Peinlicher Zwischenfall / Embarrassing Incident

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Als Theo das Schlauchurinal benutzt, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes. Er traut sich kaum, darüber zu reden.

Text hören

Sonntag, 22. März 2521 (81/113)

Es gibt Dinge, die sind so peinlich, dass man sich sogar scheut, sie für sich selbst aufzuschreiben …
Als ich heute Abend wieder das Schlauchurinal benutzt habe, hat sich dieses plötzlich verengt und sich wie eine lebendige Gummihaut um mein Geschlechtsteil gelegt. Dieses wurde dann rhythmisch hin und her bewegt, so dass ich mich fühlte wie ein Stier in einer Versuchsanstalt für künstliche Befruchtung. Das Erniedrigende daran war, dass ich nicht nur gegen den Mechanismus machtlos war, sondern auch meinem eigenen Trieb hilflos ausgeliefert war, also gewissermaßen von außen und innen gleichermaßen vergewaltigt wurde.
Ich frage mich, wodurch der Mechanismus ausgelöst wurde. War vielleicht irgendeine Hormonkonzentration in meinem Urin erhöht, die in dem Schlauch den „Melkvorgang“ aktiviert hat? Oder gibt es hier so etwas wie einen Zufallsgenerator, der in regelmäßigen Abständen einzelne Appartements zur Spermienabgabe auswählt?
Dies wirft natürlich auch die Frage auf, wie hier die Nasszellen für Frauen aufgebaut sind. Sollte es sich bei der Schlauchmassage um eine der Triebabfuhr dienende Maßnahme handeln, so müsste es etwas Ähnliches auch in den für Frauen vorgesehenen Appartements geben. Liegt der Sinn dagegen in einem Beitrag zur biologischen Reproduktion der Gemeinschaft, so müsste das Pendant dazu bei Frauen eher eine spezielle Station zur Eientnahme sein. Allerdings ähneln die Menschen einander hier so sehr, dass die Reproduktion genauso gut per Klonung erfolgen könnte.
Ein interessantes Gedankenexperiment: Wie verändert sich der Geschlechtstrieb, wenn er nicht nur gänzlich von der Fortpflanzungsfunktion abgekoppelt wird, sondern auch in keiner Weise mehr mit der emotionalen Bindung an andere Menschen verknüpft ist? Lebt der menschliche Körper dann einfach in seiner alten Form weiter, sozusagen als sein eigener Anachronismus? Oder führt dies langfristig auch zu Veränderungen im Hormonhaushalt?
Eine ganz andere Frage ist, ob es wünschenswert ist, sich von einer solchen Grunderfahrung der menschlichen Existenz abzuschneiden. Oder gehe ich da vielleicht zu sehr von den Prämissen meiner ehemaligen Gegenwart aus? Schließlich hätte ein Mensch aus dem Jahr 1485, der 500 Jahre in die Zukunft gebeamt würde, wohl ganz ähnliche Empfindungen wie ich jetzt. Die zahlreichen neuen Möglichkeiten, die sich aus der technischen Weiterentwicklung ergeben, würde er wahrscheinlich bewundern. Unseren Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen, die ja von eben dieser Weiterentwicklung bestimmt sind, würde er aber wahrscheinlich fremd gegenüberstehen.
Vielleicht lebe ich einfach noch nicht lange genug in dieser Zeit, um das Denken und Fühlen der Menschen hier nachvollziehen zu können. Vielleicht ist das, was mir als „leerer Blick“ erscheint, in Wirklichkeit der Ausdruck einer völligen inneren Ausgeglichenheit. Möglicherweise empfinde ich diese nur deshalb als „leer“, weil ich, von meiner eigenen Zeit ausgehend, ein erfülltes Leben mit ständigem In-Bewegung-Sein und einem unausgesetzten Angebot vielfältigster Reize gleichsetze.
Ist es am Ende nicht völlig unmöglich, sich in eine fremde Zeit hineinzufühlen? Schließlich darf ich auch nie die Grundstimmung außer Acht lassen, mit der ich mich durch diese Zeit bewege. Ich habe ja nicht nur Angst um mein eigenes Leben, sondern auch um das von Lina und Yvonne, von denen nach wie vor jede Spur fehlt. Schon deshalb muss mir alles um mich her kalt und leer vorkommen.


English Version

Embarrassing Incident

When Theo uses the hose urinal, something completely unexpected happens. He hardly dares to talk about it.

Sunday, March 22, 2521 (81/113)

Some things are so embarrassing that you even shy away from writing them down for yourself …
When I used the tube urinal again this evening, it suddenly constricted and wrapped itself around my genitals like a living rubber skin. This was then moved rhythmically back and forth, so that I felt like a bull in an experimental facility for artificial insemination.
The humiliating thing about it was that I was not only powerless against the mechanism, but also helplessly at the mercy of my own urges. So, in a sense, I was raped from the outside and the inside alike.
I wonder what triggered the mechanism. Was there perhaps an increased concentration of some hormone in my urine that activated the „milking process“ in the tube? Or is there something like a random generator here that selects individual apartments for sperm delivery at regular intervals?
Of course, this also raises the question of how the wet cells for women are constructed here. If the hose massage is a measure serving the discharge of urges, then there should be something similar in the apartments for women. If, on the other hand, the purpose is to contribute to the biological reproduction of the community, the counterpart for women would have to be a special center for egg collection. However, humans are so similar to each other here that reproduction could just as well be effected by cloning.
An interesting thought experiment: How does the sex drive change when it is not only completely detached from the reproductive function, but is also no longer linked to an emotional relation with other people? Does the human body then simply live on in its old form, as its own anachronism, so to speak? Or does this also lead to changes in the hormone balance in the long run?
A completely different question is whether it is desirable to cut oneself off from such a basic experience of human existence. Or are my reflections here perhaps based too much on the premises of my former present? After all, a person from the year 1485, beamed 500 years into the future, would probably have quite similar feelings as I am experiencing now. The numerous new possibilities resulting from technological advancement would probably be received with admiration. However, the changed lifestyles and values arising from this very development would probably be alien to this time traveller.
Perhaps I simply haven’t lived long enough in this time to understand the thinking and feeling of the people here. What appears to me as an „empty look“ may in fact be the expression of a complete inner balance. Possibly I only perceive it as „empty“ because, based on my own time, I equate a fulfilled life with being constantly in motion and with an unceasing supply of manifold stimuli.
In the end, isn’t it completely impossible to empathise with a foreign time? And isn’t my entire perception influenced by the mood with which I move through this time? After all, I am not only afraid for my own life, but also for that of Lina and Yvonne, who remain missing without a trace. For that reason alone, everything around me must seem cold and empty.

Bilder / Images: Owensart: Surreale Fantasie / Surreal Fantasy (Pixabay); Gerd Altmann: Herzfrequenz / Heart rate (Pixabay)

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