Auszüge aus dem Roman Überdreht – wie Außerirdische die Welt mit Windrädern erobern wollten/2
Der Leiter der Erkundungsmission zur Invasion der Erde befindet sich auf Heimaturlaub auf dem Planeten Kadohan, den er nun mit anderen Augen sieht. Gleichzeitig sinniert er über die Besonderheiten des Planeten Erde und seiner dominierenden Spezies.
Worum es geht
Nach der Erfindung einer Verjüngungspille drohen auf dem Planeten Kadohan Platz und Ressourcen knapp zu werden. Einziger Ausweg: die Suche nach einem Ersatzplaneten. Dabei fällt die Wahl auf den Planeten „Erde“. Leider ist dieser aber bereits bewohnt …
Osmotische Verbindung zwischen Innen- und Außenwelt
Es war ein überwältigendes Gefühl, nach so langer Zeit wieder auf seinen Heimatplaneten zurückzukehren. Spontan beschloss der Leiter der Erderkundungsmission, für die sich mittlerweile die Bezeichnung „StarWind“ eingebürgert hatte, sich einstweilen schlicht „Kadohano“ zu nennen.
Genießerisch ließ er sich in die künstliche Schwerelosigkeit seines Zimmers fallen und blickte durch die transparenten Plasmawände hinaus in den leuchtenden Tag. Es gehörte zu den Dingen, die ihn am Leben auf der Erde am meisten befremdeten: dieses ständige Bedürfnis der Erdlinge, sich gegen ihre Umgebung abzuschotten. Noch ihre größten Fenster waren so dicht, dass kaum ein Laut oder ein Duft der Welt in ihre Behausungen drang. So hatte er sich dort die ganze Zeit über eingesperrt gefühlt.
Hier dagegen, auf Kadohan, waren Außen und Innen in osmotischer Weise miteinander verbunden. Die Wände waren durchsichtig, die Räume befanden sich in einem ständigen Austausch mit der Außenwelt. Das führte zu einem völlig anderen Lebensgefühl, das eher vom Aufgenommensein in der Welt geprägt war als von den Empfindungen des Abgeschottet- und Ausgesetztseins, die das Leben der Erdlinge bestimmten.
Doppelter Tag statt Tag-Nacht-Rhythmus
Der Expeditionsleiter ließ seinen Blick von einer Ecke des Horizonts zur anderen wandern. All das, was er früher als selbstverständlich hingenommen hatte, enthüllte sich für ihn auf einmal in seiner einzigartigen Schönheit.
Er hatte zwar stets um die Verletzlichkeit seines Heimatplaneten gewusst. Aber erst jetzt, als er nach seiner langen Abwesenheit wieder das Licht der beiden Sonnen – Sija und Merza – spürte, in deren Mitte Kadohan verankert war, stieg wieder ein Gefühl für das einzigartige Gleichgewicht in ihm auf, dem sein Planet seine Existenz verdankte. Schon eine geringe Veränderung im Magnetfeld einer der beiden Sonnen könnte seinen Untergang bedeuten.
So aber lebten die Kadohaner auf einem Planeten, auf dem es keine Nacht gab. Stattdessen gab es zwei Tage, die sich sowohl in ihrer Länge als auch in Art und Intensität des Lichtes voneinander unterschieden. Die Tage wurden nach der Sonne, von deren Licht der betreffende Teil des Planeten jeweils beschienen wurde, benannt. Der eine hieß Sijan, der andere Merzan.
Das Licht, das von dem größeren, aber viel weiter entfernten Stern Sija kam, war klarer, glänzender als das von Merza ausgesandte. Dafür brachte das Merza-Licht die Konturen der Dinge deutlicher zum Vorschein. Fast schien es, als würde es diese von innen heraus zum Leuchten bringen.
Das Gift der Finsternis
Aufgrund der Eigenrotation von Kadohan war mal der eine, mal der andere Tag länger. Hell war es aber immer. Für den Expeditionsleiter war das der wichtigste Unterschied zum Leben auf der Erde, wo es, in längeren oder kürzeren Abständen, einen steten Tag-Nacht-Wechsel gab.
Musste, so fragte er sich, das regelmäßige Versinken ihrer Welt in völliger Dunkelheit nicht auch das Wesen der Erdlinge in ganz bestimmter Weise beeinflussen? War es nicht naheliegend, dass die augenfällige Unmöglichkeit, dem Sturz in die Finsternis zu entgehen, den Keim der Verzweiflung und eines blindwütigen Zorns gegen das eigene, unabwendbare Schicksal in ihnen legte? Ließ sich so nicht auch die Tendenz der Erdlinge erklären, sich immer wieder gegenseitig auszurotten, ja sogar den eigenen Planeten, ihre Nabelschnur zum Bauch des Kosmos, zu zerstören?
Für den Expeditionsleiter ergab sich hieraus auch eine Sorge, die ihn zögern ließ, den eigentlich längst möglichen Startschuss für die Invasion der Erde zu geben: Würde der spezielle Takt, der das Leben auf der Erde prägte, langfristig nicht auch das Wesen der Kadohaner verändern? Müssten die Umgesiedelten sich so nicht immer mehr von den Zurückgebliebenen entfremden? Was, wenn das alles durchdringende, alles zersetzende Gift der Finsternis sie am Ende dazu verleiten würde, sich gegen ihren Heimatplaneten zu wenden?
Unvereinbarkeit von kadohanischer und Erdlingszivilisation
Erschwerend kam hinzu, dass ja auch nach der Übernahme des Planeten durch die Kadohaner noch Erdlinge dort leben würden. Deren Wesensmerkmale würden sich so auch unmittelbar, unabhängig von den Einflüssen des Lebensrhythmus auf der Erde, auf die Neuankömmlinge übertragen. Dadurch könnte am Ende eine neue Spezies entstehen, die sich sowohl von den Erdlingen als auch von den Kadohanern deutlich unterscheiden würde.
Natürlich wusste der Expeditionsleiter um die Alternative, die es zu diesem Szenario gab. Er scheute sich jedoch, sich die Existenz dieser Alternative offen einzugestehen.
Gut, sie hatten in ihren Forschungslaboren auf Kadohan Keime gezüchtet, welche die Erdlinge innerhalb weniger Tage auslöschen konnten. Aber zum einen konnte niemand vorhersagen, ob der tödliche Mikrobencocktail nicht auch alles andere Leben auf dem Planeten unwiederbringlich zerstören und so die ganze Expedition ihres Sinns berauben würde. Und zum anderen widersprach eine solche Vorgehensweise auch allen Grundsätzen, die sie auf Kadohan für den Umgang mit extragalaktischem Leben entwickelt hatten.
Vor allem aber waren die Erdlinge dem Expeditionsleiter während seines Aufenthalts auf dem Planeten viel zu vertraut geworden, als dass er über die Auslöschung der fremden Spezies in reinen Kosten-Nutzen-Kategorien hätte nachdenken können.
Der Reiz des Unvollkommenen
Was den Expeditionsleiter an den Erdlingen anzog, war letztlich gerade das Unvollkommene, Unabgeschlossene ihrer Existenz. Eine so fortgeschrittene Zivilisation wie die kadohanische stand zwar weit weniger als die Erdlingszivilisation in der Gefahr, durch Fehlsteuerungen dem Untergang geweiht zu sein. Die nahezu vollständige Plan- und Vorhersehbarkeit aller Entwicklungen nahm dem Leben aber auch jedes Überraschungsmoment und verhinderte, dass es über sich hinauswuchs, dass es die eigenen Grenzen berührte oder gar durchstieß.
Die Erdlinge kamen dem Expeditionsleiter dagegen manchmal vor wie jene Blumen mit den viel zu großen Blüten, von denen es auf der Erde so viele gab. Überließ man sie ihrem Schicksal, so wurde ihnen ihr eigener Übermut zum Verhängnis. Dann knickten sie um und bezahlten ihr himmelsstürmerisches Streben mit dem vorzeitigen Versinken im Staub. Stützte man sie jedoch, ließ man ihnen auch nur eine geringe Hilfe bei ihrem Wachstum angedeihen, so entfalteten sie eine Pracht, die auf den Expeditionsleiter jedes Mal wie die Verwandlung eines Staubkorns in eine Sonne wirkte.
Hörfassung auf literaturplanetpodcast.com: Teil 2, Kapitel 1 und 2
Interview mit der Autorin (PDF, S. 45 – 49)
Bild: Reimund Bertrams: Beta Lyrae (Pixabay)
Andrea Konter
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