Sanitätersoldaten / Paramedic Soldiers

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Die Krankheit, von der Theos Kabinennachbar betroffen war, hat sich rasch ausgebreitet. Ein rigoroser Kampf gegen die Krankheitserreger beginnt.

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Dienstag, 24. März 2521 (83/113)

So langsam spitzen sich die Dinge hier auf recht unangenehme Weise zu. Ab jetzt müssen Schorsch und ich sehr genau darauf achten, keinen Fehler zu machen. Jeder falsche Schritt könnte tödlich sein.

Als ich gestern Abend in das mir zugewiesene Appartement in den Ruhehäusern kam, lag neben dem Gummianzug nicht – wie an den Tagen zuvor – eine frisch gewaschene Kutte, sondern ein Schutzanzug von der Art, wie ihn auch die beiden vermeintlichen Sanitäter getragen hatten. Er war zwar dunkler als dieser, wies jedoch an seiner Rückseite ebenfalls eine Flugdüse auf. Ich hielt das zunächst für einen Irrtum. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir jedoch, dass auch all diejenigen, für die es jetzt Morgen war, Schutzkleidung trugen.
Offenbar hatte jemand dies als vorbeugende Maßnahme gegen eine weitere Ausbreitung der Krankheitserreger, die den Schüler befallen hatten, angeordnet. Demnach stand zu befürchten, dass die Krankheit mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hatte. Eben dies hatte ich bereits gestern vermutet. Da war nämlich meine linke Nachbarkabine zu meiner Überraschung leer geblieben. In der Mittagspause waren mir dann weitere Menschen mit auffallend bleicher Gesichtsfarbe ins Auge gefallen.
Heute Morgen fand ich dann meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Als ich mich in eine der Warteschlangen vor den Riesensonden einordnete, um mir meine Beobachtungskabine anweisen zu lassen, bemerkte ich, dass neben jeder Riesensonde zwei Sanitätersoldaten standen. In ihrer weißen, im Flutlicht grell leuchtenden Kleidung wirkten sie fast schon überirdisch.
Alle Wartenden tasteten sie mit einer Handsonde ab, ehe sie unter die Platzanweisersonde treten durften. Wenn eine der Handsonden einen Befall mit Krankheitserregern anzeigte, wiederholte sich die schreckliche Prozedur, die ich schon bei dem Schüler beobachtet hatte: Einer der beiden Todessanitäter hielt den Unglücklichen fest, der andere verabreichte ihm eine Spritze. Sobald das Opfer sich nicht mehr rührte, wurde es in einen Kunststoffsack gesteckt. Dieser landete dann auf dem Haufen mit den anderen Säcken, die sich bereits neben den Platzanweisersonden angesammelt hatten.
Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass dies vielleicht doch die hier übliche Form der Krankheitsbehandlung sein könnte – etwa eine Art von individualisiertem Krankenhausaufenthalt mit eingebauter Frischzellenkur.
Aber wieso wehrten sich die Betroffenen dann so heftig gegen die Spritzen? War diese Epidemie angesichts der hiesigen antiseptischen Verhältnisse womöglich etwas so Außergewöhnliches für sie, dass sie einfach nicht einschätzen konnten, was auf sie zukam? Oder war das Gegenteil der Fall –verstanden sie nur allzu gut, was mit ihnen geschah?

Warum sind hier eigentlich nirgends alte Menschen zu sehen? Werden die etwa auch zu einem bestimmten Zeitpunkt einer Spritzenbehandlung unterzogen? Oder liegen sie, ein jeder in einer Extra-Kabine, in irgendwelchen Kellerräumen herum und dämmern dort in Vollzeitversorgung dem Tod entgegen, während die Jüngeren in den Beobachtungskabinen gelangweilt ihrem wohl behüteten Sterben zuschauen?
Der Ausbruch der Epidemie hat mir übrigens auch zu neuen Erkenntnissen über die hiesigen Schattenlosen verholfen. Es kam nämlich immer wieder vor, dass sich jemand dem Abtasten mit der Handsonde zu entziehen versuchte. Manche flogen in einem scheinbar unbemerkten Moment in Richtung der Ruhehäuser zurück, andere versuchten sich an den Sanitätersoldaten vorbeizumogeln, als diese gerade einen anderen Körper mit der Handsonde abtasteten.
Wie nicht anders zu erwarten, entging den Anti-Erreger-Kommandos nicht ein einziger derartiger Boykott-Versuch. Sobald sie sahen, dass sich ihnen jemand entziehen wollte, zogen sie dessen Untersuchung vor. Sofern sie bei ihm einen Befall mit Krankheitserregern feststellten, verabreichten sie ihm mit derselben stoischen Ruhe, mit der sie auch alle anderen behandelten, die für diesen Fall vorgesehene Spritze.
Zeigte die Handsonde indessen keinen Erregerbefall an, so nahmen die Sanitätersoldaten ein kompassähnliches Gerät aus ihrer Anzugtasche heraus und richteten es auf den Überprüften. Die Betroffenen wehrten sich dagegen nicht weniger heftig als bei der Zwangsspritzung, aber auch hier war jeder Widerstand zwecklos: Sie hatten keine Chance, der vorschriftsmäßigen Behandlung zu entkommen. Das Resultat war unmittelbar nach der Betätigung des kleinen, rundlichen Apparates zu besichtigen: Die Gehorsamsverweigerer hatten keinen Schatten mehr.
Schattenlosigkeit scheint demnach in dieser Welt gezielt als Kainsmal eingesetzt zu werden. Es zeigt offenbar an, dass die Gebrandmarkten die geltenden Normen verletzt haben. Die Folge davon dürfte sein, dass die zu Schattenlosigkeit Verurteilten sich besonders angepasst verhalten, um ihren Schatten zurückzubekommen.
Dass jemand die Fessel des Schattens abschüttelt, erscheint damit hier so gut wie ausgeschlossen. Wer einen Schatten hat, wird von ihm so gelenkt, dass er nicht nur das Gewünschte tut, sondern sein Tun auch subjektiv als befriedigend erlebt. Wem dagegen der Schatten genommen wird, der fühlt sich halt- und führungslos und tut alles, um wieder in die Welt der „Beschattung“ aufgenommen zu werden.
Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass es keinen Zweck hatte, sich gegen die Handsondenuntersuchung zu wehren, ergab ich mich widerstandslos in mein Schicksal. Dabei musste ich durchaus damit rechnen, dass die Handsonde bei mir anschlagen würde. Schließlich hatte ich zwei Tage lang neben dem Schüler gesessen, der als einer der Ersten von den Erregern befallen worden war.
Das Haupt gesenkt, schritt ich auf die unbestechlichen Richter über Leben und Tod zu. Einen anderen Ausweg sah ich für mich nicht. Wenn auf Ungehorsam hier die Strafe des Schattenverlusts stand, konnte ich mir ja ausrechnen, was jene zu erwarten hatten, die bereits schattenlos waren.
Fast wären mir die Beine weggesackt, als die Reihe an mich kam. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht am ganzen Körper zu zittern, während die unwirklich aussehenden Gestalten mit ihren Handsonden über meinen Körper fuhren.
Millimeter für Millimeter tasteten sie mein Gesicht ab, meine Arme, meine Brust, mein Geschlecht, ohne auch nur die geringste Regung erkennen zu lassen. Jeden Augenblick rechnete ich damit, dass sich die Spritze in mein Fleisch bohren und ich wie so viele andere vor mir in einem der schwarzen Säcke landen würde. Zu meiner Überraschung zeigte die Handsonde bei mir jedoch keinen Erregerbefall an – ich durfte unbehelligt passieren.

English Version

Paramedic Soldiers

The disease that affected Theo’s cabin neighbour has spread rapidly. A rigorous fight against the pathogens begins.

Tuesday, March 24, 2521 (83/113)

So langsam spitzen sich die Dinge hier auf recht unangenehme Weise zu. Ab jetzt müssen Schorsch und ich sehr genau darauf achten, keinen Fehler zu machen. Jeder falsche Schritt könnte tödlich sein.

Als ich gestern Abend in das mir zugewiesene Appartement in den Ruhehäusern kam, lag neben dem Gummianzug nicht – wie an den Tagen zuvor – eine frisch gewaschene Kutte, sondern ein Schutzanzug von der Art, wie ihn auch die beiden vermeintlichen Sanitäter getragen hatten. Er war zwar dunkler als dieser, wies jedoch an seiner Rückseite ebenfalls eine Flugdüse auf. Ich hielt das zunächst für einen Irrtum. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir jedoch, dass auch all diejenigen, für die es jetzt Morgen war, Schutzkleidung trugen.
Offenbar hatte jemand dies als vorbeugende Maßnahme gegen eine weitere Ausbreitung der Krankheitserreger, die den Schüler befallen hatten, angeordnet. Demnach stand zu befürchten, dass die Krankheit mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hatte. Eben dies hatte ich bereits gestern vermutet. Da war nämlich meine linke Nachbarkabine zu meiner Überraschung leer geblieben. In der Mittagspause waren mir dann weitere Menschen mit auffallend bleicher Gesichtsfarbe ins Auge gefallen.
Heute Morgen fand ich dann meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Als ich mich in eine der Warteschlangen vor den Riesensonden einordnete, um mir meine Beobachtungskabine anweisen zu lassen, bemerkte ich, dass neben jeder Riesensonde zwei Sanitätersoldaten standen. In ihrer weißen, im Flutlicht grell leuchtenden Kleidung wirkten sie fast schon überirdisch.
Alle Wartenden tasteten sie mit einer Handsonde ab, ehe sie unter die Platzanweisersonde treten durften. Wenn eine der Handsonden einen Befall mit Krankheitserregern anzeigte, wiederholte sich die schreckliche Prozedur, die ich schon bei dem Schüler beobachtet hatte: Einer der beiden Todessanitäter hielt den Unglücklichen fest, der andere verabreichte ihm eine Spritze. Sobald das Opfer sich nicht mehr rührte, wurde es in einen Kunststoffsack gesteckt. Dieser landete dann auf dem Haufen mit den anderen Säcken, die sich bereits neben den Platzanweisersonden angesammelt hatten.
Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass dies vielleicht doch die hier übliche Form der Krankheitsbehandlung sein könnte – etwa eine Art von individualisiertem Krankenhausaufenthalt mit eingebauter Frischzellenkur.
Aber wieso wehrten sich die Betroffenen dann so heftig gegen die Spritzen? War diese Epidemie angesichts der hiesigen antiseptischen Verhältnisse womöglich etwas so Außergewöhnliches für sie, dass sie einfach nicht einschätzen konnten, was auf sie zukam? Oder war das Gegenteil der Fall –verstanden sie nur allzu gut, was mit ihnen geschah?

Warum sind hier eigentlich nirgends alte Menschen zu sehen? Werden die etwa auch zu einem bestimmten Zeitpunkt einer Spritzenbehandlung unterzogen? Oder liegen sie, ein jeder in einer Extra-Kabine, in irgendwelchen Kellerräumen herum und dämmern dort in Vollzeitversorgung dem Tod entgegen, während die Jüngeren in den Beobachtungskabinen gelangweilt ihrem wohl behüteten Sterben zuschauen?
Der Ausbruch der Epidemie hat mir übrigens auch zu neuen Erkenntnissen über die hiesigen Schattenlosen verholfen. Es kam nämlich immer wieder vor, dass sich jemand dem Abtasten mit der Handsonde zu entziehen versuchte. Manche flogen in einem scheinbar unbemerkten Moment in Richtung der Ruhehäuser zurück, andere versuchten sich an den Sanitätersoldaten vorbeizumogeln, als diese gerade einen anderen Körper mit der Handsonde abtasteten.
Wie nicht anders zu erwarten, entging den Anti-Erreger-Kommandos nicht ein einziger derartiger Boykott-Versuch. Sobald sie sahen, dass sich ihnen jemand entziehen wollte, zogen sie dessen Untersuchung vor. Sofern sie bei ihm einen Befall mit Krankheitserregern feststellten, verabreichten sie ihm mit derselben stoischen Ruhe, mit der sie auch alle anderen behandelten, die für diesen Fall vorgesehene Spritze.
Zeigte die Handsonde indessen keinen Erregerbefall an, so nahmen die Sanitätersoldaten ein kompassähnliches Gerät aus ihrer Anzugtasche heraus und richteten es auf den Überprüften. Die Betroffenen wehrten sich dagegen nicht weniger heftig als bei der Zwangsspritzung, aber auch hier war jeder Widerstand zwecklos: Sie hatten keine Chance, der vorschriftsmäßigen Behandlung zu entkommen. Das Resultat war unmittelbar nach der Betätigung des kleinen, rundlichen Apparates zu besichtigen: Die Gehorsamsverweigerer hatten keinen Schatten mehr.
Schattenlosigkeit scheint demnach in dieser Welt gezielt als Kainsmal eingesetzt zu werden. Es zeigt offenbar an, dass die Gebrandmarkten die geltenden Normen verletzt haben. Die Folge davon dürfte sein, dass die zu Schattenlosigkeit Verurteilten sich besonders angepasst verhalten, um ihren Schatten zurückzubekommen.
Dass jemand die Fessel des Schattens abschüttelt, erscheint damit hier so gut wie ausgeschlossen. Wer einen Schatten hat, wird von ihm so gelenkt, dass er nicht nur das Gewünschte tut, sondern sein Tun auch subjektiv als befriedigend erlebt. Wem dagegen der Schatten genommen wird, der fühlt sich halt- und führungslos und tut alles, um wieder in die Welt der „Beschattung“ aufgenommen zu werden.
Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass es keinen Zweck hatte, sich gegen die Handsondenuntersuchung zu wehren, ergab ich mich widerstandslos in mein Schicksal. Dabei musste ich durchaus damit rechnen, dass die Handsonde bei mir anschlagen würde. Schließlich hatte ich zwei Tage lang neben dem Schüler gesessen, der als einer der Ersten von den Erregern befallen worden war.
Das Haupt gesenkt, schritt ich auf die unbestechlichen Richter über Leben und Tod zu. Einen anderen Ausweg sah ich für mich nicht. Wenn auf Ungehorsam hier die Strafe des Schattenverlusts stand, konnte ich mir ja ausrechnen, was jene zu erwarten hatten, die bereits schattenlos waren.
Fast wären mir die Beine weggesackt, als die Reihe an mich kam. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht am ganzen Körper zu zittern, während die unwirklich aussehenden Gestalten mit ihren Handsonden über meinen Körper fuhren.
Millimeter für Millimeter tasteten sie mein Gesicht ab, meine Arme, meine Brust, mein Geschlecht, ohne auch nur die geringste Regung erkennen zu lassen. Jeden Augenblick rechnete ich damit, dass sich die Spritze in mein Fleisch bohren und ich wie so viele andere vor mir in einem der schwarzen Säcke landen würde. Zu meiner Überraschung zeigte die Handsonde bei mir jedoch keinen Erregerbefall an – ich durfte unbehelligt passieren.

Bilder / Images: Pete Linforth (TheDigitalArtist): Gasmaske / Gas mask (Pixabay); Gerhard Janson: Schutzanzug eines Astronauten / Protective suit of an astronaut (Pixabay; modifizierter Ausschnitt / detail, modified)

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