.

Ich selbst habe mir sogar ein Luxusmodell geleistet, das mir auch Zeitreisen ermöglicht. Wenn mir irgendein Gebiet zu verbaut ist, reise ich einfach ein paar Jährchen zurück, in eine Zeit, als es noch ein Geheimtipp war. Neuerdings verfügt mein Teppich zudem über eine automatische Duftbestäubung, die Übelkeit und Flugangst vorbeugen soll.

Vor Kurzem bin ich nun wieder in das Reisebüro Zum fliegenden Teppich gegangen, um mich nach möglichen Reisezielen zu erkundigen. Übrigens ist schon allein das Reisebüro eine Reise wert: Das Elfenwesen, das dort arbeitet, gibt mir jedes Mal das Gefühl, schon mit meinem Teppich in den Lüften zu schweben, von einem lauen Sommerduft umfächert.

Zur Begrüßung bekam ich ein morgenrotes Lächeln geschenkt: „Ah, der Herr Baron – auch mal wieder reif für den Teppichflug? Wohin soll’s denn diesmal gehen?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte ich nach einer kurzen Pause, in der ich in die erwartungsfrohe Atmosphäre des Reisebüros eintauchte. „Was haben Sie denn anzubieten?“

„Das hängt ganz davon ab, wann sie aufbrechen möchten.“

„Am liebsten sofort …“

Das Reisebüro war eigentlich gar kein richtiges Büro. Es wirkte eher wie ein durchsichtiges Zelt, das jemand auf einem luftigen Wolkenberg aufgestellt hatte. Dadurch wurde das Reisefieber hier noch einmal zusätzlich angestachelt. Man sah gewissermaßen schon seinen fliegenden Teppich vor sich, man spürte das leichte Erzittern der Luft, wenn er sich sanft von dem Wolkengebirge abstieß und in die flimmernde Ferne eintauchte.

Das Elfenwesen klickte sich rasch durch ein paar Dateien – oder war das eher eine Glaskugel, die da nach passenden Reisezielen für mich durchforstet wurde?

„Wenn es sofort sein soll, würde ich Ihnen zu Nordkarelien raten …“ Die Stimme des Elfenwesens drang wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Sie klang verheißungsvoll, als würde mich daraus schon das fremde Land anraunen, das mir empfohlen worden war.

Nordkarelien … Ja, ich hatte schon einmal von Karelien gehört, ich hätte es irgendwo in Nordosteuropa verortet, an der Grenze zwischen Russland und Finnland. Damit lag ich zwar nicht ganz falsch, aber es war eben doch nur ein grobes Orientierungswissen, in dem sich die Wirklichkeit der mir unbekannten Region kaum anders widerspiegelte als das Universum in den Sternbildern, mit denen wir das Unfassbare fassbar zu machen versuchen.

Aber was soll’s, dachte ich mir, genau das war ja der Zweck meiner Teppichtouren: etwas Fremdes zu erkunden, neue Gegenden der Welt kennenzulernen. Also setzte ich mich einfach auf meinen Teppich und schwebte von dannen.

Die Reisen mit meinem fliegenden Teppich sind schnell und langsam zugleich. Das heißt, eigentlich sind beide Begriffe unpassend, denn mein Teppich gleitet wie ein Bus der Lüfte auf seiner eigenen Spur, und diese Spur windet sich außerhalb der Zeit dahin. So fand ich mich einfach plötzlich am Zielort meiner Reise wieder, ohne dass ich hätte sagen können, wie lange ich unterwegs gewesen war.

Das Erste, was ich sah, als ich auf die Landschaft herunterblickte, war etwas, das von oben wie ein Spiegel wirkte, auf dem ein Jugendstilkünstler Hunderte von grünen Glasperlen verteilt hatte. Deren smaragdenes Glitzern wurde von dem Spiegel aufgenommen und zu Figuren verwoben, die ineinander verschwammen und so immer wieder neue Gestalten formten.

Bei näherem Hinsehen erkannte ich, dass ich mich über einem See befand, in den unzählige Inseln getupft waren. An manchen Stellen wirkte das Gewässer dadurch eher wie ein gewaltiges Flussdelta, das die Wälder an seinen Ufern ebenso umarmte, wie es von ihnen umarmt wurde. Wald und Wasser verschmolzen so zu einer einzigen unabsehbaren Fläche, die sich als grün-blaues Meer in den Horizont ergoss.

Ich parkte meinen Teppich mit der Luftankerfunktion über dem Wasser und ließ mich in das kühle Nass gleiten. Das war ein Bad ganz nach meinem Geschmack! Die Chlorpfützen der städtischen Freibäder, in denen man im Sommer Abkühlung sucht, haben mir noch nie gefallen. Der Reiz des Schwimmens hat für mich schon immer darin bestanden, dass ich dabei ganz konkret in die Natur „eintauchen“ kann; dass ich mich in ihr verlieren, mich von ihr tragen, von ihr wiegen lassen kann, ein Säugling, der ganz auf die Kräfte der großen Muttergöttin vertraut.

Noch nie bin ich so vollständig in der Natur versunken wie hier, in diesem smaragdbetupften See, den die Einheimischen Pielinen oder Pielisjärvi nennen. Wenn ich mich auf den Rücken legte, sah ich nichts als Himmel und Baumwipfel, kein Laut drang an mein Ohr außer dem vereinzelten Fiepen des Grauschnäppers, eines kleinen Vogels, der so unscheinbar wie nützlich ist – wie sein volkstümlicher Name „Mückenfänger“ andeutet.

Am Abend fächelte mir der leichte Wind, der schon den ganzen Tag über geweht hatte, eine angenehme Kühle um die Wangen. Und über dem erzitternden Wasser wurde nun ein tanzender Goldregen sichtbar, der unablässig auf und ab wogte. Als ich begriff, dass es sich bei dem vermeintlichen Goldregen um Mückenschwärme handelte, zog ich mich rasch auf meinen fliegenden Teppich zurück und aktivierte die Anti-Mücken-Tarnkappe. So wurde der Teppich zu einer frei schwebenden Hängematte, in der ich mich unbeschwert in die Nacht hinüberschaukeln lassen konnte.

 

 

aus: Rother Baron: Musikalische Sommerreise 2018, Teil 1

Vollständiger Text mit Links zu Musik aus Finnland und Estland auf rotherbaron

 

Bild: Collage unter Verwendung des Gemäldes „Fliegender Teppich“ von Viktor M. Wasnezow (1880)

 

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