Die Bergwelt – erhaben und schrecklich zugleich

Auszug aus Nadja Dietrichs Roman Kaiserhorst

Bei Nadja Dietrichs „Kaiserhorst“ handelt es sich um einen Kriminalroman in Tagebuchform über rechtsnationale Netzwerke und die vielen Gesichter der Wirklichkeit. Da der Roman teilweise in den Bergen spielt, enthält er auch einige „bergphilosophische“ Passagen.

Kurzporträt des Romans

Im Mittelpunkt von Kaiserhorst steht ein Künstler, der für die Arbeit an seinen Gemälden abendliche Spaziergänge durch den Wald unternimmt. Eines Abends kommt er an einer Jagdhütte vorbei, aus der ein Schmerzensschrei an sein Ohr dringt. Dies ist für ihn der Beginn einer Odyssee, die ihn über eine psychiatrische Anstalt und eine einsame Waldhütte bis zu einem mysteriösen Ort namens „Kaiserhorst“ führt.

Teil 2 des Romans spielt in den Bergen.  Diese sind deshalb auch immer wieder Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen.

Romanauszug

Ist es nicht seltsam, dass Menschen die Welt der Berge als schön empfinden können? Eine Welt, die nicht für sie geschaffen ist, eine Welt, in der alles sie zurückweist, in der jeder lockere Stein ihren Tod bedeuten kann? Eine Welt, in der jeder Windstoß von jenen Elementarkräften gespeist ist, deren entfesseltes Zepter im Flachland als „Unwetter“ gefürchtet wird?

Aber vielleicht ist es ja gerade das, was uns an den Bergen anzieht: dass sie uns ein Fenster in die Welt des absolut Fremden, ganz Anderen öffnen.

Die naheliegendste Haltung im Angesicht der Berge ist folglich die der Kontemplation, der Versenkung in die unendliche Harmonie, die in den sich bis zum Horizont fortzeugenden Gebirgsketten und der bizarren Formensprache der Felsen verborgen ist, in ihren wie zum Gebet gefalteten Kämmen, in denen wir unser ehrfürchtiges Staunen vor der unermesslichen Schöpferkraft gespiegelt finden, unser kindliches Flehen, dass diese Kraft uns nicht aus ihrer Gnade fallen lassen möge.

Nirgends wird die Nähe des Erhabenen zum Schrecklichen so deutlich wie in den Bergen. Und das ist nicht nur eine Frage der Perspektive – in dem Sinne, dass das Erhabene sich als das Schreckliche offenbart, wenn wir ihm zu nahe kommen und von seiner unbändigen Kraft zermalmt werden.

Das Schreckliche tritt vielmehr auch dort an die Stelle des Erhabenen, wo wir dessen Eigen-Sinn missachten und es zu zähmen versuchen; wo wir uns mit gigantischen Stahlwürmern durch die Felsmassive fressen und Betonpfeiler in deren Haut rammen; wo wir auf Stahlseilen wie räuberische Riesenspinnen zu den Gipfeln gleiten. Auch hierdurch bleibt von dem Zweiklang aus Erhabenem und Schrecklichem nur Letzteres übrig.

Andererseits: Bemühen wir uns nicht auch, das Erhabene der Natur in Worte zu fassen? Türkenbundlilie, Frauenschuh, getüpfeltes Knabenkraut … Sind all das nicht Versuche, die bizarre Formensprache der Pflanzenwelt in die Welt der menschlichen Worte und Bilder zu übertragen?

Es ist nicht anders als bei der Bergwelt, wo ja auch einzelne besonders markante Gesteinsformationen mit dem Zuckerguss menschlicher Bilder übergossen und so herausgelöst werden aus der erstarrten Felsenwelle, in der sie verwurzelt sind. So tritt an die Stelle der fremdartigen Gebilde, wie bei den Sternbildern, ein Märchenpanorama aus vermeintlich vertrauten Formen, die in einem in sich selbst geschlossenen Kreislauf auf lauter Sagen, Legenden und sinnerfüllte Figuren verweisen.

Warum sperren wir uns nur so gegen die Sprache der Natur? Was treibt uns dazu, in ihr lediglich einen Spiegel unserer selbst zu sehen?

Dabei spricht die Natur nirgends so vernehmlich zu uns wie hier, in den Bergen. Nirgendwo sonst äußert sie sich in so vielfältigen Formen, an keinem anderen Ort ist ihre Zeichensprache so reichhaltig. Und das gilt nicht nur für die überwältigende Ausdruckskraft der Berge. Auch das Kleine, vermeintlich Unbedeutende spricht hier mit derselben Eindrücklichkeit zu denen, die bereit sind, zuzuhören.

Wer den Wald der Moose, den Dschungel der Flechten oder das Dickicht der Baumpilze durch das Mikroskop betrachtet, wird darin dieselbe spielerische Metamorphose von Formen entdecken, die, wenn auch in einem ungleich gewaltigeren Akt, einst auch die Berge hervorgebracht hat.

Und wer in der einzigartigen Orchidee, die wir „Frauenschuh“ nennen, nicht das sieht, was die Bezeichnung nahe legt, wird in dieser einen Pflanze das ganze Geheimnis der Natur entdecken können: diese bis in die kleinste Synkope hinein durchkomponierte Sinfonie aus Mineralien, winzigen Lebewesen und Pilzsporen, das vielfältige, wenn auch für das bloße Auge unsichtbare Geschehen tief im Innern der Erde, das aus ihrem Schoß das Wunder des Lebens emporsprießen lässt.

Ebook/Printausgabe

Roman als Hörbuch auf literaturplanetpodcast.com

Interview mit der Autorin (PDF, S. 10 – 14)

Bilder: Albert Bierstadt (1830 – 1902): In den Bergen (1867); Hartford/Connecticut, Wadsworth Atheneum Museum of Art (Wikimedia commons); Spialia: Frauenschuh im Naturschutzgebiet Riedholz und Grettstätter Wiesen, Landkreis Schweinfurt, Bayern (Wikimedia commons)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..